gerold Snater Dass Hellingen ein rühriges Dorf ist, bewies es am 1. Juli. Denn auch für diesen Stadtteil von Königsberg waren es 100 Jahre her, dass es bayerisch wurde. Hellingen war eines der sieben Dörfer der Exklave Königsberg, die bis 1920 vom Herzogtum Sachsen-Coburg-Gotha aus verwaltet wurde.

Da in Königsberg selbst wegen der Vorschriften hinsichtlich der Corona-Pandemie keine Erinnerungsfeier abgehalten wurde, organisierten die Hellinger selbst eine kleine Feier vor dem ehemaligen Rathaus. Natürlich unter Beachtung der vorgeschriebenen Abstands- und Hygieneregeln waren sie dort zusammengekommen, um Kreisheimatpfleger Wolfgang Jäger zuzuhören. Dieser berichtete in einem interessanten Vortrag über die Geschichte und die Entwicklung Hellingens.

Dabei ging er zunächst auf die seinerzeitige Volksabstimmung in Coburg ein, bei der sich die Bevölkerung gegen einen Anschluss an Thüringen und somit im Umkehrschluss für den Anschluss an den Freistaat Bayern aussprach. Dieser Schritt hatte weiterreichende Folgen für die Menschen des Landes, als man sich das damals hätte vorstellen können. Der Zugehörigkeit zu Bayern war es nämlich zu verdanken, dass das Coburger Land, und damit auch der Ort Hellingen bei Königsberg, 1945 nicht hinter dem "Eisernen Vorhang" zu liegen kam, wie es dem namensgleichen Ort Hellingen bei Heldburg passierte. So blieb den Hellingern bei Königsberg jenes Schicksal erspart, das für nahezu ein halbes Jahrhundert ihren Nachbarn in der 1990 untergegangenen DDR beschieden war.

Im weiteren Verlauf seines Vortrags warf er einen Blick auf die geschichtliche Entwicklung des Dorfes, das durch seine Zugehörigkeit zu Sachsen schon immer eine besondere Stellung gegenüber der ringsum herrschenden katholischen Oberhoheit einnahm.

Für die Zuhörer amüsant war es, in diesem Zusammenhang unter anderem zu hören, dass das nach 1814 geschrumpfte sächsische Amt Königsberg, zu dem Hellingen gehörte, nur noch eine Kleinst-Exklave war. Diese überwiegend evangelische Kleinst-Exklave war zwar noch von einem überwiegend katholischen Umland umgeben, aber zumindest nicht mehr von einem von der katholischen Kirche regierten "Ausland" umringt. Aber zwischen Hellingen und den direkten Nachbarorten Junkersdorf, Unfinden, Holzhausen und Römershofen verlief nun eine echte Grenze, die bayerisch-sächsische Landesgrenze.

Dieser Zwei-Staaten-Zustand führte schon bei so alltäglichen Verwaltungsvorgängen wie etwa den Eheschließungen zu einem enormen Verwaltungsaufwand, wenn sie zwischen Einwohnern von Hellingen und den umliegenden "ausländischen" Dörfern geschlossen werden sollten. Denn die Heirat war zumindest für die Männer mit einer länderübergreifenden Umsiedlung von Bayern nach Sachsen oder von Sachsen nach Bayern verbunden. Bei den "ausländischen" Ehefrauen war die Angelegenheit einfacher, denn eine Ehefrau erwarb durch ihre Verehelichung automatisch die Staatsangehörigkeit ihres Ehemannes, ein besonderer Aufnahmeakt war daher nicht notwendig.

Es wurde auch einfacher

Jäger verschwieg aber auch Vereinfachungen nicht, die 1920 die Überführung in den Freistaat Bayern mit sich brachte. Für die Hellinger wurde das Leben sofort einfacher. Hellingen wurde mit Königsberg dem bayerischen Bezirksamt Hofheim zugewiesen. Damit fiel die Landesgrenze zwischen Hellingen und seinen Nachbarorten weg. Die Verwaltung rückte näher, da Coburg nun bei Verwaltungsangelegenheiten nicht mehr einbezogen werden musste. Zuvor war der Weg nach Coburg über den Amtsbotenweg (rund 40 Kilometer) jedes Mal sehr weit.

Wolfgang Jäger beendete seinen Vortrag mit den Worten: "Seit diesen turbulenten Ereignissen sind inzwischen 100 Jahre vergangen. Hellingen ist ein Stadtteil Königsbergs, das zu einem Kleinzentrum in dem 1972 neu gebildeten Landkreis Haßberge geworden ist. Über die neueste Entwicklung von Hellingen in den vergangenen 100 Jahren in Bayern wissen Sie als Einwohner durch die mündliche Überlieferung und eigene Erfahrung besser Bescheid."

Der Ortssprecher Frank Slawik dankte dem Kreisheimatpfleger. Seine Dankesworte verband er mit dem Wunsch nach der Erstellung einer Dorfchronik bis zum Jahr 2024, in dem Hellingen dann sein 1200-jähriges Bestehen feiern kann.