Michael Busch Nicht erscheinen vor Gericht, kann man. Das gibt die Prozessordnung auch her. Aber ob dieses Vorgehen für eine 19-jährige Herzogenauracherin wirklich geschickt war, musste angesichts eines Verfahrens und dem gesprochenen Urteil am Erlanger Amtsgericht in Frage gestellt werden.

Was war passiert? Im Dezember 2019 querte ein 15-jähriger Schüler den Zebrastreifen am Herzogenauracher Busbahnhof an der Schütt. Die Fahranfängerin, so der Vorwurf des Staatsanwaltes Sommer, habe wegen nicht angepasster Fahrweise ei nasskaltem Wetter in den abendlichen Dämmerungsstunden nicht mehr rechtzeitig bremsen können. Mit hoher Geschwindigkeit erwischte sie den Schüler. Der prallte zunächst auf die Windschutzscheibe und wurde durch die Luft geschleudert.

"Das ist fahrlässige Körperverletzung", führte der Staatsvertreter aus. Gegen den bereits ergangenen Strafbefehl wurde Einspruch eingelegt. "Wir wollen einen Freispruch für unsere Mandantin", erklärten die beiden Rechtsanwältin für ihre Mandantin. Die war aber gar nicht vor Gericht erschienen, eine Entbindung für diesen Termin wurde beantragt und bestätigt.

Freispruch gefordert

Vor Ort waren allerdings eine Zeugin, die den Unfall gesehen hatte und das Unfallopfer zusammen mit seiner Mutter. Die Hoffnung der Rechtsanwälte auf einen Freispruch bestand darin, dass der Unfallhergang nicht rekonstruierbar sei. "Es gibt kein unfallanalytisches Gutachten", wurde vorgetragen. Der Fehler der Mandantin also nicht nachweisbar. "In dubio pro reo", reklamierte der Anwalt - im Zweifel für den Angeklagten.

Doch Richter Wolfgang Pelzl hielt die Ausführungen der Zeugen für durchaus nachvollziehbar. Die Zeugin, konnte das Geschehen letztlich nachvollziehbar schildern. Sie habe erst den Mann auf dem Zebrastreifen gesehen, dann weggeschaut, einen Knall gehört und beim Hinschauen den Schüler durch die Luft fliegen sehen.

"Ich habe geschrien", antworte sie auf die Frage des Richters, wie die anderen reagiert hätten. Das habe sie so gar nicht wahrgenommen, da sie das gemacht habe, was im Grunde selbstverständlich sein sollte: Sie kümmerte sich um den Verletzten. "Der stand unter Schock und kam langsam wieder zu Bewusstsein", erzählte die 29-jährige Zeugin. "Ich solle mich verpissen", habe der am Boden liegende geäußert.

Davon weiß der Betroffene gar nichts. Er schildert im Gericht, dass er noch wisse, dass er von der Innenstadt kam und den dortigen Fußgängerüberweg queren wollte, da auf der anderen Seite am Busbahnhof Freunde auf ihn warteten. "Und dann weiß ich, dass ich in der Intensivstation aufgewacht bin." Vom Unfall wusste er nichts, er konnte damit auch nicht sagen, ob es Bremsgeräusche gab oder gehupt wurde. Das wusste die Zeugin allerdings auch nicht.

Eine Woche sei er im Krankenhaus gewesen. Schädelbasisbruch, Lendenwirbelsäule gebrochen, Einblutungen ins Hirn - "Eine lebensbedrohende Situation", führte Pelzl aus. Folgeschäden seien aber glücklicherweise ausgeblieben. Ein Um- und Zustand, der die Unfallverursacherin aber offensichtlich nicht interessiert habe. Weder ein Blumenstrauß ins Krankenhaus, unabhängig jeder Schuldfrage, oder der Versuch einer Kontaktaufnahme im Nachhinein. Stattdessen das Fernbleiben vom Gericht, keine Angaben zur Sache, lediglich die Bestätigung, dass sie Fahrerin gewesen sei.

