Ekkehard Roepert Forchheim —  Die 40 Briefe, die der Nachwelt erhalten blieben, wären an sich schon ein aufregendes Zeitdokument. Denn sie erzählen von dem ungewöhnlichen Leben des Forchheimers Ignaz Rosen, der am 9. März 1870 als 16-Jähriger aus der Provinz aufbrach, um als Musiker sein Glück in Amerika zu suchen.

Doch welch ungeahnte Wendungen in dieser Auswanderer-Geschichte steckten; und welch sagenhaftes Leben Ignaz Rosen in der Fremde führte, das wird erst jetzt offenbar, da die Ereignisse über 100 Jahre zurückliegen.

"Ignaz Rosen - Ein Forchheimer in New York", so haben Rolf Kießling und Michael Kotz ihr Buch über den Auswanderer betitelt. Dass diese "Stationen eines außergewöhnlichen Lebens" - so der Untertitel des Buches - überhaupt beleuchtet werden konnten, verdankt sich einer außergewöhnlichen Team-Leistung sowie der verwandtschaftlichen Beziehung zwischen Rosen und der Familie Kotz.

Denn Ignaz Rosen ist der Urgroßonkel von Michael Kotz. Dessen Mutter Käthe Kotz hatte die in Sütterlin verfassten Rosen-Briefe entziffert. Und als Michael Kotz erfuhr, dass Rolf Kießling mit Auswanderer-Geschichten beschäftigt ist, überließ er die Briefe dem befreundeten Historiker.

Der recherchierte den familiären Hintergrund in Forchheimer, Bamberger, Fürther und Eichstätter Archiven. Der biografische Essay, den Rolf Kießling dann über Ignaz Rosen verfasste, habe "viele neue und wertvolle Erkenntnisse ans Tageslicht" gebracht, sagt Michael Kotz: "Rolf legte damit das Fundament für unser gemeinsames Projekt. Durch seine Erfahrung gab er dem Buch über den gesamten Zeitraum Struktur."

Recherche in New York

Doch gerade das spätere Leben des Auswanderers blieb fast in Gänze rätselhaft. Das trieb Michael Kotz um. "Michael ist dann viel tiefer eingestiegen", sagt Kießling über seinen Co-Autor, der gelernter Diplom-Ingenieur ist. Der Urgroßneffe von Ignaz Rosen begann im Internet zu recherchieren. Und machte sich schließlich mit seiner Frau Nicole Kotz auf den Weg über den Atlantik.

Die Spurensuche erbrachte Erstaunliches: Ignaz Rosen hatte nicht einfach ein mühsames Wanderleben als Musiker geführt und sich in einem an musikalischen Talenten reichen Land in der Musik-Szene behauptet. Vielmehr war es ihm gelungen, den klassischen amerikanischen Traum zu leben. Zwar nicht vom Tellerwäscher zum Millionär, aber vom Zirkusmusiker zum Orchestermusiker, der sich schließlich in der Spitze der Opernwelt festsetzte. Und der nicht nur die Begabung hatte, fünf Instrumente zu beherrschen, sondern auch als Geschäftsmann ein glückliches Händchen bewies.

Aus dem anfänglichen Bild des Ignaz Rosen, der knappe und sehr emotionale Briefe an seine Forchheimer Verwandtschaft schreibt und sich einen Namen als treuer und reicher Onkel aus Amerika macht, entsteht im Laufe des Buches ein viel facettenreicheres Bild: Ignaz Rosen, der Gesellige und Wohltätige; der offensichtlich brillante Musiker an der Metropolitan Opera; der geschickte Geschäftsmann, der sich an der Spitze der bedeutendsten Musikergewerkschaft des Landes behauptet, dabei machtvoll gegen Konkurrenten kämpft und viel Geld verdient.

Und schließlich das mysteriöse Ende eines Forchheimers in New York: Der geheimnisvolle Bruch in der Biografie von Ignaz Rosen verleiht dem letzten Drittel des Buches Krimi-Qualität. Denn Michael Kotz ist bei seinen Recherchen an den Wohn- und Wirkungsorten, am Sterbeort und am "No-name-Grab" von Ignaz Rosen auf Indizien gestoßen, die es nicht unwahrscheinlich machen, dass sein Urgroßonkel ermordet und um sein Vermögen gebracht wurde.

Die Musikergewerkschaft, der Rosen als Finanzvorstand angehörte, eine Organisation mit Millionen-Besitz, war in den Gewerkschaftskrieg der 20er Jahre verwickelt. Und Rosen starb in der neurologischen Abteilung einer Armen-Klinik, in der er der Willkür eines Chefaufsehers ausgeliefert war, der ebenfalls in den Gewerkschaftskrieg verwickelt war. Zudem wurde sein Totenschein nachweislich gefälscht. Die Summe der Indizien - insgesamt 14 - sei gewaltig, sagt Michael Kotz. Er spricht nicht von Mord, sagt aber in aller Vorsicht: "Dieses Ende war nicht normal."

So endet dieses Leben, das 1853 in Forchheim begann, nach 71 Jahren in einem fragwürdigen Neurologischen Hospital in New York. "Es ist etwas deprimierend, dass so wenig von ihm geblieben ist", bedauert Rolf Kießling. "Es ist ein Verschwinden, selbst der Name wird verwischt. Er war nicht mehr Herr über sich selbst, man hätte ihm ein besseres Ende gewünscht."

Obwohl unklar bleibt, welche Rolle Ignaz Rosen im System der Musikergewerkschaften gespielt hat, kann sich Michael Kotz glücklich schätzen: Gemeinsam mit Rolf Kießling hat er das Leben seines Urgroßonkels sichtbar gemacht. "Für mich ist das Thema abgeschlossen", sagt er. Um wenig später hinzuzufügen: "Aber das haben wir so oft gesagt in den letzten vier Jahren."