Niklas Schmitt Wenn sich jemand mit Wallfahren auskennt, dann der Franziskaner Pater Heribert, Leiter der Basilika Vierzehnheiligen. Jährlich kommen etwa 180 Fußwallfahrten zu den Franziskanern auf den Berg. Erreichen sie - mal mehr, mal weniger erschöpft - die Basilika, sind sie am wichtigsten Punkt der Wallfahrt angekommen: dem Ziel.

Das macht nämlich den entscheidenden Unterschied aus, erklärt Pater Heribert. Während man beim Wandern ohne Hintergedanken und eher zweckfrei durch die Schöpfung ginge und beim Pilgern der Weg das eigentliche Ziel sei, wallfahre man doch, um zu einem Ziel zu gelangen. Freilich möchte der Franziskaner diese Unterscheidung nicht allzu streng verstanden wissen. Schließlich gebe es doch zahlreiche Ähnlichkeiten. "Ich gehe, um den Weg zu genießen", sagt er, "aber vor allem auch, um zu einem Ziel zu kommen."

Wallfahren als großes Mysterienspiel

Weg, Genuss und Ziel, das ist, was alle Arten in der Natur unterwegs zu sein, verbinde. Denn auch wenn das Wallfahren eine fromme Angelegenheit sei, spreche das nicht gegen die körperliche Komponente.

Die Ausrichtung auf ein Ziel hat für Pater Heribert aber noch eine weitere Bedeutung, die alle Stationen, dieses zu erreichen, miteinbezieht. "Das Wallfahren ist für mich ein großes Mysterienspiel. Ich spiele das Leben und den Glauben durch", sagt er.

Wer ankommen wolle, müsse aufbrechen. Im Leben brächen wir jeden Tag auf, sagt er. Immer wieder seien wir mit Hindernissen konfrontiert, die zu Irrwegen führten, zu Umkehrungen oder Umwegen, manchmal seien die Wegzeichen nicht zu erkennen, manchmal brauche man eine Pause.

"Jeder, der sucht, ist ein Wallfahrer"

Dies sei alles wie im Leben. Auf der Wallfahrt spiele man das alles durch. "Jede Wegstrecke ist wichtig, ist auch ein Ziel des Ganzen."

Leben, Glaube und Ziel, das klingt, als ob man nur mit klaren Vorstellungen wallfahren würde. Pater Heribert betont aber, es sei keine Voraussetzung gläubig zu sein, sondern eher, dass man ein Suchender sei.

"Jeder, der sucht, ist ein Wallfahrer." Dabei spiele es auch keine Rolle, ob jemand die 70 Kilometer von Haßfurt zu Vierzehnheiligen kommt, oder ob er in die Kirche gegenüber geht. Jeder Gang zum Ziel Gott sei eine Wallfahrt.

Denn er glaube nicht, dass jemand in der Kirche sitze, der keine Fragen habe. "Das hoffe ich sogar, dass manche ans Fragen kommen." Man pilgere zu einem bestimmten Ort, um sein Herz auszuschütten oder um zu danken, sagt der Pater.

So wird der Weg auch manches Mal beschwerlich. "Es geht auch um die Mühsamkeit des Weges." Schwer hätten es aber vor allem Einzelgänger, unterwegs zu Fuß wie im Leben und Glauben. Gemeinsam ginge es doch besser. Darum ginge es, um das gemeinsame Unterwegssein. Dort würden Gespräche geführt, gebetet und innegehalten.

Die Themen hätten sich geändert, meint Pater Heribert, wobei Frieden, Umwelt und Schöpfung eine dauerhaft große Rolle spielten. Aber er betont auch, die Themen, die die Welt bewegen, bewegten auch die Wallfahrer. Nur die Welt sei nicht immer die gleiche.

"Weil wir Menschen ganzheitlich sind", erklärt der Pater, "ist es gut, wenn wir an Orten sind, wo eine große Dichte ist, wo Gott aufscheint."

Das Wallfahren sei ein religiöses Bedürfnis. Es betreffe nicht nur Christen. "In jeder Religion wird gewallfahrt. Es ist ein urmenschliches und urreligiöses Bedürfnis." Er selbst sei gar nicht so viel wallfahren gewesen, sagt Pater Heribert mit einem Lächeln im Gesicht.

In Westfalen, wo er herkommt, sei die Fußwallfahrt, wie sie hier in Franken besonders beliebt ist, keine Tradition. Allerdings wisse er nicht, was die Zukunft bringt.In seinem Leben habe er sich aber viel um Wallfahrer gekümmert. Jedes Jahr treffe er sich mit den Wallfahrtsführern aus den jeweiligen Orten. Dann würden Texte, Lieder, Andachten und Impulse gemeinsam besprochen.

Denn letztlich sei man unterwegs, meint Pater Heribert, um über sich selbst und sein Leben nachzudenken, es durchzuspielen und ganzheitlich zu erfahren. "Ich gehe mit Gott", fasst er zusammen, "und ich gehe zu Gott."