Der regelmäßige Sirenen-Probealarm war bis in die 90er-Jahre Standard. Eine Minute Dauerton zur vorsorglichen Entwarnung, dann Heulton, wieder Dauerton. Bis 1990 war Europa noch in West und Ost geteilt, es herrschte Kalter Krieg, und der Bund betrieb überall im Land Sirenen, um die Bevölkerung warnen zu können wie im Krieg.

Mauerfall und deutsche Wiedervereinigung machten die Warnung vor Angriffen überflüssig. Dachte man. Deshalb baute der Bund ab 1993 einen Teil seiner Sirenen ab und bot die restlichen den Kommunen an, sagt Kai Holland, der Leiter des Coburger Ordnungsamts. Doch die Stadt Coburg lehnte ab: Um die Feuerwehr zu alarmieren, genügten ihr die damals schon gebräuchlichen Funkgeräte. Und wenn es nötig wäre, die Bevölkerung zu informieren oder zu warnen, würden Lautsprecherwagen zur Verfügung stehen und der Rundfunk. Abgesehen davon hätte die Stadt seither selbst für den Unterhalt und die Wartung der Sirenen aufkommen müssen.

Inzwischen sind Apps fürs Handy als Alarmierungsmöglichkeit hinzu gekommen. Doch die, das weiß auch Kai Holland, funktionieren nicht immer so, wie sie sollen. Hinzu kommt: Nicht jeder hat ein Smartphone. Und wenn, muss man die Nachricht auf dem Handy erst mal mitbekommen. Doch Nachteile haben auch die anderen "Warnmittel", wie Holland zu bedenken gibt: Die Sirene ist zwar laut, aber sie teilt nicht mit, worin das Problem besteht. Wer sie hört, muss trotzdem zusehen, woher er oder sie weitere Informationen erhält. Lautsprecherwagen mit Durchsagen seien da für lokale Warnungen sicherlich besser geeignet als Sirenen, meint Holland.

Nach den Katastrophen im Ahrtal und bei Köln wird die Alarmierungskette heftig diskutiert. Nicht das erste Mal: Im Herbst fand ein bundesweiter Warntag statt, der "nicht nur die Stärken des Systems zeigte", wie es Kai Holland eher vornehm ausdrückt. Vor allem die Apps funktionierten nicht so, wie gedacht. In Coburg sei den vergangenen Jahren intern immer wieder einmal diskutiert worden, ob es nicht sinnvoll sei, wieder Sirenen zu installieren, sagt Holland. Er rechnet auch damit, dass die Diskussion jetzt wieder aufkommt.

Apps und Sirenen sind aber nur zwei Alarmierungsmöglichkeiten im Katastrophenfall. "Zur allgemeinen Warnung der Bevölkerung greifen die Sicherheits- und Katastrophenschutzbehörden insbesondere auf folgende Mittel zurück: Amtliche Gefahrendurchsagen und Gefahrenmitteilungen über den Rundfunk,

Sirenen, über die auch das Signal ,Rundfunkgerät einschalten und auf Durchsage achten‘ ausgestrahlt werden kann, Lautsprecherfahrzeuge, Warn-Apps", heißt es auf der Website des Freistaats Bayern.

Theoretisch ist Coburg mit Lautsprecherwagen und der Möglichkeit, Warnungen auf die Apps zu schicken, gut gerüstet. Praktisch weiß man das aber nicht so genau. Die Feuerwehr machte bislang Durchsagen bei Bränden, dass Nachbarn die Türen und Fenster geschlossen halten sollen, oder im Zuge der Corona-Maßnahmen: Da wurden die Passanten über Durchsagen zum Abstandhalten und Zuhausebleiben aufgefordert. "Richtig heftige Katastrophenschutzlagen haben wir bislang nicht erlebt, sondern nur geübt", sagt Kai Holland.

Geübt wurde außerdem nicht "Hochwasser nach stundenlangem Starkregen in einem kleinen Gebiet", sondern die großflächige Hochwasserlage, die sich langsam aufbaut, mit hohen Pegeln in Itz, Lauter und Sulz. Hier sei Coburg aber allein durch die Rückhaltebecken wie Froschgrund- und Goldbergsee und weitere bauliche Maßnahmen schon gut geschützt, meint Holland. "Bei solchen Regenmengen wie jetzt in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz kriegt jeder Probleme." Im Vorfeld gebe es zwar Warnungen der Wetterdienste vor starken Regenmengen, aber selten seien die im Vorfeld vom Zeitpunkt und vom Ort her so genau, dass noch Zeit zum Reagieren bleibe.

Hoffnungen setzt Holland auf das Sturzflutenrisikomanagement, das die Stadt jetzt angehen will. Dafür zuständig ist das Stadtplanungsamt. Der Freistaat Bayern hatte schon 2016 die Kommunen aufgefordert, solche Sturzflutenrisikomanagementpläne zu erstellen. "Wir haben als Ordnungsamt darauf gedrängt, dass man es macht", sagt Holland. Denn ein solches Konzept zeige , wo das Wasser bei Starkregenereignissen aller Wahrscheinlichkeit nach hinfließe.