Wie kam es dazu, dass der Coburger Stadtrat 2015 beschloss, die Von-Schultes- in Max-Brose-Straße umzubenennen, und welche Rolle spielte Brose-Enkel Michael Stoschek dabei? Das Thema ist wieder aktuell geworden, weil Jan Böhmermann in seiner Sendung ZDF Royale am 6. November eine sehr verkürzte Darstellung des Vorgangs lieferte. Ex-Oberbürgermeister Norbert Tessmer (SPD) und Zweiter Bürgermeiter Hans-Herbert Hartan (CSU) wiesen vorige Woche die Behauptung zurück, Stoschek habe Einfluss genommen. Nun melden sich Vertreter von Bündnis 90/Grüne in Coburg zu Wort: Stadtrats-Fraktionsvorsitzender Wolfgang Weiß und Vorstandssprecherin Theresa Scholz. "Jan Böhmermann kritisiert zu Recht eine Max-Brose-Straße in Coburg", schreiben sie, und dass sie das gemeinsame Statement von Hartan und Tessmer "nicht unkommentiert stehen lassen" wollen. Es diene "der Legendenbildung einer von den Wünschen eines reichen und einflussreichen Firmeninhabers unabhängigen Kommunalpolitik".

Michael Stoschek habe sehr wohl eine Max-Brose-Straße in Coburg gewollt, schreiben Weiß und Scholz. "Dass dieses im ersten Anlauf 2004 im Coburger Stadtrat keine Mehrheit fand, war einer der Gründe für den ,Liebesentzug‘ und das stark abgekühlte Verhältnis zwischen Stoschek und der Stadtspitze."

Max Brose habe bereits während der Weimarer Republik "mindestens stark mit den Nazis sympathisiert", heißt es weiter. 1933 sei er der Partei beigetreten, 1935 sei er vom Reichswirtschaftsministerium zum Präsidenten der Industrie- und Handelskammer zu Coburg ernannt worden und habe ab 1938 den Ehrentitel Wehrwirtschaftsführer führen dürfen. Das alles vor dem Hintergrund, dass die Nazis in Coburg schon "sehr früh aktiv und erfolgreich" gewesen seien. Vor diesem Hintergrund "wäre viel Sensibilität in Sachen Nationalsozialismus mehr als angebracht gewesen!", schreiben Weiß und Scholz.

In der Erklärung von Tessmer und Hartan vom vergangenen Donnerstag hatte es geheißen, dass 2015 "die Vergangenheit von Max Brose in der NS-Zeit voll umfänglich aufgeklärt" gewesen sei. Hier widersprechen Scholz und Weiß: Die Coburger CSU sei bisher schon "nicht unbedingt mit einem starken Willen zur Vergangenheitsbewältigung aufgefallen, was die unrühmliche Nazizeit angeht". Und: "Das starke Entgegenkommen von Norbert Tessmer in Richtung Michael Stoschek und ein damit verbundenes Ausblenden historischer Fakten, was die Person Max Brose angeht, kann man nur noch durch sein ausgeprägtes Bedürfnis nach Konsens und Harmonie erklären." Tessmer, so die Grünen, "hätte lieber das Buch ,Die Coburger Juden‘ von Hubert Fromm als die in der Fachwelt massiv kritisierte Abhandlung ,Brose: Ein deutsches Familienunternehmen‘ von Gregor Schöllgen lesen sollen".

Weiß und Scholz schlagen vor, eine Straße nach Abraham Friedmann zu benennen: "Ein prominentes Coburger Opfer des nationalsozialistischen Unrechts, von dessen Enteignung Max Brose direkt profitierte." Brose erwarb zusammen mit seinem Geschäftspartner Ernst Jühling 1935 Friedmanns Villa bei einer Zwangsversteigerung. 1953 einigte sich die Firma Brose mit Friedmanns Töchtern auf eine Ausgleichszahlung von 25 000 Mark. Hubertus Habel, der Friedmanns Geschichte recherchierte und im Herbst 2015 publizierte, äußerte sich ebenfalls zu dem Schreiben von Tessmer und Hartan: "Und die Erde ist eine Scheibe."