Gerhard Deutschmann Ihre vielgerühmten Stradivari-Instrumente mussten sie aus Sicherheitsgründen in Rom lassen, die zwei Damen und vier Herren des Sestetto Stradivari, welches vor 20 Jahren von Mitgliedern des traditionsreichen Orchesters der Accademia Nationale di Santa Cecilia in Rom gegründet wurde und zum Auftakt einer Deutschland-Tournee in Coburg gastierte.

Das Streichsextett besteht heute aus David Romano und Marlène Prodigo (Violinen), Raffaele Malozzi und David Bursack (Violen) sowie Diego Romano und Sara Gentile (Violoncelli). Hohe Virtuosität und musikalische Leidenschaft sind die Markenzeichen des Ensembles, welches die Mitglieder und Gäste der Musikfreunde im Kongresshaus restlos begeisterte, auch wenn sie zwar nicht auf echten Stradivaris konzertierten, aber wertvolle gleichwertige italienische Instrumente aus dem 18. Jahrhundert mitgebracht hatten, deren Klang den ersteren durchaus ebenbürtig war.

Dramatische Akzente

Die Literatur für Streichsextett ist recht dünn gesät. Auf Anhieb fallen einem da nur Brahms und Tschaikowski ein. Immerhin komponierte Johannes Brahms gleich zwei Werke dieser Gattung, von denen das erste in B-Dur op.18 aus dem Jahr 1860 zu Beginn erklang.

Der Komponist selbst bezeichnete das melodiöse Werk als "langes sentimentales Stück", was sicher etwas übertrieben ist, denn nicht nur schwelgerische Lyrik, sondern auch dramatische Akzente finden sich in dem klangvollen Werk, das die typisch Brahmssche verschlungene Stimmführung und häufig orchestrale Dichte aufweist.

Makelloses Zusammenspiel

Am eindrucksvollsten ist sicherlich der 2. Satz mit seinem weihevollen Thema und den sechs anfangs recht stürmischen Variationen. Das Sestetto Stradivari sorgte mit nahtlosem Zusammenspiel und breiter dynamischen Palette für eine tiefgründige, dichte Wiedergabe des selten zu hörenden Werks.

"Souvenir de Florence"

Eine echte Premiere für Coburg war das nach der Pause folgende Streichsextett d-Moll op.70 von Peter Tschaikowski, das den Titel "Souvenir de Florence" trägt und 1890 als letztes Kammermusikwerk des Meisters entstand. Es wurde durch einen Aufenthalt in der Toskana inspiriert. Aber auch die Liebe zur russischen Heimat kommt in dem spritzigen Scherzo-Satz zum Ausdruck. Mit dem temperamentvollen, gleich in die Vollen gehenden Beginn des Werks waren die italienischen Künstlerinnen und Künstler rasch in ihrem Element. Seelenvoll geriet der gesangliche Dialog zwischen Violine und Cello im Adagio, der von einem geisterhaften Intermezzo unterbrochen wird. Hohe Virtuosität verlangte das mit meisterlicher Kontrapunktik versehene Finale, nach dessen atemberaubend temperamentvoll bewältigter Coda begeisterter Beifall einsetzte.

Strauss als Zugabe

Eine außergewöhnlich lange, aber von der Besetzung her passende Zugabe bildete zum besinnlichen Abschluss die stimmungsvolle Einleitung zur Oper "Capriccio" von Richard Strauss.