Unterrodach — Geheimnisvoll und licht umgeben sie uns: Engel - Boten der Schöpfung, Hüter unserer Seele; den Menschen von Gott zur Seite gestellt, passen sie auf uns auf, spenden sie Trost, lindern sie Schmerz. So sieht wohl das allgemein gängigste - früh geprägte - Engelbild aus, verklärt in schönster Poesie zahlreicher romantischer Engel-Gedichte.

Engel-Gedichte waren auch am Dienstagabend in der Michaeliskirche in Unterrodach zu hören - aus der Feder von Ingo Cesaro, der diese auch selbst vorlas. Zu Ehren kamen literarische Kostbarkeiten neueren Datums - wie "Wunderkind", "Drei vier Federn", "Erschüttert stehen Schutzengel" und "Weil auch Engel trauern"; insbesondere aber aus dem Buch "Aus dem Schatten der Engel". Der Sammelband enthält 150 Engel-Gedichte aus 25 Jahren und 120 einzelne Engel-Gedichte in 21 Sprachen übertragen.

Warum jedoch schreibt ein politischer Schriftsteller wie Ingo Cesaro überhaupt Engel-Gedichte? Für ihn ist Engel eine Metapher, um "Unaussprechliches" in Worte zu fassen. Das "Unaussprechliche" war der Supergau von Tschernobyl am 26. April 1986. Tschernobyl heißt übersetzt aus dem Russischen oder Ukrainischen "Wermutstern" - und eben jener Wermutstern findet sich in der Johannes-Offenbarung im 7. Siegel und den ersten sechs Posaunen, Vers 10 und 11: "Es wird ein Stern vom Himmel fallen ... und dieser Stern heißt Wermut, also Wermutstern". Cesaros Engel sind bisweilen gefallene, gestrauchelte Engel. Sie sind solche, die mit beschädigtem Flügel eine Blutspur hinterlassen - wie im Gedicht "Mein unerreichbarer Schutzengel", mit dem der Kulturvermittler seine Lesung eröffnete. Solche, die als Schutzengel "versagt" haben, voller Schmerz sind; sich schuldig und überfordert fühlen angesichts der Geschehnisse in unserer Welt: "Ein steinerner Engel gebeugt über dem Grab einer zwölfjährige Laura kauert ungläubig schon ein Dutzend Jahre, sein müder Gesichtsausdruck auf den Grabhügel gerichtet..." ("Ein Ahornblatt").

Eindringlich auch "Tausend Engelszungen": "In seltenen Nächten recken sich tausend Engelszungen aus der Tiefe des Ozeans, tanzen mit den Worten auf den Wellen ... springen die Worte auf die Zungen Ertrunkener zurück, rechtzeitig bevor Rückenflossen das Meer teilen...".

Literarische Aktualitäten

Diese Zeilen entstanden zwar schon vor Jahren, sind aber - wie alle anderen seiner Gedichte - nach wie vor von ungeheurer Aktualität. Wie Cesaro einräumte, schreibe er noch immer hin und wieder ein Engel-Gedicht. Derzeit beschäftigten ihn aber ganz andere Dinge; nämlich die furchtbare Situation im zentralen Mittelmeer, wo tagtäglich Flüchtlinge beim Überquerungsversuch jämmerlich ertrinken. Hier findet er deutliche Worte. Er schrieb einen Brief an den Landesbischof der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern, Heinrich Bedford-Strohm, in dem er fragt, wo die Ethik der Bergpredigt der Nächstenliebe geblieben sei, und er wundert sich, wie ein Papst angesichts dieser Katastrophe nachts ruhig schlafen könne.

Die erschütternden Ereignisse thematisiert der Schriftsteller in seinem Band "In die Speichen greifen" - mit schmerzlich intensiven Gedichten wie "Vor Malta" und "Beifang", wenn alte Seemänner nicht mehr mit ihren Schleppernetzen hinaus aufs Meer fahren wollen: "Im Netz herausgezogen - ein Geschwisterpaar, keine zehn Jahre alt, eng umschlungen im Tod, jeder die Rettung beim anderen vergeblich gesucht ("Vor Malta") oder "Gerade auf dem Hafen eingelaufen, sehen sie vier tote Geflüchtete im Netz..." (Beifang). Neu ist "Ertrinke ich": "Mit jedem namenlosen Flüchtling, der im Mittelmeer ertrinkt, ertrinke ich, sinke mit ihm auf den Meeresgrund in sein nasses Grab..."

Normalerweise, so erzählt Ingo Cesaro, sei er kaum ein Wochenende zuhause; sei er doch für Lesungen, Ausstellungen und Literaturprojekte stetig unterwegs. Heuer jedoch hatte er nach dem Lockdown Zeit fürs Gedichte schreiben; rund 20 bis 25 neue seien dabei entstanden. Über die Corona-Pandemie habe er aber lediglich Notizen niedergeschrieben. Auf Geheiß des Verlags fertigte er daraus dann doch zwei Gedichte. Diese finden sich wieder im offiziellen Frankfurter Buchmessen-Buch 2020, das, nachdem heuer die Buchmesse entfiel, 2021 vorgestellt wird: "Erschüttert schauen Schutzengel, können nicht eingreifen, können nichts begreifen, sehen die Leichentransporte in Bergamo, können nur untätig stauen, sehen die Massengräber in New York..." ("Erschütternd stehen Schutzengel") sowie "Weil auch Engel trauern".

Zwischen den einzelnen Blöcken ließ Kirchenmusikdirektor Marius Popp mit großem Einfühlungsvermögen engelhafte Klänge erklingen. Bei Meisterwerken von Henric Mulet ("Angélus"), James William Elliot ("Gesang der Engel"), César Frank ("Panis angelicus"), Felix Mendelssohn Bartholdy ("Hebe deine Augen auf"), Henry Eymieu ("L´Angélus" op. 140), Charles John Grey ("Engelsgesang") und Maurice Duruflé ("Méditation") wähnte man sich tatsächlich in engelhaften Sphären.