Richter Pelzl hätte auch gerne eine Auskunft von der Jugendhilfe gehabt, doch auch da lag nichts vor. "Man hätte eventuell über das Jugendstrafrecht sprechen können", stellte er in den Raum. Dafür müssten aber entsprechende Kenntnisse vorliegen.

Doch vonseiten der Fahrerin gab es weder diese noch weitere Informationen. Die weiteren zwei Insassen im Auto hatten angegeben, dass sie nichts mitbekommen hätten, da sie in ihre Handys gestarrt hätten. Selbst an der Unfallstelle sei die Fahrerin nicht wirklich aufgefallen, wie die Zeugin schilderte. "Ich kann nicht sagen, wann sie ausgestiegen ist. Sie stand erst später am Unfallort."

Keine Folgeschäden

"Kopfschütteln", äußerte Staatsanwalt Sommer zum Anfang seines Plädoyers. "Die Täterin stellt sich nicht der Situation, aber die Zeugen müssen hier auftreten", warf er den Rechtsvertretern der Beschuldigten vor. Das spreche nicht unbedingt für die junge, sich in der Ausbildung zur medizinischen Assistenten befindlichen Frau. "Und sie verweigert sich etwas zu dem Unfallhergang auszuführen!"

Der Rechtsanwalt führte aus, dass diese moralische Bewertung nicht richtig sei. "Die Prozessordnung sieht dieses Vorgehen vor, das ist dort explizit festgehalten." Und fügte hinzu: "Das dies der Staatsanwaltschaft am Ende des Tages nicht schmeckt, ist mir klar." Die geforderten 100 Tagessätze und der Entzug des Führerscheins seien völlig überzogen. Lediglich ein Freispruch könne angesichts der Beweislage das richtige Urteil sein. Und im Gegensatz zur eigenen Mandantin wendeten sich beide Rechtsanwälte an den im Gerichtssaal sitzenden Geschädigten und erklärten ihm, dass sie froh seien, dass es ihm wieder bessergehe und er keine Folgeschäden davongetragen habe.

Doch das nutzte im Sinne der Verteidigung wenig, für Prozessbeobachter wirkte dieser Versuch wie ein Lippenbekenntnis. Pelzl erklärte im Namen des Volkes, dass die Angeklagte im Sinne der Anklage schuldig sei. 90 Tagessätze in Höhe von 30 Euro und der Entzug des Führerscheins seien die gerechtfertigte Sanktion.

"Es gibt keine Zweifel am Hergang", erläuterte der Richter. Richtig sei, dass die moralische Beurteilung nicht im Vordergrund stehe. Aber man könne einen solchen Prozess durchaus auch unter dem Gesichtspunkt der Wiedergutmachung sehen. "Da ist nichts passiert." Er habe so ein Vorgehen in seiner Richterkarriere noch nicht erlebt und ergänzte: " Es hätte der Angeklagten gut zu Gesicht gestanden. Sie hat einen Pluspunkt liegengelassen."

Glück bei der Strafe

In der Sache selber gelte: "Vor Zebrastreifen hat man seine Geschwindigkeit zu reduzieren, das bekommt man in der Fahrschule eingetrichtert." Und auch ohne Zeugen hätte das Gericht den Unfall nur aufgrund der Lichtbilder so bewertet. Und die Fahrerin habe noch Glück gehabt. "Sie hatte Glück, dass das Unfallopfer nicht gestorben ist." Sie hatte aber auch das Glück, dass der Richter von einem höheren Tagessatz abgesehen hat. "Ich habe schon über 120 Tagessätze nachgedacht", sagte er. Aber bei über 90 Tagessätzen ist man vorbestraft. "Das wollte ich der jungen Frau in der Ausbildung nicht zumuten."

Zumindest sollte ihr klargeworden sein: "Abwesenheit schützt vor Strafe nicht!"