Günter Flegel

Wenn beim Thema Windenergie über Sicherheit geredet wird, dann geht es meistens um die Versorgungssicherheit: Gehen in Deutschland die Lichter aus, wenn kein Wind weht? Ein Vorfall in Mecklenburg-Vorpommern dürfte den Skeptikern der Energiewende weitere Argumente liefern. In Süderholz ist der 70 Meter hohe Turm eines Windrades eingestürzt. Totalschaden.
Was da auf einem Acker 20 Kilometer südlich von Stralsund passiert ist, gilt bei der Windkraftnutzung als der Gau - als der größte anzunehmende Unfall. Anders als bei einem Kernkraftwerk ist der Gau keine Katastrophe und der Schaden begrenzt, trotzdem stehen die Betreiber und die Konstrukteure nun buchstäblich vor einem Trümmerhaufen.
Die Ursachenforschung läuft, Experten waren vor Ort, auch die Polizei, da Manipulation eine der denkbaren Erklärungen für den Zusammenbruch des Turmes ist, der etwa 25 Meter über dem Boden abgeknickt ist. Der obere Teil des Turmes stürzte samt Gondel und Rotorblättern in die Tiefe, das Windkraftwerk wurde zerstört. Die Fotos von der Unfallstelle zeigen eine nahezu glatte Bruchkante an einer Stelle, an der zwei Segmente des Stahlturmes verbunden waren.


Nicht das erste Mal

Der Anschein deutet auf einen Baufehler oder auf Materialermüdung hin - immerhin steht die havarierte Anlage, Teil eines Windparks mit 21 baugleichen Windrädern, schon seit 16 Jahren; als "Mindesthaltbarkeit" wird für Windkraftanlagen 20 Jahre angegeben. Ein Indiz, dass Mängel der Anlage ausschlaggebend für den Kollaps gewesen sein könnten, ist die Tatsache, dass es vor zwei Jahren einen Vorfall im Elbe-Elster-Kreis (Brandenburg) gab, der dem aktuellen ähnelt: Auch damals brach der Turm eines Windrades an einer Naht in 25 Metern Höhe, und es handelte sich um den gleichen Anlagentyp einer seit 2015 insolventen Firma.
Auch das Windrad in Brandenburg war knapp 16 Jahre alt, als der Turm seinen Geist aufgab. Als Ursache stellten Experten Korrosion fest: Einige der 80 Schraubverbindungen zwischen zwei Segmenten waren verrostet; der Schwachpunkt führte zu einer fatalen Kettenreaktion, die schlagartig alle Schrauben reißen ließ. Bei Stralsund war der Auslöser nach jüngsten Gutachten womöglich eine ungeklärte Unwucht des Rotors, die sich auf den Turm übertrug.
Kann das auch bei den Windkraftanlagen in Franken passieren? Im Prinzip ja. Die meisten Windräder, manche 200 Meter hoch, drehen sich auf Hybrid-Türmen: Die bestehen etwa bis zur Hälfte aus Betonringen, die vor Ort zusammengesetzt und mit Spannseilen aus Draht fixiert werden. Die obere Hälfte des Turmes ist dann ein zusammengeschraubtes Stahlrohr.


Wenn sie in die Jahre kommen

Der Ausbau der Windkraft in Bayern hat erst vor rund fünf Jahren mit der Energiewende (Fukushima) Fahrt aufgenommen. Die laufende Wartung und Prüfung der Anlagen ist Teil der Betriebsgenehmigung. Die 618 Windräder in Franken (226 in Unter-, 197 in Ober- und 195 in Mittelfranken) werden regelmäßig unter die Lupe genommen. Ob dabei mögliche verborgene Schwachstellen entdeckt werden können, ist fraglich.
Allerdings: Nur wenige Windräder haben bereits ein "kritisches" Alter erreicht. Die älteste Windkraftanlage in Franken dürfte die in Sellanger im Landkreis Hof sein, die 1996 in Betrieb ging. Es gibt zahlreiche Forschungsprojekte zur Durchleuchtung von Windkraftanlagen. Verschiedene Analysemethoden werden werden eingesetzt, um eine Materialermüdung frühzeitig aufzuspüren.
Beispiel: Für die Windparks in der Nordsee testet das Frauenhofer-Institut Dresden einen Sensor, der den Turm einer Windmühle regelmäßig abfährt, mit Ultraschall checkt und die Daten an die Zentrale meldet. Da die aktuell 27 000 Windkraftanlagen in Deutschland unvermeidbar in die Jahre kommen, wird hier ein neuer Markt entstehen. Schwer vorstellbar ist jedenfalls, dass alle Anlagen nach dem "Verfallsdatum" ersatzlos abgebaut werden. Die Energiepolitik setzt auf das Repowering, die Nachrüstung bestehender Türme mit leistungsfähigerer Technik, was sich besonders im windschwachen Binnenland rentiert.


Aus Alt mach' Neu?

Da neue Windmühlen kaum noch genehmigt werden - nicht zuletzt wegen der Abstandsregel in Bayern - sind die alten Türme potenziell interessante Standorte für neue Windmühlen. Die Frage ist, ob ein Umbau überhaupt genehmigt wird, wenn ein altes Windrad etwa den 10-H-Abstand nicht einhält. Grundlegend ist in jedem Fall, dass die Standfestigkeit eines Turmes gewährleistet werden kann.
Windkraftgegner wollen von all dem nichts wissen. Für sie zeigt der aktuelle Vorfall, dass Windräder nicht nur die Landschaft verschandeln und unwirtschaftlich, sondern gefährlich sind. Der Vorsitzende der Partei "Freier Horizont" in Mecklenburg-Vorpommern, Norbert Schumacher, fordert einen Zaun um Windparks.