Ebermannstadt — "Gestern, Dienstag, wurden der Kommunist Hübschmann aus Forchheim und zwei Kommunisten aus Höchstadt/Aisch mit dem 10.51 Uhr in Forchheim abgehenden Personenzug ins Konzentrationslager bei Dachau abgeschoben", meldete die Forchheimer Zeitung am 26. April 1933. Die Meldung verursachte keine größere Aufregung, obwohl für die Internierung nur eine "Schutzhaft"-Anordnung vorlag und weil das Volk auch in unserer Region in einer "nationalen Aufbruchstimmung" war.
Grundlage für die Verhängung von Schutzhaft war die "Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat" vom 28. Februar 1933, die die wesentlichsten Grundrechte außer Kraft setzte. Als "Sonderbeauftragte" sorgten "SA-Sturmführer" Thomas Kraus, Streitberg, und "SA-Sturmbannführer" Hans Rammensee, Gräfenberg, ab März 1933 dafür, dass auf dem Land um Forchheim und Ebermannstadt keine "Spitzel und Provokateure" die Anordnungen von Hitlers "Kabinett der nationalen Erhebung" in "Misskredit" bringen konnten.
In Forchheim übernahm der NSDAP-Ortsgruppenleiter Hans Hofmann als "Stadtkommissär" polizeiliche Befugnisse und setzte SA-Leute als "Hilfspolizisten" ein. In den Landkreisen Forchheim und Ebermannstadt wurden an den Ämtern Hakenkreuzfahnen gehisst, in den meisten Gemeinden an Reichkanzler Hitler, Reichspräsident Hindenburg, Gauleiter Schemm und Reichsstatthalter Epp Ehrenbürgerrechte verliehen sowie viele Straßen und Felsen in der Fränkischen Schweiz nach ihnen umbenannt.


Stimme der Demokratie schwieg

Dass mit dem "Ermächtigungsgesetz" am 22. März die parlamentarische Demokratie für zunächst vier Jahre außer Kraft gesetzt wurde, nahmen die Bürger ohne Widerspruch hin. Im Gegenteil: Schon drei Jahre zuvor hatte Hans Räbel, Professor am Progymnasium Forchheim, ehemaliger Landtagsabgeordneter der Bayerischen Volkspartei (BVP) und langjähriger Vorsitzender des städtischen Gemeindekollegiums, mit seinem "Bayerischen Heimat- und Königsbund" gegen "das Verbrechen der Revolution und die Korruption des parlamentarisch, republikanischen Systems im allgemeinen und besonders in Deutschland" gewettert.
Im Forchheimer Tagblatt, der Forchheimer Zeitung und dem Ebermannstädter Wiesent-Boten erhob sich keine Stimme für die Demokratie. Auch nicht als die Forchheimer NSDAP am 1. April 1933 zum Boykott von 18 jüdischen Geschäften in Forchheim aufrief. "Die Regierung der nationalen Erhebung zerschlug schon in den ersten Tagen ihres Bestehens den Kommunismus", hieß es in der groß aufgemachten Anzeige in der "Forchheimer Zeitung": "Aus dessen Trümmern steigt nun ein neuer Feind empor, das internationale Judentum ... Geächtet und verfemt sei, wer noch bei dem kauft, der sich als Erbfeind unseres Volkes zu erkennen gegeben hat."
Nach der Zerschlagung des Kommunismus und dem Wirtschaftskampf gegen Juden rief das NS-Regime "Arbeiter der Stirn und der Faust" auf zum "Bekenntnis des schaffenden deutschen Volkes zum deutschen nationalen Staat."
Groß angelegte 1. Mai-Feiern fanden in Forchheim, Ebermannstadt, Pretzfeld, Niedermirsberg, Unterweilersbach, Wohlmuthshüll und anderen Orten statt. "Deutsche Volksgenossen!", hieß es im Aufruf der NSDAP in Ebermannstadt: "Zeigt dem deutschen Volke und der ganzen Welt, daß es einig und geschlossen dasteht, daß Deutschland erwacht ist und den Weg zu Freiheit und Brot gesucht und gefunden hat."


Zum Gottesdienst marschiert

In Forchheim "marschierten unter Vorantritt der SA-Kapelle SS, HJ, NS-Schülerbund und die Parteimitglieder zum Gottesdienst in der kath. Stadtpfarrkirche", berichtete die Forchheimer Zeitung über den Festakt.
War das das Zuckerbrot, so folgte am Tag darauf die Peitsche. In ganz Deutschland stürmten die Nationalsozialisten die Gewerkschaftshäuser, verboten die Organisation und beschlagnahmten ihr Vermögen. In Forchheim wurden die "Verkaufsstellen der Konsumgenossenschaft von SA-Leuten besetzt und teilweise an den Gebäuden die Hakenkreuzfahne gehißt", meldete die Forchheimer Zeitung. Und: "Im Zusammenhang mit dieser Aktion sind zahlreiche Festnahmen erfolgt." Arbeitgeber und Arbeitnehmer wurden in die Deutsche Arbeitsfront (DAF) gezwungen. Ein Streikrecht gab es damit nicht mehr.


