Sommer 1985. Tante Berta aus Gelsenkirchen ist zu Besuch bei ihrer weitläufigen Verwandtschaft in Neustadt. Es ist Sonntagmittag und Mutter räumt den Tisch ab. Vater: Die Klöß` waren wieder richtig gut. Wie wäre es jetzt mit einem Verdauungsspaziergang? Lasst uns an die Gebrannte Brücke fahren. Da gibt's immer was zu sehen. Tante Berta: Na dat is ja toll, wollte schon immer mal die Grenze so von nah sehen. Wir vom Pott kennen die DDR ja nur aus dem Fernsehen. Sohn: Muss ich da mit? Bestimmt fängt Mutti gleich wieder das Heulen an. Vater: Keine Widerrede. Mutter: Also ehrlich, ich würd ja lieber daheim bleiben und aufspülen. Mich nimmt das tatsächlich immer so mit. Tante Berta: Ach komm doch, Hilde. Will doch och mal sehen, wo du aufgewachsen bist. Musste mir zeigen und was dazu erzählen. Mutter: Also gut. Sohn: Wenn ich schon mit muss, dann hol aber auch das Fernglas aus dem Schrank. Will Tante Berta mal zeigen, wo die Grenzer überall stehen und was für Maschinengewehre die rumhängen haben.

Zehn Minuten später, kurz vor der Gebrannten Brücke: Tante Berta: Oh mein Gott, datt gibt es doch gar nich. Schaut euch diese Zäune an. Vater: Minen, Selbstschussanlagen, bewaffnete Grenztruppen, der Staat weiß, wie er sich vor dem freien Westen schützen kann. Sohn: Papa, was ist eigentlich der freie Westen? Wie stehen doch hier im Süden von der Grenze. Vater: Der freie Westen, das bedeutet, dass wir reisen dürfen, Meinungsfreiheit haben und auch mal über die Regierung schimpfen dürfen. Und vom größten Teil der Bundesrepubliok aus gesehen, liegt die DDR ja im Osten. Tante Berta: Ja, von Gelsenkirchen aus auf jeden Fall. Mutter: Hört doch auf, denkt doch an die Menschen, die dort eingesperrt sind und nur wenige Meter von uns entfernt stehen. Guck, Tante Berta, dort drüben ist das Gasthaus "Grüner Baum". Da hab ich als Kind immer rote Limo getrunken. Ob's die dort immer noch gibt? Sohn: Gleich geht die alte Leier wieder los. Bitte Mutti, sei doch froh, dass ihr rechtzeitig rübergekommen seid. Mutter: Bin ich ja auch. Aber du verstehst das nicht. Da drüben hab ich im Sandkasten gesessen, bin mit meinem roten Roller durch die Gassen gefegt. 50 Meter von hier "wohnt" meine Kindheit. Und die war über Nacht weg. Ich durfte niemanden davon erzählen, dass wir flüchten. Nie mehr mit Paula Kaulquappen fangen, nie mehr Tante Friedas Streußelkuchen essen, nie mehr den Lindenbaum vorm Haus blühen sehen. Tante Berta: Schau doch, der Soldat. He, Sie da. Lächeln Sie doch mal. Haaallo... Vater: Vergiss es. Die lachen nie. Kommt, lasst uns lieber weitergehen. Laufen wir ein Stück an der Grenze entlang. Bis zur Bergmühle. Dort trinken wir Kaffee und essen leckeren Wurstkuchen. Der ist schön fett, aber leichter zu verdauen als das hier.