Hätte ihre Tochter nicht eine Bemerkung fallen gelassen, wäre alles ganz anders gekommen. Doch so schneidert Petra Pede nun schon seit Jahren Besuchern des Bad Staffelsteiner Altstadtfestes das Gewand auf den Leib. Eine Geschichte in Samt und Seide.
Gaukler streichen durch die Straßen, der Schmied hämmert auf glühenden Metallen, über einem Feldlager wehen Flaggen und Standarten, Marketenderinnen verkaufen Spezereien, Bader schneiden einem die Haare. Und über allem liegt ein Duft von Grillfleisch. Alljährlich taucht die Kurstadt für ein Sommerwochenende in eine Zeit ein, die Jahrhunderte zurückliegt. Wer sich hier tummelt, tut das kostümmäßig nicht selten irgendwo zwischen dem 13. und 18. Jahrhundert. Manch ein Kostüm hier stammt aus einem Verleih, manches aus einem Theaterfundus. Aber nicht wenige der Menschen hier besitzen wirklich, was sie am Leib tragen, und haben ihren Aufzug von einer Hausfrau aus Grundfeld erhalten. "Ich kann doch nicht den ganzen Tag putzen" - mit so einer Antwort muss man bei dieser Hausfrau rechnen, wenn man sie nach dem Grund für ihr Tun befragt. Denn preislich trügen die Gewänder eher die Züge einer ehrenamtlichen Gefälligkeit abseits einer Gewinnabsicht oder des Marktüblichen.
Auf zehn Quadratmeter Fläche schätzt die Grundfelderin ihre kleine Nähwerkstatt in ihrem Haus. Um dorthin zu gelangen, passiert man einen Schrank, der wohl ein gutes Dutzend mittelalterliche Gewänder beherbergt und dessen Vorhangschienensystem Petra Pede selbst gebaut hat. Die Schwibbogen an den Fenstern stammen auch von ihr, durchaus filigrane Werke aus Beobachtungsgabe für heimatliche Motive. In aller Bescheidenheit spricht sie davon, dass ihr ein praktisches Talent "in die Finger gerutscht" sei.


Werkstatt mit Warenlager

Was sich ums Eck in ihrer Werkstatt findet sind Perlen, Ketten, Bordüren und Stoffe. Eine Art Warenlager mit einer Nähmaschine und einer Maschine zum Einsäumen, einer Schneiderpuppe und Garnen und sonstigem Allerlei. Vor acht, neun Jahren, so genau weiß es Petra Pede nicht mehr, habe ihre Tochter ihr die Begeisterung für mittelalterliche Gewänder eröffnet und sie darum in einen Bamberger Laden geführt. An ihre eigene erste Reaktion, vor allem in Bezug auf die Preise, erinnert sich Petra noch sehr genau: "Na das mache ich dir für die Hälfte." Doch nicht nur die Tochter ging auf mittelalterliche Märkte und wollte passend gewandet sein, auch der Sohn meinte bald, er brauche einen Waffenrock.
Zeiten später, angeregt durch die Leipziger Buchmesse, habe er sogar mit Manga-Comics und entsprechendem Outfit geliebäugelt. "Und der kam mit einem Bild davon an", weiß Petra Pede noch genau. Besonders genau weiß sie noch, wie sie zur Lösung der Aufgabe einen Mantel auftrennte und den Stoff versteifte. Irgendwann vor acht, neun Jahren, bekam auch eine gute Bekannte von dem ersten geschneiderten Mittelalterkleid Wind, betrachtete es und äußerte: "Na hör mal, wann nähst du für uns?" Petra Pede sträubte sich dagegen, wurde aber hartnäckig bearbeitet. Nun hat sie ein Kleingewerbe.
"Ritterfilme, Märchenfilme und das Internet", benennt Petra Pede als Inspirationsgeber und Recherchefeld für ihre Kleidermodelle. Und für mittelalterliche Hauben und Hüte. Denn Modistin ist sie gewissermaßen auch. Samt, Seide, Taft, Satin, Vlies, Baumwolle - alles vorrätige Stoffe. Einen kleinen diesbezüglichen Schatz hat sie gewissermaßen auch: "Ich habe den Originalstoff aus ,Drei Haselnüsse für Aschenbrödel‘ (Klassiker des Märchenfilms) - der hat ein Vermögen gekostet." Aber viele Vorteile böte auch besonders ganz normaler Gardinenstoff. Besonders solche Motive, die mittelalterlich anmuten, fänden sich laut der Näherin noch am ehesten darin. 10 Meter Stoff sind für ein Kleid einzurechnen. Aber diese Kleider können sehr schmuck werden. Von Marketenderin bis Hochadel schneidert Pede, säumt ein, bringt Bordüren, Glasperlen oder sonstigen Zierrat an. Eine Art Typberatung bietet sie, die auch im Modeverkauf gearbeitet hat, ebenfalls an. Denn auch für Kostüme zum Altstadtfest gilt, dass nicht jedem alles steht. Und manchmal weiß sie sich kurios zu helfen, könnte ihre Werkstatt an die des Fälschers Konrad Kujau erinnern. Dann, wenn sie beispielsweise Dinge entzweckt und entfremdet, so wie den Staubwedel, dem sie die Straußenfedern entnimmt, um sie an einen Hut anzubringen.


Rechtzeitig anklopfen

Aber die Grundfelderin hat noch ganz andere Erfahrungen gesammelt. So zum Beispiel diese, wonach Männer und Frauen in Bezug auf Mittelalterkostüme durchaus gleich entspannt bzw. mäkelig sind. Und dass wer ein Kostüm braucht, dies bis März oder April signalisieren sollte. "Das Knappste war mal ein Tag vor dem Altstadtfest - den Stress mache ich nie wieder mit." Dann, zum krönenden Abschluss, zeigt sie ein Hochzeitskleid her. Es ist neuwertig, schön, elegant, und doch schon sechs Jahre alt. Damals hat es bei ihr an der Tür geklingelt und eine ihr fremde Frau gab es bei ihr ab. "Zum Zammschneiden!" Doch das bekommt Petra Pede einfach nicht übers Herz.