BVP verhandelt mit NSDAP

Nach der Ausschaltung der Linken, der Freien Gewerkschaften und dem antijüdischen Boykott verstärkte sich der Druck auf die Bayerische Volkspartei. Ihr Landesführer, der Reichstagsabgeordnete Hans Ritter von Lex, verhandelte in München mit Hitler über eine gemeinsame Koalitionsregierung und sagte nach eigener Darstellung, dass seine Partei einverstanden sei, den "Bolschewismus auch mit den schärfsten Methoden" zu bekämpfen und den Marxismus niederzuringen. Allerdings seien "gegenüber Sozialdemokraten die brutalen physischen Methoden weniger am Platze".
In Forchheim wehrte sich im April 1933 der BVP-Vorsitzende Fritz Kaiser gegen die Sitzverteilung, die die NSDAP willkürlich zu ihren Gunsten vorgenommen hatte, nahm dann aber seinen Widerspruch unter dem Druck des NSDAP-Ortsgruppenführer Hans Hofmann zurück. Georg Gebhard, städtischer Beamter und seit 1923 in der NSDAP machte Slosorz, dem Vorsitzenden der BVP-Stadtratsfraktion "in einer längeren Aussprache" deutlich, dass die NSDAP "jeden Versuch ... brutal niederschlagen" werde, die "nationale Revolution" in Frage zu stellen. In der konstituierenden Sitzung des mehrheitlich mit Nationalsozialisten besetzten Stadtrats erklärte Slosorz seine Bereitschaft zu "einer ersprießlichen Zusammenarbeit" mit den Nationalsozialisten.


Wahlen nicht anerkannt

In den protestantischen Gemeinden im Umland von Forchheim und Ebermannstadt war die NSDAP bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 vor der BVP stärkste Partei geworden. In Ebermannstadt trat der amtierende Bürgermeister Georg Wagner von der BVP zur NSDAP über, eine Gruppe junger BVP-Mitglieder aber widersetzte sich. In Neuses (Eggolsheim) oder Schlammersdorf traten die amtierenden Bürgermeister mehr oder weniger freiwillig zurück und machten den Weg für Nationalsozialisten frei. In Drügendorf erhielten die gewählten Bürgermeister Weiß und Wehrmann von der NSDAP-Kreisleitung keine Bestätigung, bis der Gastwirt Kohlmann "von amtswegen" eingesetzt wurde. In Pottenstein lehnten die Nationalsozialisten wiederholt die gewählten Kandidaten ab, nahmen einen von ihnen - Inspektor Georg Bauer - drei Wochen in Schutzhaft und setzten durch, dass der "Vollstreckungsobersekretär" Karl Breith Bürgermeister wurde.
Zwei Tage nach der Sitzung des neu gebildeten Forchheimer Stadtrates wurde in ganz Deutschland die SPD verboten. Sie habe "hoch- und landesverräterische Unternehmungen gegen Deutschland" und ihre "nationale Regierung" unternommen und sie sei eine "staats- und volksfeindliche Partei", hieß es. Ihr gesamtes Vermögen wurde beschlagnahmt, ihre Zeitungen verboten und ihren Mitgliedern die Mandate in den "Volks- und Gemeindevertretungen" entzogen. Eine Beschäftigung im öffentlichen Dienst war unvereinbar mit der Mitgliedschaft in der SPD.
In Forchheim wurde der bei der Stadt angestellte Verwaltungsobersekretär Simon Kreppelt in Schutzhaft genommen und aus dem Dienst entlassen. Die Welle von Kündigungen traf aber auch Arbeiter in der Privatwirtschaft wie Johannes Trautner oder Peter Kupfer. Heimlich trafen sich die Genossen weiterhin bei einer Hühnerfarm in der Büg.


BVP-MItglieder verhaftet

Am Tag, als das SPD-Verbot bekannt gemacht wurde, meldete die Forchheimer Zeitung, dass in Bayern auch eine "Aktion gegen BVP-Funktionäre" angelaufen sei, weil sie Kontakte zur Christlich-sozialen Partei in Österreich unterhalten habe, wo die Regierung kurz zuvor die NSDAP verboten hatte.
Am 26. Juni 1933 wurden in Forchheim 7, in Ebermannstadt, Hollfeld und Waischenfeld je 5 führende BVP-Mitglieder verhaftet; je einer aus Pretzfeld, Kobelsberg, Höfen, Treppendorf und Schloss Greifenstein. Um die Freilassung ihrer Mitglieder zu erreichen, beschloss die Landesleitung am 9. Juli die Selbstauflösung der BVP. Ab 1.August waren alle staatlichen Vertretungsorgane in Händen der NSDAP. Damit hatte Hitler erreicht, was er propagiert hatte: die Zerstörung der parlamentarischen Demokratie.