René Böll, der Sohn des großen Schriftstellers Heinrich Böll, war am vergangenen Wochenende zu Gast in Höchstadt. Dagmar Wennmacher, die Vorsitzende des Freundeskreises Castlebar, hatte ihn eingeladen, und er erzählte in Bildern und Geschichten über die Bölls auf Achill Island in der Nähe von Höchstadts Partnerstadt Castlebar sowie über die Hintergründe zum "Irischen Tagebuch" seines Vaters.
"Es ist so schön hier, dass ich traurig bin, euch nicht hier zu haben", schrieb Heinrich Böll im Jahr 1954 während seines ersten Irlandbesuchs nach Hause. Ein Foto zeigte die alte "Kontinental"-Schreibmaschine seines Vaters, auf der Romane, Erzählungen und Geschichten, viele davon in Irland, entstanden sind. Kurz nach dieser Irlandreise mietete Vater Böll in Keel auf Achill Island ein Cottage, in dem die Familie immer vier Monate im Jahr verbrachte.
Die Mutter, eine Lehrerin, unterrichtete die Kinder in dieser Zeit selbst. In dieser Zeit sind viele irische Erzählungen entstanden, die später zum "Irischen Tagebuch" zusammengewachsen sind. Bilder aus der Kindheit, schwarz-weiß, oft unscharf und verzerrt, stellte Böll bunten, eindrucksvollen Fotos von heute gegenüber. Irland, nicht nur Achill Island, sei oft grau und trist, aber an sonnigen Tagen zum Verlieben. "Die Farben ändern sich hier permanent." Als bildender Künstler hat René Böll dafür ein besonderes Auge.
Kleine Geschichten zwischendurch wie die von seiner Tante, die kein Wort Englisch sprach und aus Köln zu Besuch kommen wollte, lockerten den Vortrag auf. Vater Heinrich schrieb ihr eine minutiöse Reiseanleitung - und sie erreichte sicher ihr Ziel. Ein Telefonat nach Deutschland musste man damals noch anmelden und Wartezeiten von sechs bis acht Stunden waren normal. "Alles wurde von einer Telefonistin noch per Hand gestöpselt. Die hörte oft gern beim Telefonieren zu - und mischte sich ab und zu sogar ein."


Spaziergänge im Nebel

Bilder vom "Skelett einer menschlichen Siedlung", dem verlassenen Dorf am Fuße des Slievemore, zogen vorüber, und Böll zeigte seine Lieblingsplätze auf Achill. "Ich unternehme oft und gerne lange Spaziergänge - auch bei Nebel weiß ich meinen Weg", erzählte er. Bis 1957 lebte die Familie zeitweise im gemieteten Cottage in Keel. Erst später legten sie sich ein kleines Cottage in Dugort zu - das heutige Böll Cottage. "Die Bildzeitung schrieb damals, die Bölls hätten sich ein Schloss auf einer Insel in Irland gekauft", erzählte René Böll und schmunzelte. Das Cottage wurde im Jahr 1992 an die Heinrich-Böll-Stiftung verkauft (Böll starb im Jahr 1985) und seitdem dürfen ausgewählte Künstler immer zwei Wochen, so auch der ehemalige Höchstadter Künstler Thomas Richter, dort leben und arbeiten.
Böll zeigte auch Bilder von den Friedhöfen der namenlosen Kinder. "Ich habe insgesamt 25 Friedhöfe entdeckt und in ganz Irland sind es um die 2000." Namenlose Kinder, Kinder die ungetauft gestorben sind, durften nach katholischem Brauch bis in die 60er Jahre nicht in geweihte Erde. Es war so, als hätten sie nie existiert. Im Oktober 2014 zeigte René Böll in Bonn seine Ausstellung "Cillíní - Die Friedhöfe der ungetauften Kinder Irlands auf Achill Island".
Von der Besteigung des Croagh Patrick, des Heiligen Berges der Iren nahe Castlebar, erzählte er ebenfalls noch. Er selbst hat ihn früher oft - der Sitte nach - nachts bestiegen und viele Iren liefen früher den steinigen Weg sogar barfuß. Vom "Wild atlantic way", einem Weg, den es schon immer gab, der aber jetzt touristisch vermarktet wird, sprach er.
Mit Bildern von "Skellig Michael", einer felsigen, historisch einmaligen Insel vor der Kerry Halbinsel, auf der zwischen den Jahren 600 und 1200 irische Mönche lebten und auf dem die letzte Episode von Star Wars gedreht wurde, endete ein interessanter Vortrag.