Vor 50 Jahren starb der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Am 19. April 1967 schloss Konrad Adenauer in Rhöndorf die Augen. Da war die Nürnbergerin Irmgard Meyer 39 Jahre alt. Ob "der Alte", wie Adenauer oft genannt wurde, sich noch an sie erinnert hätte? Irmgard Meyer erinnert sich heute noch an ihn, war sie doch weit vor 1967 für ein Jahr in seinen Diensten gestanden. Eine kleine Reise zu Erinnerungen.
Vor wenigen Tagen feierte Irmgard Meyer ihren 90. Geburtstag. Blickt sie aus dem Fenster, hat sie von ihrem Altenheim aus eine schöne Aussicht. Seit zwei Jahren lebt sie am Obermain. Manchmal sind die Tage einerlei, dann ist sie etwas tüdelig, wie der Hamburger sagen würde. Manchmal aber steht ihr junges Leben deutlich vor ihr. So wie im Jahr 1952, als sie sich entschied, nach Bonn zu gehen. "Ich wollte da sein, wo was entschieden wird", erklärt die alte Dame und lässt auf einer Buchseite ihren Finger hinauf zum Foto des Hotels Petersberg fahren. Der Petersberg bei Bonn war das Bundesgästehaus, oder wie es offiziell heißt: Gästehaus der Verfassungsorgane der Bundesrepublik Deutschland. Queen Elizabeth II. war hier schon untergebracht, Nelson Mandela auch, Äthiopiens Kaiser Haile Selassie I., Boris Jelzin oder Michail Gorbatschow. Doch der Zugang der 90-Jährigen zu dem Foto ist ein anderer. Sie bestaunt die durchgezogene weiße Linie auf der gebogenen Straße, die sich auf dem schwarz-weißen Foto durch Bewaldung hinauf zum Domizil zieht. "Der lange weiße Streifen, der war eine Besonderheit, denn wer hatte in den 1950ern schon geteerte Straßen", so Irmgard Meyer. In diesem Satz liegt sehr viel, denn er macht ihr die Bedeutung des Ortes bewusst. Wer hatte solche Straßen, wenn nicht die Orte in und um der Bundeshauptstadt. Die Rentnerin vermutet auch, dass das Hotel womöglich übergangsweise von Konrad Adenauer bewohnt worden sein mochte, "bevor Adenauer seine Dienstwohnung bekam".


" ... da ist was los"

Wie es zu ihrer Bewerbung nach Bonn kam, weiß die Frau noch genau. "Geschickt hat mich keiner, ich habe hingewollt." Spätestens ab dem Zeitpunkt, als sie eine Zeitungsannonce bemerkte, in der die Rede davon war, dass Sekretärinnen gesucht würden. Das sprach die 25-jährige einstige Handelsschülerin an. "Meine Bewerbung ging ans Bundeskanzleramt. Ich habe mir gedacht, da ist was los, da kannst du was lernen." Dann, nach einer Weile, kam Post zu ihr. Offiziell aussehend, weil mit dem Bundesadler auf dem Kuvert. Den Moment des Öffnens hat sie noch im Gedächtnis, vor allem ihre fränkische Reaktion: "Ui, schee!" Genommen also. Die Unterbringung bestand aus nur einem Zimmer. "Das habe ich mir gesucht, damals gab es ja auch kaum Wohnraum", so die Rentnerin zur Wohnungssituation wenige Jahre nach dem Krieg.
An ihren ersten Arbeitstag kann sie sich nicht mehr so genau entsinnen. Auch nicht daran, wo sie ihre einstige Mitarbeiterausweis hingetan hat. Vor wenigen Jahren begab sie sich mit dieser besuchsweise in die Nähe der heutigen Politik und durfte feststellen, dass der Ausweis von einst heute kein Türöffner mehr ist. Mag sie auch verschollen sein, so versichert doch das Heimpersonal jederzeit, dass die Karte existent war. Doch welche Erinnerungen hat Irmgard Meyer an Konrad Adenauer, der hager und groß war, dem man eine katholische Fröhlichkeit ebenso wie eine preußische Disziplin nachsagte.


Er war nicht von oben herab

War er freundlich? "Unbedingt. Er war net so, dass man sagt, er war von oben herab. Der war für seine Angestellten zu sprechen - ein angenehmer Mensch." Korrespondenz und politische Reden hatte sie zu tippen. Manchmal habe sie auch im Bundestag gesessen und die Reden verfolgt. "Der war mit Köpfchen", erinnert sich Irmgard Meyer an den Kanzler und tippt sich dabei an die Stirn. Von 8 bis18 Uhr sei ihre Arbeitszeit gegangen und scheint's habe "der Alte" nicht nur viel von sich selbst, sondern auch von seinen Mitarbeitern verlangt. Die Wochenenden aber waren frei. Dann pendelte Irmgard Meyer nach Nürnberg, auch um "frische Wäsche zu holen". Ein Jahr lang blieb die damals junge Frau in Bonn, dann zog es sie zurück nach Franken. "Die Ämter sind ja auch aufgebaut worden", erklärt sie. In einem dieser Ämter, dem Bundesamt für Arbeit, wurde sie tätig. Wenn sie heute Bilder von damals und von Konrad Adenauer im Fernsehen sieht, überkomme sie keine Wehmut. Es war Episode, sozusagen, "es ist nicht mehr weiter interessant".