Bier war unentbehrlich für eine Kleinstadt wie Weismain. Denn in der frühen Neuzeit konnte kaum ein Bürger allein von seinem Handwerk, von der Landwirtschaft, vom Handel oder von seinem Vermögen leben. Der typische Bürger hatte eine Art Patchwork-Einkommen, zusammengesetzt aus Handwerk, Landwirtschaft, Handel und der Produktion und dem Ausschank von Bier.

Bier bildete demnach einen elementaren Erwerbszweig in der Stadt. Gebraut wurde es nicht in privaten Brauhäusern, die erst im 19. Jahrhundert aufkamen, sondern in einem gemeindlichen Brauhaus, dem Kommunbrauhaus, wie man es später bezeichnete. Für die Stadt hatte das Bierbrauen aber nur deshalb wirtschaftliches Gewicht, weil ihre Bürger das ausschließliche Recht besaßen, das gesamte Amt Weismain mit Bier zu versorgen. Wagte es ein Einzelner oder eine Gemeinde dennoch, in diesem Bannkreis eine Brauerei einzurichten oder Bier aus anderen Orten zu beziehen, so rief das die Weismainer auf den Plan.

"Multzen und Preuen" untersagt

So führte im Februar 1601 der Ratsherr Wolf Schwertmacher in Bamberg Verhandlungen wegen einer Braustätte, die der Besitzer der Weihersmühle dort einrichten wollte. Nach nochmaligen Gesprächen erzielten die Weismainer einen Erfolg: Im September 1601 untersagte der Bischof dem Müller das "Multzen und Preuen". Hatte sich die Stadt hier noch auf dem Verwaltungs- oder Gerichtsweg zu helfen versucht, so kam es im 17. und 18. Jahrhundert immer wieder vor, dass die Bürgerschaft bewaffnet auszog. Angeführt von einem Bürgermeister oder gar einem Beamten, fiel sie in Übermacht in den frevlerischen Ort ein, zerschlug die Brauutensilien, trank das vorhandene Bier aus, brach den kupfernen Braukessel heraus und führte ihn als Trophäe mit nach Hause. Solche "Bierkriege" führten auch die Nachbarstädte Lichtenfels und Burgkunstadt, denn überall war die wirtschaftliche Basis für die Bürgerschaft so schmal, dass der Verlust eines Abnehmers eine spürbare Bedrohung darstellte.

Mit knappen Worten schilderte der Stadtschreiber von Weismain den Ausfall, den die Bürger am 21. August 1667 nach Burkheim unternahmen, wo unerlaubter Weise Burgkunstadter Bier ausgeschenkt wurde: Weismainer Bürger kamen nach Burkheim, wo gerade Kirchweih war. Dort "haben sie an underschidlichen Ordten Burckhunstatter Bier angetroffen, dasselbe heraußgenohmen, davon getrunckhen und daß übrige weeglaufen lassen". Ein großes und zwei kleine Fässer brachten sie heim nach Weismain "undt auf dem Rathauß außgetrunckhen".

Im Januar 1669 nahmen die Bürger einem Görauer Untertanen der Herren von Giech eine größere Menge Bier ab, die er von seinem Grundherrn bezogen hatte. Spektakulär war der Ausfall vom 17. März 1681, der sich ebenfalls gegen einen Hintersassen des Christian Carl von Giech wandte. Damals fielen über 50 Weismainer, bewaffnet und mit brennenden Lunten, begleitet von einem "Trommelschläger, gleich einem offentlichen Heerzueg", in Prügel ein, wo der Pächter des Gutshofs, Hans Georg Dittus, Bier braute und ausschenkte. Unter dem Vorwand, auf fürstbischöflichen Befehl zu handeln, forderten sie die Herausgabe der Braupfanne. Als Dittus' Frau trotz der Drohung des Bürgermeisters sich weigerte, die Weismainer einzulassen, brachen kurzerhand einige Zimmerleute die Türen auf. Die Bürger drangen in das Brauhaus ein, verluden die Braupfanne und weiteres Inventar auf einen mitgeführten Wagen und brachten sie nach Weismain, nicht ohne zum Abschied auf das Haus zu schießen. Auch erhielt Frau Dittus Stöße mit einer Muskete, und eine Brutgans wurde "auß Muthwillen erschlagen". Weder Christian Carl von Giech noch Dittus war willens, sich das Vorgehen der Weismainer gefallen zu lassen.

Vor dem Reichskammergericht

Sie wandten sich ans Reichskammergericht in Speyer, das die Klage annahm und die Beklagten vorlud. Das bereitete den Weismainern allerhand Unannehmlichkeiten: Immerhin musste ein beim Reichskammergericht zugelassener Anwalt beauftragt, unterrichtet und bezahlt werden. Letztlich dürfte die Sache aber im Sande verlaufen sein. Weitere Konflikte gab es auch mit Giechkröttendorf oder Modschiedel. Nach Rothwind fielen noch am 30. September 1780 etliche Bürger aus Burgkunstadt und Weismain, angeführt von je einem Bürgermeister und dem Weismainer Gerichts- und Verwaltungsbeamten, ein. Erstes Ziel war das Wirtshaus, das ein Beamter der Grafen von Giech zu Thurnau kurz zuvor "außerhalb Rothwind" errichtet hatte. Dort wurde das Bier konfisziert, das der Wirt nicht aus Burgkunstadt oder Weismain, sondern offenbar aus einer adligen Braustätte bezogen hatte. Anschließend sei, so notierte der Burgkunstadter Stadtschreiber, der Weismainer Beamte "in das Dorf Rottwind mit seinen Leuten eingedrungen, hat die halbleeren Fässer unter der Linden und aus den beiden alldortigen Wirtshäusern das Bier hinweggenommen".

Rothwind war ein gemischt-herrschaftliches Dorf, in dem neben dem fürstbischöflich-bambergischen Amt Weismain auch die Herren von Künsberg über Rechte verfügten. In solchen Orten kam es nicht selten zu Konflikten über einzelne Herrschaftsrechte, wie in diesem Fall über den Bierbann. Wenige Jahrzehnte später schuf das Kurfürstentum Bayern neue rechtliche Rahmenbedingungen. Die Errichtung neuer, privater Brauhäuser war aus der Sicht einer anderen Wirtschaftspolitik nunmehr ausdrücklich erwünscht, und ein überkommenes Recht wie der Bierbann einer Stadt galt nichts mehr. 1807 wurde er in ganz Franken förmlich abgeschafft.