Dass Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg im Jahr 1917 zum Coburger Ehrenbürger ernannt wurde, dürfte kaum jemanden mehr interessieren - wenn es in Coburg nicht auch eine Hindenburgstraße gäbe. Sie hält den Namen des Chefs der Obersten Heeresleitung im Ersten Weltkrieg und späteren Reichspräsidenten präsent, obwohl die Person Paul von Hindenburg heute stark umstritten ist. Hindenburg nämlich ernannte Adolf Hitler 1933 zum Reichskanzler und ermöglichte damit den Nationalsozialisten die sogenannte Machtergreifung.

Doch während die Stadt Coburg nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs den führenden Nazis die Ehrenbürgerwürde schnell wieder aberkannte, wurde die von Paul von Hindenburg nicht angetastet. Der Stadtrat tat und tut sich schwer damit: Hindenburg ist lange tot und somit schon aus diesem Grund kein Ehrenbürger mehr. In seiner April-Sitzung hat sich der Stadtrat von heute von diesem Beschluss seiner Vorgänger vor 104 Jahren größtmöglich distanziert und beschlossen: Überall dort, wo die Stadt auf Hindenburgs Ehrenbürgerschaft verweist, wird dieser Distanzierungsbeschluss mitveröffentlicht.

Das dürfte, so lange es sich um Informationen im Internet oder Broschüren handelt, kein großes Problem darstellen. Aber wie ist das mit den Straßenschildern? Die Hindenburgstraße, die mit der Ehrenbürgerschaft 1917 beschlossen wurde, soll nicht umbenannt werden. An den Schildern weisen kleine Tafeln darauf hin, dass die Stadt Hindenburg zum Ehrenbürger gemacht hatte. Für den Hinweis "Aber der Stadtrat von 2021 distanziert sich davon" fehlt schlicht der Platz.

Deshalb sollen die Zusatzschilder mit Hindenburgs Lebensdaten erst mal abmontiert werden, teilt Louay Yassin mit, Pressesprecher der Stadt Coburg. Denn es stimme ohnehin nicht mehr, dass Hindenburg Ehrenbürger der Stadt sei - mit dem Tod sei diese Würde erloschen.

Eine mögliche Lösung des Problems hat die Stadt Amberg entwickelt. Dort verweisen QR-Codes auf den Schildern mit problematischen Straßennamen auf eine Internet-Seite, auf denen man - per Smartphone - weitere Informationen abrufen kann. Zehn Straßen mit Namen wie Hindenburg oder Otto von Bismarck sind so erfasst. Eine solche QR-Code-Lösung sei auch für Coburg grundsätzlich vorstellbar, meint Louay Yassin. "So könnte man die gesamte Situation - historisch und aktuell - gut und ausführlich erklären und ist nicht nur auf wenige Worte angewiesen." Aber: Im Internet müssen dann auch die entsprechenden Informationen hinterlegt sein. Wer "Coburg" und "Straßennamen" im Internet sucht, stößt sehr schnell auf die Homepage der Stadt und ein Dokument mit dem Titel "Wie die Straßen zu ihren Namen kamen". Dafür gibt es sogar schon einen QR-Code. Aber über Paul von Hindenburg ist da auch nicht mehr zu finden als das, was eh schon klein auf den Straßenschildern steht.

Im Digitalen Stadtgedächtnis (www.geschichte-coburg.de), ebenfalls ein Projekt der Stadt Coburg, findet sich da schon mehr. 2018 erarbeitete ein P-Seminar des Gymnasiums Ernestinum eine Broschüre über die Herkunft Coburger Straßennamen. Neben der gedruckten Broschüre wurden die Texte ins Digitale Stadtgedächtnis eingespeist, wo man sie im Menü unter Themen/P-Seminare/Straßennamen finden kann. Untergliedert ist die Broschüre in Kapitel wie "Mittelalterliche Straßennamen" oder "Nach Personen benannte Straßen". Damit, meint zumindest der frühere Stadtheimatpfleger Hubertus Habel, sei schon eine Grundlage geschaffen.

Auch der derzeitige Stadtheimatpfleger, Christian Boseckert, beschäftigt sich mit den Coburger Straßennamen. Ausgangspunkt war ein Interview bei RadioEins, erzählt Boseckert. Seine Texte über die Straßennamen erscheinen bislang auf Facebook und beim Radio. Von der Stadt, sagt Boseckert, sei wegen Erläuterungen zu Straßennamen noch niemand auf ihn zugekommen.