Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an, behauptete Udo Jürgens . Just in diesem Alter unternahm der Weltradler Manfred Wagner aus Königsberg-Holzhausen seine bislang längste Fahrradtour am Stück. Fast vier Monate lang kurvte er – nur mit Muskelkraft – mehr als 8000 Kilometer durch den schwarzen Kontinent . Bei seiner abenteuerlichen Reise von Nairobi in Kenia bis zur Südspitze Afrikas durchquerte er neun Länder. Alle Grenzen konnte er nur mit einem aktuellen Corona-Test – und manchmal einem kleinen Schmiergeld – überqueren. Bis Daressalam in Tansania begleitete ihn seine Frau Inge, danach zeitweise ein Radler aus Mittelfranken.

Nachhaltig beeindruckt die Deutschen der tansanische Ngorongoro-Nationalpark. In dem riesigen Krater mit einem Durchmesser von rund 20 Kilometern sowie steilen Seitenwänden gibt es keine menschliche Nutzung – abgesehen von den Safariautos, die nur auf vorgegebenen Wegen fahren dürfen. Aber daran haben sich die hier reichlich vorkommenden Tiere längst gewöhnt. In dieser „Kraterschüssel“ hat sich ein einzigartiges Biotop entwickelt, in dem rund 30 000 Großsäuger wie Zebras, Büffel, Gnus, Antilopen und Gazellen leben – und in dem es eine hohe Raubtierdichte mit Löwen, Leoparden und Hyänen gibt. Auch Nashörner und Flusspferde sind hier zu Hause.

In der tansanischen Kleinstadt Bogomoyo begegnen die Wagners einem unheilvollen Kapitel der deutschen Vergangenheit. Grabsteine auf einem Soldatenfriedhof stammen aus der Zeit von Deutsch-Ostafrika, als sich Deutschland einen „Platz an der Sonne“ ergattern wollte. Als damals ein großer Aufstand ausbrach, reagierte das Kaiserreich mit einer Strategie der verbrannten Erde: Dörfer wurden zerstört, Ernten und Vorräte vernichtet, Brunnen zugeschüttet. Die Folge: eine verheerende Hungersnot mit mehr als 100 000 Opfern – ein Völkermord , ähnlich wie in der anderen großen deutschen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia.

Danach erreichte Wagner die bitterarmen Länder Malawi und Mosambik. Ständig wird er von unzähligen Kindern angebettelt: „Give me money!“ Zwei Drittel aller Menschen sind unter 24 Jahren. Überall sieht er junge und sehr junge Frauen, die ihr Baby im Tuch auf dem Rücken oder manchmal auch vorne an der Brust tragen. Eine Handvoll Kinder bedeuten eine gesicherte Altersversorgung . Von einer staatlichen Rente oder Sozialleistungen wie in Deutschland können die Menschen nur träumen. Die Bevölkerungsexplosion könnte zur sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Katastrophe führen. Täglich sieht man Kinder als Straßenverkäufer, bei der Feldarbeit oder schwere Lasten wie große Wasserkanister oder gefüllte Körbe schleppen. Sogar bei den Steineklopfern, die unablässig mit einem Hammer Steine für den Straßenbau zerkleinern, befinden sich Kinder im Schulalter.

Arbeit statt Unterricht

Dass viele nicht zur Schule gehen, ist offensichtlich. Nicht wenige haben ihre Eltern durch Aids verloren und müssen sich mit ihren jüngeren Geschwistern alleine durchschlagen. Man darf bezweifeln, dass sie sich täglich satt essen können.

In den bitterarmen Ländern sieht man kaum motorisierte Fahrzeuge , ab und zu taucht ein Kuh- oder Eselsgespann auf. Das Fahrrad ist hier das Transportmittel Nummer eins. Ob große Säcke mit Holzkohle oder Mais, ob schwere Kisten oder abenteuerlich hoch übereinandergestapelte Bier- und Wasserkästen, ob ineinandergesteckte Stühle, Matratzen oder sogar Bettgestelle, ob dutzendweise in große Körbe eingepferchte lebende Hühner oder quer über den Gepäckträger festgebundene, ebenfalls noch lebende Ziegen – es gibt kaum ein Transportgut, das sich nicht irgendwie auf zwei Rädern befestigen und transportieren ließe. Doch niemand hier radelt zum Vergnügen. Man kann sich kein Motorrad oder Auto leisten. Mit den Transporten muss so mancher seinen kargen Lebensunterhalt erwirtschaften.

In Botswana stoppte ein Uniformierter Manfred Wagner am Eingang des Chobe-Nationalparks. Der Grund: Die Durchfahrt mit dem Fahrrad ist wegen der vielen Löwen verboten. Wenig später kam der Franke mit einem Bauern ins Gespräch, dessen Rind kürzlich von einem Löwen gerissen wurde. Der Viehzüchter meinte, dass ein Radler für die Löwen eine noch leichtere Beute wäre als seine Rinder. Vielleicht, bemerkte er humorvoll, hätte der Deutsche auf seinem Drahtesel aber auch Glück gehabt, weil die Löwen am liebsten junges Beefsteak wählten.

Ein Kulturschock der besonderen Art erwartete ihn am Ende seiner Tour. Namibia und besonders Südafrika wirken sehr europäisch. Supermärkte, in denen man Nutella, Himbeermarmelade und Zimtschnecken kaufen kann, Restaurants, die Cordon bleu, Sauerbraten und Waffeln anbieten, sowie Unterkünfte, die mit frisch gewaschenen Handtüchern, makellos weißen Bettlaken und superschnellem Internet aufwarten. Als die lange Reise am berühmten Kap der Guten Hoffnung endete, war Wagner glücklich und freute sich auf die Heimkehr. red