Anette Schreiber

Hans Müller brauchte sich zumindest deswegen nicht zu sorgen: Er war krankenversichert und auch sonst abgesichert. Seine Berufskollegen und die Vereinsmitglieder - vor 120 Jahren - hätten ihn deswegen sicherlich beneidet. Vermutlich würde es aber genau dann den Jubiläumsverein nicht geben. Denn Müller ist der letzte Berufskutscher Bambergs gewesen. Genau für diesen Berufsstand wurde der Kutscherverein 1896 ins Leben gerufen; als Solidargemeinschaft, die Risiken wie Krankheit abfedern sollte.
Die Anfänge des Vereins sind den heutigen Mitgliedern gut bekannt, wie das Vorstandsteam um Ersten Vorsitzenden Oliver Friedla und Christina Kreuzer zeigt. Sie bereiten die Veranstaltungen des Jubiläumsjahres vor und streben die Erstellung einer Vereinschronik an. Allerdings ist deren Erscheinen für das 125. Jubiläum terminiert. Im Jahr des 120. genügen verschiedene eher interne Jubiläumsveranstaltungen, die damit auch einen Teil der ursprünglichen Vereinsziele umsetzen - die Pflege des geselligen Lebens.
Es waren 26 Fuhrwerksbesitzer und Lohnkutscher, die im April 1896 den Verein aus der Taufe hoben. Neben der sozialen Absicherung für Kranke und arbeitslose Lohnkutscher und der Förderung des geselligen Lebens baute man eine eigene Sterbekasse auf und formierte sich zur Interessenvertretung des Berufsstandes. Um dem Verein beitreten zu können, musste man aktiver Lohnkutscher, mindestens 18 Jahre und - unbescholten - sein. Die Aufnahmegebühr betrug 2,85 Mark, der Monatsbeitrag 50 Pfennige. Im Krankheitsfall gab's drei Mark Krankengeld die Woche. Das war gar nicht so übel, betrug der Monatsverdienst eines Kutschers doch zwischen zwölf und 15 Mark. "Einigkeit macht stark" lautete das Vereinsmotto.
Dank der Stärke der Mitglieder konnte man sich bereits im Jahr 1907 eine Vereinsfahne zulegen, für den seinerzeit stolzen Preis von 500 Mark. Der Verein wuchs in seiner ersten Phase auf 127 Mitglieder an. Doch mit der zunehmenden Motorisierung wurden Pferde verdrängt. So verschwanden Fuhrwerke und Pferdegespanne und damit auch die Kutscher, der Fundus des Vereins.
Bis Mitte der 90er Jahre hatte der Verein überlebt, allerdings nur noch mit neun Mitgliedern, deren ältestes damals stolze 92 Jahre zählte. Zeit für einen Hilferuf in der Öffentlichkeit. Denn laut Satzung wäre das Vereinsleben ab einer Mitgliederzahl von sieben zum Erlöschen gekommen. Auf den Aufruf von Vorsitzendem Rudolf Bogensperger hin entschied sich ein kleiner Kreis von engagierten Kutschern, dem Verein neues Leben einzuhauchen. Dazu gehörten Ingmar Michel von der Bamberger Mahr's Bräu, der Hirschaider Klaus Kestel und Günter Hein aus Seigendorf, natürlich auch Hans Müller. Und Manfred Lindner, das treueste Mitglied: Heuer feiert der Hallstadter sein eigenes Jubiläum - 60 Jahre Vereinszugehörigkeit.


In ganz Franken nur vier Vereine

Wie Georg Kreuzer in Erinnerung bringt, gab es Mitte der 90er Jahre in ganz Franken nur noch ganze vier Kutschervereine. 1996 übernahm Günter Hein den Vorsitz, Pfingsten fand in der Mahrs Bräu ein erstes Kutschertreffen mit Ausfahrt statt, an dem sich immerhin 30 Kutschen beteiligten. Ab da ging es stetig nach oben. 1996 wurde auch das 100-jährige Bestehen mit einem großen Kutschenkorso durch die Bamberger Innenstadt gefeiert, prompt wuchs man im selben Jahr auf 108 Mitglieder an.
Für den Kutscherverein statt für andere Pferdesportvereine aus dem Raum Bamberg startete schließlich auch der Gaustadter Georg Kreuzer, der seit 1975 im Fahrsport aktiv ist und die ersten Bayernmeistertitel einfuhr. Ihm folgten sein Sohn Marcus und Christian Brahmann, die regelmäßig Meistertitel auf nationaler Ebene für den Kutscherverein holen. Mit Vereinsvorsitzendem Otto Betz (1998 bis 2010) und Fahrausbilder Marcus Kreuzer wurde auch ein Ziel der modifizierten neuen Satzung umgesetzt: die Förderung der Fahrer-Ausbildung. Seit 1995 finden regelmäßig Kurse statt. Inzwischen hat sich ein jährliches Fahrsicherheits-Training etabliert. Neben dem Sport hat der Verein Fahren als Hobby für die ganze Familie etabliert. Geselligkeit wird bei den Monatstreffen im Mahrs Bräu (jeden ersten Dienstag im Monat) gepflegt.
So hält der Verein seine Mitgliederstärke, die derzeit bei über 160 liegt. Die Mitglieder verfügen über rund 120 Ponys, Pferde und Kleinpferde, die sie vor entsprechend viele Kutschen spannen. Einen Teil davon wird man wohl am Pfingstsonntag durch den westlichen Landkreis rollen sehen, bei der Jubiläumsausfahrt zur Burg Lisberg.


Nur noch zum Vergnügen

Mit dabei wohl auch Hans Müller, der 13 Jahre lang in Diensten der Mahrs Bräu Touristen und Einheimische durch die Domstadt kutschierte. Jetzt fährt der Letzte seines Berufsstandes im Verein nur noch zum Privatvergnügen.