Roland Schönmüller Landkreis Kronach —  Wer kennt sie nicht, die Ziege - im Volksmund "die Geiß " genannt? Noch bis in die 1970er Jahre hinein galt sie im Frankenwald als "Kuh des armen Mannes". "Wenn das spärliche Futter in unserer rauen Region nur knapp für eine Kuh reichte, so wurde doch immer eine Ziege satt, da sie viel anspruchsloser war!", berichtet ein älterer Frankenwälder.

Die Ziege war in der Anschaffung viel billiger als eine Kuh. Sie brachte trotz des mageren Futters gute Milcherträge. Und nicht zu vergessen: Aus der Milch stellte man auch Butter und Käse her. Ziegenkäse und Ziegenbutter sind heute nach wie vor eine Delikatesse.

Wenn die Ziege nach einer Tragzeit von fünf Monaten im Frühjahr oft bis zu drei Zicklein zur Welt brachte, war sie auch ein guter Fleischlieferant und hatte so bei der Ernährung armer Familien den größten Anteil. Aber nicht nur arme Familien hatten Ziegen. Da die Ziege als eine Art "Gesundheitspolizei" angesehen wurde, fand man sie auch in Kuh- und Pferdeställen von wohlhabenden Bauern mit ein bis zwei Gefährtinnen. "Wurde eine Ziege krank, so war dies ein Alarmsignal und das ganze Vieh im Stall musste beobachtet werden, um einer eventuellen Seuche vorzubeugen", erzählt eine Seniorin, Anfang achtzig.

Übrigens: Früher herrschte der Aberglaube, dass die Ziege alle Krankheiten von den anderen Tieren abwenden und auf sich ziehen würde.

Aus dem Wald verbannt

Die Ziege gehörte auch im Kronacher Landkreis zum Viehbestand vor allem der kleinbäuerlichen Betriebe. Grund: Da das Wiesen- und Ackerland begrenzt war, wurden die Ziegen zum Weiden auch in den Wald getrieben. Wo aber die Ziegen grasten, hatten die Pflanzen dort kaum eine Chance. Vor allem dem Jungholz blieb keine Überlebensmöglichkeit. Deshalb war die Ziege das erste Haustier, das aus dem Wald verbannt wurde. Rechtsverordnungen aus dem Spätmittelalter bestätigen das.

Besonders im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) und danach hatte die Ziegenhaltung in deutschen Mittelgebirgen eine für den Wald beängstigende Dimension erreicht. Für die Ernährung armer Familien war sie aber lebenswichtig. Um 1900 stieg der Ziegenbestand ständig. In den nachfolgenden Kriegs- und Notzeiten gab es Höchstbestände. Die Ziege sei also ein Wohlstandsbarometer gewesen, erläutert ein Fachmann: "Geringer Wohlstand - hoher Ziegenbestand; hoher Wohlstand - geringer Ziegenbestand."

Ziegenmilch sei Kindern, die nicht oder nicht mehr gestillt wurden, als Ersatz für die Muttermilch oder als Kuhmilch-Ersatz gegeben worden. Sie war ein bekömmliches Nahrungsmittel.

Der Deckbock brachte ein Zubrot

Die weiße Rasse war in manchen Landschaften wohl am verbreitetsten, die braune weniger - aber letztere sah man im Frankenwald häufiger. Die beiden Rassen wurden ab 1927 unter den Bezeichnungen "Weiße Deutsche Edelziege" und "Bunte Deutsche Edelziege" geführt und gezüchtet.

Ein "anrüchiges Geschäft" war die Bockhaltung, erinnert sich ein ehemaliger Ziegenhalter: "Der markante Geruch der Ziegenböcke entsteht durch Ausscheidungen aus den Hauptdrüsen, die während der Brunst-Saison vergrößert sind. Diese Duftdrüsen befinden sich vor allem hinter den Hörnern und an der Schwanz-Unterseite."

Mancher kleine Bauer jedoch war auf diesen "Nebenverdienst" angewiesen. War in einem Dorf kein Deckbock, so mussten die Leute des öfteren viele Kilometer zu Fuß oder mit dem Auto zurücklegen. Manch einer kann davon heute noch Geschichten erzählen, da die Ziegen oft störrisch waren.

"Die Kuh des kleinen Mannes, die muntere und nicht minder dankbare Ziege, verschwindet immer mehr, weil es heute kaum noch einen kleinen Mann gibt. Eine erfreuliche Erscheinung einerseits, aber andererseits ist es bedauerlich, dass viel wertvolles Futter verloren geht, das über die Ziegenhaltung nutzbringend verwertet werden könnte", resümiert ein ehemaliger Nebenerwerbs-Landwirt.

Ziegen sind Hornträger, Wiederkäuer und Paarhufer, wild anzutreffen in gebirgigen Regionen in Eurasien und Nordafrika sowie Nordamerika. Zu dieser Gattung zählt auch die domestizierte Hausziege und die verschiedenen Arten der Steinböcke. Ziegen sind relativ robust gebaute Tiere mit kräftigen Gliedmaßen und breiten, an eine kletternde Fortbewegung angepassten Hufen. Auffällig ist ein Bart, der bei den Männchen deutlich länger ist. Beide Geschlechter tragen Hörner. Alle Ziegen sind Pflanzenfresser, die vorwiegend Gräser und Kräuter zu sich nehmen, aber auch an Büschen knabbern.

Menschen und Ziegen

Vor rund 9000 Jahren, möglicherweise früher, begann die Domestikation der Hausziege, die somit zu den ältesten wirtschaftlich genutzten Haustieren zählt.

Ziegen sind neugierig, unberechenbar, wählerisch und außerdem echte Kletterkünstler. Einfach zu halten sind sie nicht. Ziegenmilch war die erste Tiermilch, die der Mensch zu sich nahm. Früher hielt in Deutschland auf dem Land jede Familie eine Ziege. Ab den 1960er Jahren ging die Zahl der Ziegen in Deutschland deutlich zurück. Erst seit einigen Jahren feiern die Tiere wieder ein Comeback. Als geselliges Herdentier schließt sie sich den Menschen gut an und fasziniert diese auch mit ihrem vorwitzigen Verhalten. Und der enorme Vorzug der Ziege, der sie für fast jedermann attraktiv macht: Die Ziege gibt, gemessen an ihrem eigenen Körperumfang, enorm viel Milch - nämlich pro Jahr dreimal so viel wie ihr eigenes Körpergewicht. Und, ebenso wichtig: Für diese Leistung braucht sie nur sehr wenig Platz und Futter.