Misereor fordert Deutschland und die Europäische Union zu verstärkten Anstrengungen auf, im Zuge der Corona-Pandemie allen Menschen gleichermaßen und rasch einen Zugang zu Impfstoffen gegen das Virus zu ermöglichen. Im Gespräch mit unserer Zeitung wendet sich Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer des katholischen Werks für Entwicklungszusammenarbeit, gegen einen "Impfnationalismus", der nur die Virus-Situation im eigenen Land im Blick hat.

Herr Spiegel, Sie fordern Impfgerechtigkeit und warnen vor einem Impfnationalismus. Was verstehen Sie unter diesen beiden Begriffen?

Pirmin Spiegel: Unter Impfgerechtigkeit verstehe ich, dass wir alles tun müssen, damit Menschen überall auf der Welt möglichst rasch und flächendeckend gegen das Coronavirus geimpft werden können, wenn sie dies wollen. Tatsache ist aktuell, dass sich zahlreiche wohlhabende Nationen bereits mehr Impfstoff gesichert haben, als sie zur Versorgung ihrer eigenen Bevölkerungen benötigen. Gleichzeitig ist zu befürchten, dass Menschen in Ländern mit hoher Armutsquote im ungünstigsten Fall erst 2022 oder noch später Zugang zu einem Impfstoff erhalten. Das heißt: Wer mehr bezahlt, kommt auch schneller an einen Impfstoff. Wer wie Misereor an der Verwirklichung des Ziels arbeitet, dass allen Menschen ein gutes und würdevolles Leben ermöglicht wird, darf sich nicht damit abfinden, dass es zuvorderst von der Finanzkraft eines Landes abhängt, ob dessen Bevölkerung relativ schnell gegen Covid-19 geschützt werden kann. In diesem Zusammenhang wenden wir uns daher auch gegen einen "Impfnationalismus", der nur die Virus-Situation im eigenen Land im Blick hat und die globale Dimension der Corona-Krise verkennt. Davor kann ich nur warnen, denn eine Pandemie kann nicht mit nationalen Alleingängen bewältigt werden.

Wie kann überhaupt Impfgerechtigkeit hergestellt werden?

Indem die Weltgemeinschaft Voraussetzungen für schnelle und flächendeckende Impfungen schafft. Zu diesem Zweck wurde im Umfeld der Weltgesundheitsorganisation eigens die Initiative Covax (Covid-19 Vaccines Global Access) ins Leben gerufen. Sie ist aktuell unterfinanziert und braucht mehr Geld, um jedem, der dies möchte, eine Impfung zu ermöglichen. Ebenso notwendig ist es, Patente auf vorhandene Impfstoffe befristet auszusetzen, weil die öffentliche Gesundheit bedroht ist. So könnten die benötigten Impfstoffe von mehr Herstellern als bisher produziert werden, und wir würden Zeit gewinnen. Es muss Kontingente geben für die gesamte Weltbevölkerung, um die Impfstoffe proportional der jeweiligen Bevölkerung zu verteilen und die Gefährdungsgrade sowie Vulnerabilität zu berücksichtigen. Impfstoff ist ein globales, öffentliches Gut, das allen weltweit zugänglich sein muss.

Es heißt doch oft "Jeder ist sich selbst der Nächste". Was bedeutet dann die von Ihnen erwartete Solidarität mit schwächeren Staaten?

Sie bedeutet, eine universelle Geschwisterlichkeit im Blick zu haben, über Deutschland und Europa hinaus. Gelingt die Bewältigung der Pandemie nur in einzelnen Regionen der Welt, kann das Coronavirus Zeit zu mutieren haben, also sich genetisch verändern, und kann noch schwerer bekämpft werden. Solidarität mit schwächeren Staaten wird am Ende uns selbst zugutekommen und ist deshalb eine Frage der Vernunft. Es ist nichts gewonnen, wenn wir als Gesellschaft zwar durch eine Impfung geschützt werden, diese jedoch ihre Wirksamkeit verliert, weil das Virus in einem anderen Land mutiert und von dort wieder zu uns getragen wird.

Wie greifbar ist die Gefahr, dass in der Pandemie die armen Länder des Südens mit all ihren Problemen vergessen werden?

Konkrete politische Handlungen bereiten Sorge. Wir wissen um die Herausforderungen der Länder im Globalen Süden. Die Medien berichten darüber, welche humanitäre Katastrophen Corona und seine Folgen anrichten können in Ländern mit schwachen Gesundheitssystemen und ohne soziale Absicherungsmechanismen. Die Ungleichheiten sind enorm, ebenso die Möglichkeiten an Ressourcen zur Bewältigung der Pandemie. Im Sinne universaler Geschwisterlichkeit und Solidarität benötigen Armgemachte und Verletzlichste eine besondere Achtsamkeit.

Warum ist es für die Europäer, die Deutschen unabdingbar, die Krisenherde dieser Welt nicht aus den Augen zu verlieren?

Papst Franziskus wird nicht müde zu betonen, zuletzt in seiner Enzyklika "Fratelli tutti", dass die Herausforderungen unserer Zeit nur gemeinsam bewältigt werden können. Nicht nur die Corona-Pandemie, auch der Klimanotstand oder die Situation von Hungernden und schutzlos Geflüchteten sind Probleme, für die alle in unterschiedlicher Weise Mitverantwortung tragen. In "Laudato Sí" spricht Franziskus vom Erdplaneten als "gemeinsamem Haus", für das alle Sorge tragen. Es hätte wenig Sinn, sich dieser Verantwortung zu entziehen, weil sich niemand den Folgen der vielen globalen Krisen auf Dauer entziehen kann. Corona macht Zusammenhänge und Abhängigkeiten deutlich. Als Reaktionen erleben wir Abschottung einerseits und Humanität und internationale Solidarität andererseits. Letztere liegt in unserem eigenen Interesse.

Das Interview führte

Marion Krüger-Hundrup.