Claus Böbel aus Rittersbach ist Dorf-Metzger in dritter Generation. Er gilt als Daniel Düsentrieb der Fleischbranche. Seine Wurst verkauft er bis nach Neuseeland.
Katharina Schlereth
Bei Metzgermeister Claus Böbel grünt nicht nur der Rasen vorm Haus. Die Außenfassade seiner Metzgerei, sein Firmenwagen, die Schürzen der Verkäuferinnen, das Hemd des Metzgers, sogar seine Schuhe und das Brillengestell der Ehefrau - alles erstrahlt in sattem Grün. Da erklingt unwillkürlich die Melodie eines alten deutschen Volkslieds im eigenen Ohr: "Grün, grün, grün sind alle meine Kleider, grün, grün, grün, ist alles, was ich hab." Tatsächlich gehört die Farbe Grün genauso zum Geschäftsmodell des Metzgers wie sein Online-Shop oder seine Wurst-Seminare. Aber von vorne:
Bunter Vogel statt graue Maus
Claus Böbel hat die Dorfmetzgerei im fränkischen
Rittersbach von seinem Vater übernommen. In dem 350-Seelen-Dorf in der Nähe vom Brombachsee ist die Welt noch in Ordnung - könnte man meinen. Doch an Claus Böbel wird deutlich: Die Zeit ist hier keineswegs stehen geblieben. Der Metzgermeister betreibt zwar ein altes Handwerk, erfindet sich dabei aber regelmäßig neu. Bereits 1997 geht er mit seiner Metzgerei online. 2004 folgt der Wurstbrief, eine kulinarische Grußkarte beispielsweise in Form einer Salami-Blume. Diese wird vakuumiert und mit einem individuellen Grußtext verschickt. 2007 eröffnet er dann seinen Online-Shop
umdieWurst.de.
Wie er auf die Idee gekommen ist? "Die Kunden und die Zeiten ändern sich. Die klassische Metzgereikundschaft, sprich die Hausfrau mit Kittelschürze, die sonntags vor der Kirche den Braten in den Ofen schiebt, gibt es einfach nicht mehr. Darüber kann ich jammern oder ich überlege mir Alternativen", erklärt der Metzger. Ein Großhandel oder Partyservice stand für Böbel dabei nicht zur Debatte. Denn der Metzgermeister geht gerne unkonventionelle Wege. Bunter Vogel statt graue Maus - das ist seit jeher sein Motto. Also blieb noch die Möglichkeit, den Standort zu verlagern, was Böbel an sich eine gute Idee fand. Einziger Haken: Der Metzger wollte seine Heimat Franken und das idyllische Rittersbach nicht verlassen. Da kam ihm das aufkommende Internet gerade recht und so hat er den Standort kurzerhand dorthin verlagert, wo am meisten Leute sind: ins World Wide Web.
Hälfte der Wurst geht auf Reisen
Anfangs hat er hauptsächlich temperaturunempfindliche Waren wie Dosenwurst, Salami oder geräucherten Schinken online verkauft. Mit der Zeit prasselten aber immer mehr Anfragen übers Netz auf den Dorf-Metzger ein, vor allem nach regionalen Produkten, wie frischer Blut- und Leberwurst und der fränkischen Bratwurst. Produkte, die aufgrund ihrer Kühlproblematik weitaus schwieriger zu verschicken sind. Also hat er angefangen, mit Verpackung und Kühlung zu experimentieren und auch diese Hürde genommen.
In Isolierboxen verpackt und mit Einwegkühlelementen versehen, verschickt er heute sein komplettes Wurst- und Fleischsortiment in die ganze Welt. Jede zweite Wurst, die er in seiner Dorf-Metzgerei in Rittersbach produziert, geht auf die Reise in die große weite Welt.
