Er war 21 Jahre alt, als er sich bei einer großen Versicherung in Kronach bewarb, nach eigenen Angaben noch "grün" hinter den Ohren war, und dort "die gängige Praxis" befolgt habe. Weil er Kundendaten manipuliert hatte, musste sich ein mittlerweile 31-Jähriger aus dem Landkreis Coburg vor der Ersten Großen Strafkammer wegen Betrugs in 186 Fällen verantworten.
Sieben Jahre lang ermittelten die Behörden, sieben Verhandlungstage konnten durch das umfassende Geständnis des Angeklagten eingespart werden. Jetzt fiel das Urteil: Der Mann wurde zu einer Geldstrafe von 27 000 Euro verurteilt. In einem Verständigungsgespräch zwischen den drei Anwälten des Angeklagten, Richter und Staatsanwaltschaft wurde auf die Verhängung einer Freiheitsstrafe verzichtet.
Der Prozess warf ein negatives Licht auf die Machenschaften der Versicherungsbranche. Der Angeklagte gestand, im Zeitraum Oktober 2007 bis Dezember 2009 falsche Daten in Versicherungsverträge geschrieben zu haben. Davon sollen aber sein Vorgesetzter und weitere Mitarbeiter in der Versicherung gewusst haben. Nicht nur er habe solche Verträge ausgestellt, sagte der Mann. Die Praxis mit den manipulierten Daten sei bei der Versicherung an der Tagesordnung gewesen, damit Konkurrenten unterboten und die Kunden für weitere Versicherungsverträge geködert werden konnten.
186 Fälle hatte man dem 31-Jährigen anfänglich zur Last gelegt. Im Laufe der Verhandlung einigten sich die Parteien darauf, dass man sich auf die beiden Hauptsparten konzentrierte: die Kfz- und die Wohngebäudeversicherung mit 105 Fällen.
Rückblickend müsse er sagen, dass er einfach "zu unbedarft" gewesen sei, meinte der Angeklagte, dessen Kunden hauptsächlich aus dem Raum Kronach stammten. "Ich habe zu wenig hinterfragt und manche Sachen einfach hingenommen, wie es halt gängige Praxis gewesen ist." Als der Mann, der sogar Organisationsleiter wurde, seine Stellung kündigte und mit einigen Mitarbeitern der Versicherung in die Selbstständigkeit wechselte, sei das Betrugsverfahren gegen ihn angestrengt worden. "Rund 4000 Versicherungsverträge hat mein Mandant abgeschlossen", sagte Verteidiger Joachim Voigt in seinem Plädoyer. "Wir reden hier über zwei Prozent seiner Fälle." Seit 2010 führe der Angeklagte ein selbstständiges Versicherungsbüro, bei dem - trotz eines weiteren Ermittlungsverfahrens der Polizei mit Beschlagnahmungen und Durchsuchungen - keine Unregelmäßigkeiten aufgekommen seien. Anwalt Jochen Kaller kritisierte die ermittelnde Beamtin der Kriminalpolizei: "Fest steht, dass sie im Wesentlichen zusammengetragen hat, was die Versicherung ihr geliefert hatte." Bei einer vom Gericht angeordneten Überprüfung weiterer Verträge, die von anderen Mitarbeitern der Versicherung betreut wurden, hatte die Beamtin ebenfalls Hinweise auf Unregelmäßigkeiten und Datenmanipulationen gefunden. So wurde etwa ein Anwesen, das aus dem 17. Jahrhundert stammt, von der Versicherung auf ein Bezugsfertigstellungsdatum von 1983 datiert.
Der Vorsitzende Richter am Landgericht, Christoph Gillot, ging nicht von einer besonderen Schwere der Fälle aus. Zugunsten des Angeklagten, der bisher strafrechtlich nicht in Erscheinung getreten war, wertete er, dass der Mann den Schaden wiedergutgemacht habe.
In einem Vergleich vor dem Arbeitsgericht Bamberg im Jahr 2012 hatte der 31-Jährige 13 000 Euro an seinen ehemaligen Arbeitgeber gezahlt. Auch das Offenlegen des "Systems xxx" (Name der Versicherung, Anm. der Redaktion) mit seinem immensen Erfolgsdruck, erklärte Gillot, spreche zugunsten des Angeklagten. Es sei festgestellt worden, dass es "eine Handhabung in Kronach und Coburg" gab, "gewisse Veränderungen zugunsten der Versicherungsnehmer" vorzunehmen. Sicher sei, dass der 31-Jährige nicht alleine gehandelt habe: "Wir müssen davon ausgehen, dass der Chef davon gewusst und das geduldet hat." Aufgrund der Verjährungsfristen werde die Staatsanwaltschaft keine weiteren Ermittlungen im Bereich der Versicherung aufnehmen, erklärte Oberstaatsanwalt Martin Dippold auf Nachfrage. nau