von unserem Redaktionsmitglied Ralf Kestel

Reutersbrunn — Eigentlich logisch: Ein Berufssoldat legt sich gepanzerte Freunde als Hobby zu. Die werden ordnungsgemäß beim Landratsamt gemeldet. Denn so einfach acht maurische Landschildkröten im Garten zu halten, geht nicht. Die Tiere sind artengeschützt. Da muss schon genau festgehalten werden, wer welche und wo züchtet. Doch was ist, wenn einer der Schützlinge ausbüxt?
Das passierte Andreas Lei-bold, dem (Noch-)Soldaten, der derzeit seinen Dienst in Volkach ableistet, im Juli 2013. Seine acht Schildkröten hat er - alte Militärtradition - mit Sprühfarbe gekennzeichnet. "Zwei Männla und sechs Weibla." Aber eines schönen Sommertages fehlte "John".
Der war schon vorher mehrfach "abgängig" gewesen, immer in Richtung Dorf marschiert. War dabei aber stets schnell wieder aufgegriffen worden. "Ich kann es immer noch nicht nachvollziehen, wie der abhauen konnte", staunt der Oberstabsfeldwebel angesichts der Waschbetonplatten, die das Frei-Terrarium hochkant umgeben. Kennen Schildkröten das Prinzip der Spitzbuben-Leiter?

Fahndungsplakate aufgehängt

Beim Fluchtversuch im Juli 2013 war aber alles anders. Der Freiheitsdrang führte diesmal in die freie Flur, da das Leiboldsche Anwesen am Ortsrand von Reutersbrunn (Stadt Ebern) liegt.
Eine große Suchaktion brachte keinen Erfolg. Selbst ein Jagdhund kam zu einem Einsatz. Ergebnislos.
"John", 2007 in Kleinwallstadt geboren, blieb verschollen. Andreas Leibold hängte Suchplakate im ganzen Dorf und dem nahen Zeltplatz mit Fotos auf.
Doch der Ausreißer war wie vom Erdboden verschluckt. "Die Plakate habe ich im Winter wieder abgenommen, die Hoffnung aber nie aufgegeben."
Und dann kam vor wenigen Tagen der Anruf eines Bekannten aus dem Nachbardorf Eichelberg. Georg May meldete sich am anderen Ende der Leitung und erzählte, dass "er zwar schon einen großen Tierpark mit Bernhardiner, Hasen und Fasanen hat". Aber die Schildkröte, die seine Tochter im Holzschuppen gefunden hat, braucht er wirklich nicht auch noch, erinnert sich Andreas Leibold an den Wortlauf des Gesprächs.
Zehn Monate nach seinem Freigang war "John" wieder aufgetaucht. "Zwar a weng abgemagert", wie der 52-jährige Züchter bei der "Gegenüberstellung" schnell feststellte. "Aber ich hab' mich total gefreut und auch einen Finderlohn ausgegeben."
"John is coming home", jubilierte der Schildkröten-Fan, der schon als Kind Gefallen an dieser gepanzerten Reptilie gefunden hatte. "Damals kostete sie zehn Mark, jetzt hängt schon richtig viel dran - wie bei einem Zuchthund."
Dass "John" den Ausflug gut überstanden hat, führt sein Herrchen auf den milden Winter zurück. "Der hat sich irgendwo eingebuddelt und einfach überwintert."

Vier Monate im Kühlschrank

Vielleicht bequemer als im Heim am Stolzenrangen, denn da kommen die Tiere zur Winterruhe für vier Monate bei fünf bis acht Grad in den Kühlschrank. Eingepackt in Torfmulch und Rindenerde.
"Man ahnt gar nicht, wie empfindlich diese Tiere sind", erzählt der Züchter, der das Hobby als "Königsdisziplin für den Ruhestand" betrachtet und demnächst auf Nachwuchs hofft. "Wenn sie Junge haben, erledige ich den Papierkram fürs Landratsamt gerne. Das ist ja wie ein Personalausweis." Derlei Papier braucht Leibold aber nicht, um seinen gepanzerten Haufen im Garten zu unterscheiden. An Form und Struktur des Panzers erkennt der Fachmann deutlich Nuancen.

Zum Füttern kommen sie gerannt

Was sich der Laie nicht vorstellen kann:  Die maurische Land-schildkröte ist "total feinfühlig", hat Leibold beobachtet. "Bei Fremden ziehen sie sich sofort in ihren Unterschlupf zurück, bei Bekannten werden sie total zutraulich."
Das gilt beim Herrchen natürlich im besonderen Maß. Besonders, wenn er einmal in der Woche mit seiner Dose mit dem Vi-tamin-Zuckerl kommt und damit nur klappert. Dann eilen sie herbei und bestätigen damit das, was ihr Meister kurz zuvor erzählt hat: "Man täuscht sich total, wenn man meint, dass Schildkröten langsam sind."
Ansonsten ernähren sich die Schildkröten in ihrem Frei-Terrarium von Disteln, Brennnesseln oder Spitzwegerich. Und sind dabei genügsam. "Da kannst Du auch ruhig in Urlaub fahren", sagt Leibold. Nur ein Netz kommt übers Terrarium. Nicht dass sich "John", vom Freiheitsdrang gepackt, wieder auf Wanderschaft begibt.