Markus Häggberg

Günther war ein guter Golfer . Er hatte immer sehr viel schrägen Humor , darum spannte er mir auch die Freundin aus. Aber jüngst redeten wir wieder miteinander, schließlich liegt der Vorfall ja schon ein wenig zurück. So ungefähr 30 Jahre, denn wir waren in der 12. Klasse.

Bis vor wenigen Wochen hätte ich selber nicht gedacht, dass ich Günther noch jemals wieder sprechen würde, aber dann bemerkte ich, dass ich 50 bin. Die Erkenntnis traf mich in der Umkleide eines Lichtenfelser Kaufhauses während einer Durchsage und irgendwie sagte ich mir auch etwas durch: „Gehe zu deinen Wurzeln – om!“ So machte ich ihn ausfindig und das klappte darum gut, weil seine Eltern noch immer eine Tankstelle im Nürnbergischen betreiben.

Als ich ihn anrief, da war alles wie weggefegt. Da war kein Freundinnendieb am Telefon, kein Kameradenschwein, kein Verräter. Da war nur Günther und Günther war mal in meiner Klasse. Sein Humor war legendär und darum strich er auch mal kurz von den Ferien das Auto unseres Geschichtslehrers an – pink mit „gelben Kullerchen“, wie er die Radkappen nannte. Die Farbe war abwaschbar, der Schock bei unserem Pauker auch. Es war schön, telefonisch mal wieder in den alten Kamellen zu schwelgen und dann fragte ich Günther, wie es ihm denn derzeit so geht und was er so treibt.

„Ich treibe nicht viel, ich habe Corona und bin in Quarantäne“, erklärte er mir und lachte. Es war dieses eigenwillige Lachen, das ich von ihm schon kannte. So hielt ich mich nicht länger damit auf, ihn zu fragen, was aus unserer damaligen Freundin geworden ist und welche beruflichen Wege er einschlug. Nein, ich kam gleich knallhart zur Sache: „Und, wie geht's dir?“ Günther erklärte mir, dass er jede Menge Spaß habe, weil er sich blendend fühle und es keinerlei Symptome gebe. Tagsüber arbeitet er als Firmeninhaber von daheim aus, am Nachmittag ist er unten im Fitnesskeller und am Abend hilft er seinen Kindern – auf Distanz – bei den Hausaufgaben.

Aber was ihm am meisten Spaß macht, so erklärte er mir, sei sein Quarantänetagebuch. Er muss es führen, weil es eine behördliche Auflage darstellt. Er führe es vorbildlich, aber er habe es sich auch angewöhnt, ein paar private Eindrücke und Erlebnisse vom Tag einzufügen. Es ist ja schließlich ein Tagebuch. Und wie er das sagte, hörte ich ihn schon wieder lachen. Offenbar bekam Günther irgendwie mit, dass ich gerade auf dem Schlauch stand und so las er mir den Eintrag vom vergangenen Dienstag vor: „Appetit hervorragend. Tochter sagte, sie wolle Jura studieren. Außerdem habe vom neuem Batman-Film erfahren. Braucht es wirklich einen Neuaufguss. Ansonsten: Ich bin symptomfrei, es geht mir gut und ich halte mich an die Quarantänebestimmungen.“

Der Eintrag vom Mittwoch war auch nicht schlecht: „Habe in der Nacht kein Auge zugemacht und denke, ich werde nach 23 Uhr keinen Kaffee mehr trinken. Dafür durfte ich mal wieder feststellen, dass Arte einfach die besten Dokus macht. Mein Appetit ist gut und ich habe keine Symptome, ich halte mich an die Quarantänebestimmungen.“

Wir lachten und wir lachten lange. Dann, in diese schöne Stimmung geraten, frage ich Günther nun aber doch nach meiner damaligen Freundin . „Was ist aus ihr geworden, hast du noch Kontakt? Unter uns gesprochen, sie war eigentlich eine doofe Nuss. Es würde mich nicht wundern, wenn sie heute ...“

Weiter kam ich nicht. Günther unterbrach mich und klang schneidend und ernst. „Pass auf, wie du über meine Frau redest!“, sagte er.

Ich kann mir nicht helfen, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass ich Günther so schnell nicht wieder anrufen werde.