Wer bei ihm online einkauft? Das sind zum einen Franken im Exil oder Auslandsfranken, wie sie der Metzger nennt, und zum anderen Deutsche, die im Ausland leben. "Die meisten kaufen bei mir nicht nur Wurst, sondern Heimatgeschmack", erklärt Böbel. Neuseeland, Jamaika, Hawaii - so weit ist seine Wurst in den Böbel'schen grünen Versandboxen schon gereist.
So experimentierfreudig und unkonventionell der Metzger auch ist, bei der Herstellung seiner Wurst- und Fleischwaren ist er nach wie vor traditionell unterwegs. Laut dem Metzger gibt es kein Produkt in seiner Metzgerei, an das er oder sein Team nicht selbst Hand angelegt hat. 100 Prozent eigene Herstellung - das gilt bei ihm nach wie vor. "Die Basisqualität muss stimmen, das andere sind die i-Tüpfelchen. Wenn ich keine gescheite Wurst habe, nützt der ganze Zauber drum herum nichts", davon ist Böbel überzeugt.
Blick hinter die Kulissen
Apropos Zauber drum herum. Die Herstellungsschritte rund um die fränkische Bratwurst können Wurstliebhaber in einem seiner Bratwurst-Seminare erleben. Die Teilnehmer blicken dabei hinter die Kulissen und legen selbst Hand an: Fleisch schneiden, Gewürze wiegen, Maschinen wie Fleischwolf und Kutter bedienen, Wurstmasse in den Darm füllen. Ihre eigens hergestellte Wurst wird den Teilnehmern am Abend bei einem Sechs-Gänge-Menü serviert. Klingt kurios? Das sind seine Bratwursterlebnisse für den ein oder anderen vielleicht auch. Dennoch locken sie Teilnehmer aus dem In- und Ausland, die im Internet auf ihn stoßen, in das kleine Rittersbach: Deutsche, Japaner, Kubaner, Mexikaner, Chinesen, Schweden oder Niederländer. Über 190 Bratwurst-Seminare hat der Metzger, seitdem er 2009 damit begonnen hat, schon gehalten.
Claus Böbel hat es geschafft, die Digitalisierung von Anfang an für sich zu nutzen und sich und sein Handwerk darin neu erfunden. "Das Internet ist für mich ein Segen. Es öffnet mir den Geschäftskanal zu 80 Millionen Deutschen und die Tür zur Welt", erklärt er. Seine Erfahrungen und sein Wissen gibt er gerne weiter. Denn an der Frage, wie man die sozialen Medien und die Digitalisierung richtig nutzt, entscheide sich laut Böbel die Zukunft vieler klassischer Handwerksbetriebe. Vor allem Einzelhandelsverbände und Werbegemeinschaften berät der Metzger in seinen Seminaren. Aber auch große Unternehmen wie die Deutsche Telekom haben den Metzger schon als Referenten gebucht.
Bed & Breakfast war gestern
Wer jetzt denkt, der Böbel hat's geschafft, grüner könnte es für den Metzger nicht werden, der irrt. Fragt man den energiegeladenen Querdenker nach seinen Zukunftsplänen, sprudelt es nur so aus ihm heraus. Aktuell baut er das alte Dorfgasthaus neben seiner Metzgerei zur Bratwurst-Erlebniswelt um. Schlafen unterm Bratwursthimmel und Essen im "Bratwurstaurant" - so lautet seine neueste Geschäftsidee. Neben einem Restaurant, in dem er seinen Gästen Bratwürste in allen Variationen serviert, sind fünf bis sechs thematische Bratwurstzimmer geplant. Diese greifen alle ein Bratwurst-Thema auf und sind dementsprechend eingerichtet.
"In der Bratwurst-Erlebniswelt gibt es nur ein Thema, aber dafür intensiv", sagt Böbel. "BB&BB", "Böbel-Bratwurst & BedBreakfast" - so will er seine Bratwursterlebniswelt nennen. "Four B's, das passt international und macht neugierig. Ein B&B, sprich ein Bed & Breakfast kennt jeder. Aber was ist ein BB&BB?", erklärt der Daniel Düsentrieb der Fleischbranche und lacht.