Eine Frau putzt gerade die deckenhohen Fenster des Kreuzganganbaus. Schon von dort aus fällt der Blick auf eine überlebensgroße Figur für die Prozession. Jesu ist ans Kreuz genagelt. Die Vorbereitungen für eine der wenigen in Deutschland mit lebensgroßen Figuren stattfindenden Prozessionen beginnen.

Dem gut 4,50 Meter großen Kreuz begegnen Kirchgänger und Besucher der St.-Michaels-Kirche täglich. Dort hat es seit der Restaurierung in den Jahren 2018 und 2019 seinen festen Platz. Am Mittwochabend wird es abgenommen, auch die anderen lebens- und überlebensgroßen Figuren , die sich im oberen Stock des zweistöckigen an die Kirche angebauten Kreuzgangs befinden. Sie werden ins Erdgeschoss heruntergetragen. Nur das Grab und die Pieta werden aus der Heilig-Grab-Kapelle Richtung Großenbuch geholt. Diese beiden Figuren sind dort aufbewahrt. Keine leichte Aufgabe, bei dem Gewicht der Figuren .

„Die schwerste Figur ist die Pieta“, erklärt Wilhelm Geist, der Vorbeter und Kümmerer. Die Pieta wiegt mindestens zweieinhalb Zentner und das Kreuz im Kreuzgang fast genauso viel. Geist ist seit 1974 der Vorbeter, hat das von seinem Vater Andreas übernommen, und wirft noch einen Blick auf den gekreuzigten Jesus. Viel vorbereitet werden muss seit der Restaurierung der Figuren nicht mehr. Sie stehen ganzjährig aufgebaut in dem zweistöckigen Kreuzgang, einem überdachten Anbau der Kirche und können ganzjährig betrachtet werden.

Außerhalb der anderen Seite der Kirche ist ebenfalls ein Seitenanbau. Dort waren die Figuren vor der Restaurierung verstaut worden. „Das war das erste Neunkirchner Feuerwehrhaus“, erklärt Geist, während er die Stufen zum oberen Kreuzgangstockwerk zu den dort aufgebauten fünf Figuren hinaufsteigt. Jesus mit dem Kelch, Jesus mit der Dornenkrone. Die Tafeln mit der Beschreibung der Stationen wurden ebenfalls renoviert. Eine Jesusfigur nach der anderen steht im oberen Stockwerk auf einem Gestell.

Zwei Tage vor der Prozession werden die Figuren abgebaut und nach unten getragen. „Die Pieta und der auferstandene Christus , das Schlussbild in der Prozession, sind im Skriptorium aufbewahrt“, sagt Geist. Sind alle Figuren zusammengetragen und im Erdgeschoss, wird die Prozession vorbereitet. „Die Figuren werden in der Seite der Kirche auf Traggestelle montiert“, erklärt Wilhelm Geist den nächsten Schritt. In der Kirche warten die Figuren bis Karfreitag auf ihre Träger.

Jeder Ortsteil hat seine Figur

Männer aus den Ortsteilen Neunkirchens tragen die großen, schweren Figuren . Jeder Ort hat seine Figur . Doch es gibt Ausnahmen. „Das Kreuz tragen die Zimmermannsleute“, sagt Geist. Jesus war ein Zimmermann und war ans Kreuz genagelt worden. Die Freiwillige Feuerwehr trägt das Grab und die Kolpingfamilie die Pieta – der gestorbene Jesus liegt im Schoß seiner Mutter Maria. Die Jugendlichen bilden das Schlusslicht und tragen den auferstandenen Christus .

Die Organisation der Prozession und der Träger regelt die Marktgemeinde Neunkirchen. Ihr gehören auch einige Figuren , die anderen gehören der Pfarrei . „Die meisten Figuren sind aus dem 18. Jahrhundert. Zwei sind gotische Figuren , also noch älter“, erzählt Geist. Das sind die Pieta und der auferstandene Christus .

Auch die Prozession selbst hat sich im Lauf der Jahre geändert. Wurde früher der schmerzhafte Rosenkranz während der einstündigen Prozession ohne Pause gebetet, spielt nun die Jugend- und Trachtenkapelle ein Lied und anschließend betet Geist die Kreuzwegandacht aus dem alten Gotteslob. Nach der Prozession ziehen die Gruppen in die St.-Michaels-Kirche ein, wo mit Georg Schmitt eine Andacht stattfindet.

Nur der Beginn der Prozession mit den lebensgroßen Figuren ist gleich geblieben. Wenn die Ratschen vom Kirchturm aus zu hören sind, beginnt der Leidensweg Jesu .