Laden...
Stadtsteinach

Die "Stimme Gottes" ist belegt

Die Orgel von St. Michael in Stadtsteinach wird gerade von Staub und Schimmel befreit.
Artikel drucken Artikel einbetten
Weit über 1500 Pfeifen zählt die Orgel in St. Michael. Sie müssen gereinigt und neu gestimmt werden. Orgelbauer Karsten Hörl erledigt seine Arbeit unter beengten Bedingungen.  Fotos: privat
Weit über 1500 Pfeifen zählt die Orgel in St. Michael. Sie müssen gereinigt und neu gestimmt werden. Orgelbauer Karsten Hörl erledigt seine Arbeit unter beengten Bedingungen. Fotos: privat
+1 Bild

Diese überschwänglichen Worte sind über 100 Jahre alt: "Alles in allem muß gesagt werden, daß die ganze Arbeit an und in der Orgel wo man hinsieht, von größter Sorgfalt und Akuratesse Zeugnis gibt, und da außerdem das Material, aus welchem die sämtlichen Teile angefertigt sind, das denkbar beste ist. So kann der Unterzeichnete hiermit unumwunden seine Anerkennung über das geprüfte Orgelwerk dahin zum Ausdruck bringen, daß er es für ein nach allen Seiten hin vollendetes Meisterwerk erklärt, ein Werk, das seinen Meister lobt und der Gemeinde, die es erbauen ließ, zur Ehre gereicht." Geschrieben hat dies Valentin Höller 1911 über die Orgel von St. Michael - kurz nachdem sie in die neu errichtete Stadtsteinacher Kirche eingebaut worden war.

Seither ist viel Zeit verstrichen, und das stattliche Instrument hat schwer gelitten. Dreck und Schimmelpilz-Befall haben der "Stimme Gottes" schwer zugesetzt. Jetzt hat die Renovierung des Geräts begonnen.

Eng, dunkel und schmutzig

Es ist eng, dunkel und schmutzig: Karsten Hörl hat alle Hände voll zu tun. Im Inneren der Orgel baut er Pfeifen aus. Manche sind aus Holz, andere aus Metall - für den hellen Klang. Die kleineren Teile nimmt der Orgelbauer mit in seine Werkstatt nach Helmbrechts. Die größeren werden vor Ort behandelt, befreit vom Dreck der Jahrzehnte, der den Klang getrübt hat oder sogar ganz verstummen ließ. Und vom Schimmel, der die Substanz angreift. Hörl: "Der kommt von den Temperaturschwankungen. Wenn kalte auf warme Luft trifft, dann gibt es Feuchtigkeit, ein idealer Nährboden für den Schimmel."

Ihm rückt der Fachmann mit ausgesuchten Mitteln zu Leibe. Die Stücke werden gewaschen und getrocknet und danach mit einer 70-prozentigen Alkohol-Lösung behandelt. Dieses Isopropanol reinigt das Material nicht nur, es desinfiziert es auch und erschwert die Bildung neuer Schimmel-Kulturen.

Der Pilzbefall ist das größte Problem, aber nicht das einzige. Auch der Staub hat sich zentimeterdick auf die Bauteile gelegt, wo er zusammen mit dem Schimmel eine unheilige Allianz der Zerstörung eingeht. Der Putz an der rückwärtigen Mauer hin zum Turmzimmer ist locker: Teile brechen heraus und fallen in die Orgelpfeifen, denen es auf diese Weise die Stimme verschlägt.

Kleinster gemeinsamer Nenner

Thomas Hopisch sorgt dafür, dass es damit ein Ende hat. Der Maler aus Triebenreuth streicht nicht nur die Wand, er verputzt auch die Löcher und Lunker. Der dritte Handwerker im Bunde ist Jürgen Porzelt. Der Elektro-Fachmann - selbst in der Pfarrei aktiv - sorgt für die passende Innenbeleuchtung der Orgel, ohne die ein sinnvolles Arbeiten nicht möglich wäre. Außerdem erledigt er weitere kleinere Maßnahmen.

Mit der Renovierung der Orgel hat die Pfarrei St. Michael den kleinsten gemeinsamen Nenner gefunden. Ursprüngliche Ansätze gehen weit über den Umfang der gegenwärtigen Maßnahme hinaus. So gab es in der Erzdiözese Bamberg Forderungen, die auf den klanglichen Rückbau des Instruments abzielten. Die ertönt erst seit den 60er Jahren in sattem Barock, was dem Klangverständnis des damaligen Orgelbauers Max Thierauf aus Lichtenfels entsprach. Ein groß angelegter Rückbau aber hätte sehr viel Geld erfordert: Die umfassende Restauration hätte einen finanziellen Aufwand von rund 300 000 Euro und mehr nach sich gezogen - und die Finanzkraft der Pfarrei weit überstiegen. Denn die muss die Arbeiten aus eigener Tasche berappen - die Erzdiözese leistet keinerlei Zuschuss, wie Kirchenpfleger Klaus Geier unterstreicht: "Wir müssen alles aus eigenen Mitteln bezahlen." Deshalb ist eine Spendenkampagne ins Leben gerufen worden, die bislang 18 000 Euro erbracht hat.

Unter Denkmalschutz

Es gibt sogar gute Seelen, die immer wieder das Portemonnaie öffnen, um die Aktion zu unterstützen. So spendet eine Dame seit drei Jahren monatlich 50 Euro, um auf diese Weise ihre Verbundenheit mit der Pfarrei zu dokumentieren. Dennoch klafft eine beträchtliche Finanzlücke: Rund 45 000 Euro dürfte die Renovierung kosten. Vor diesem Hintergrund ist die Pfarrei über jede Zuwendung dankbar (Spendenkonto DE 76 7715 0000 0000 3159 45 bei der Sparkasse Kulmbach-Kronach).

Das Geld für diese Maßnahme ist sicherlich gut angelegt, denn der Orgel in St. Michael kommt eine erhebliche kulturhistorische Bedeutung zu. Sie gilt als eine von noch vier erhaltenen großen Orgeln des Nürnberger Meisters Johannes Strebel und steht wegen ihres Stellenwertes unter Denkmalschutz. Da versteht es sich fast von selbst, dass die Kirchenverwaltung das imposante Musikinstrument nicht seinem Schicksal überlassen hat, sondern alles daran setzt, es am Leben zu erhalten. Mit der Renovierung schafft man die Voraussetzung dafür. Sechs Wochen soll es dauern, bis die Pfeifen wieder ungetrübt und wohl gestimmt erklingen können.

Pfarrvikar Sebastian Masella ist seinem Vorgänger, dem jetzigen Pfarradministrator Hans Roppelt, aber auch der Kirchenverwaltung und Klaus Geier dankbar dafür, dass sie sich mit "großer Liebe und Hingabe" für die Erhaltung eingesetzt haben. Den Abschluss der Renovierung will man in Stadtsteinach angemessen begehen, vielleicht mit einem Dankgottesdienst oder auch Konzerten - wenn die Corona-Krise vorüber ist und die Christen sich wieder unbekümmert versammeln dürfen in ihrem Gotteshaus ... red

Verwandte Artikel