"Ich will die Treuhand nicht weißwaschen, sondern einen differenzierten Blick auf ihre Tätigkeit werfen", sagt der frühere Spiegel-Redakteur Norbert F. Pötzl. Von 1990 bis 1994 leitete er das Berliner Büro des Nachrichtenmagazins und ist ein veritabler Kenner der Materie. Er hatte Einsicht in das Archiv der Anstalt, beschäftigte sich mit wissenschaftlichen Studien und dem Arbeitsmarkt, führte Gespräche mit Experten aus DDR-Institutionen. Drei Erkenntnisse habe er daraus gewonnen, erläutert der Autor bei seiner Lesung im Saal des Kunstvereins, zu der ihn die Stadtbücherei und die Kulturabteilung eingeladen hatten: "Viele Stilllegungen von DDR-Betrieben verliefen anders, als das immer wieder kolportiert wird. Die hohe Arbeitslosigkeit im Osten nach der Wiedervereinigung ist nicht nur der Treuhand anzulasten, und an der Transformation von der Planwirtschaft in die soziale Marktwirtschaft waren auch Ostdeutsche beteiligt."

Dass zweieinhalb Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz verloren und damit viele Lebensentwürfe zerstört wurden, sei vor allem dem maroden Zustand der Betriebe und der eiligen Währungsunion geschuldet. Die Krux: Wäre es nicht zu einer Eins-zu-eins-Umstellung der Löhne gekommen, hätte das eine Verteuerung der DDR-Produkte um rund 400 Prozent geführt. "28 Millionen Mark wurden eingesetzt, um die Löhne und Gehälter zahlen zu können."

Über Nacht unverkäuflich

Dennoch seien über Nacht die DDR-Produkte unverkäuflich geworden. Beispiel: der Wartburg. "Die Ostdeutschen kauften sich lieber schrottreife Gebrauchtwagen im Westen." Die mit einem VW-Motor ausgestattete Mittelklasselimousine aus Eisenach wurde für 7800 Mark angeboten. Ihre Herstellung aber kostete 14 400 Mark. Die Differenz legte die Treuhand drauf. Dass bis zur Übernahme durch Opel von den ehemals 9500 Mitarbeitern am Ende nur 1900 übrig blieben, habe unter anderem den Grund gehabt, dass auch zu DDR-Zeiten lediglich 2469 Mitarbeiter in der Fahrzeugherstellung beschäftigt waren, der Rest in betriebseigenen Einrichtungen wie Kindergarten, Poliklinik, Baubabteilung und Ferienwohnungen.

Ein anderes Beispiel, das Norbert F. Pötzl ansprach, ist das Kaliwerk Bischofferode, das 1993 in die Schlagzeilen geriet, weil dort Kumpel für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze in den Hungerstreik getreten waren. Es sei behauptet worden, die Kasseler Firma Kali und Salz AG habe die Treuhand gedrängt, das Werk im Südharz stillzulegen, um einen Konkurrenten auszuschalten.

Tatsächlich sei die Kaliproduktion in der DDR wegen hoher Subventionen und niedrigerer Löhne als im Westen auf dem Weltmarkt erfolgreich gewesen. Mit dem Wegfall der Zuschüsse und der Währungsunion sei dieser Vorteil aber weggefallen. Zudem sei weltweit zu viel Kali angeboten worden. Wegen der nach der Wiedervereinigung nun höheren Kosten für den Rohstoff aus Bischofferode sei vor allem der osteuropäische Markt eingebrochen, im Westen sei der Bedarf an Kali drastisch zurückgegangen. Norbert F. Pötzl: "Es wurden weltweit Investoren angeschrieben, aber keiner wollte das Unternehmen."

Doch nicht nur die Treuhand habe Entscheidungen über Entlassungen getroffen. Bereits vor dem Juli 1990 hätten ostdeutsche Betriebsleiter Mitarbeiter freigesetzt - in der Annahme, dass am Ende sowieso nicht alle ihren Arbeitsplatz würden behalten können. Trotzdem ergebe eine Analyse von Marktforschern, dass "mindestens ein Viertel der im November 1989 in der DDR Beschäftigten fünf Jahre später ununterbrochen im selben Betrieb geblieben war". Und etwa ein Drittel aller Betriebe seien in ostdeutscher Hand geblieben, ergänzte Pötzl.

Lebensleistung anerkennen

Woher aber kommt der miserable Ruf der Treuhandanstalt, der bis heute Bestand hat und - das kritisierte der Autor vehement - immer von Neuem durch Politiker und Medien befeuert wird? Dazu zitiert Pötzl in seinem Buch den Sozialpsychologen Harald Welzer: "Geschichte und Erinnerung sind zwei grundverschiedene Dinge." Norbert F. Pötzl plädierte am Ende dafür, die Lebensleistung der Menschen in den neuen Bundesländern anzuerkennen, sie zu respektieren und zu sehen, was sich seit dem Mauerfall zum Positiven verändert hat.