"Europa im Wandel" ist das Motto des diesjährigen Wissenschaftstages der Europäischen Metropolregion Nürnberg am Freitag, 28. Juli, in Bamberg. Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen spüren zusammen mit Praxispartnern den Entwicklungen in Europa nach, die etwa durch Migration beeinflusst werden. Zum Tagesprogramm gehören vier Panels, die sich aus verschiedenen Blickwinkeln dem Thema nähern. Unsere Zeitung sprach vorab mit den Panelleitern. Heute sind Professor Gerhard Vinken, Lehrstuhl für Denkmalpflege, und Professor Rainer Drewello, Professur für Restaurierungswissenschaften in der Denkmalpflege - beide Otto-Friedrich-Universität Bamberg - an der Reihe. Ihr Panel titelt "Europas Erbe - Denkmalpflege im Wandel" und beginnt um 15 Uhr im Seminarraum MG2/01.10, Gebäude 2, Markusstraße 8a.

Ist Bürgerbeteiligung in der Denkmalpflege eher förderlich als hinderlich?
Gerhard Vinken: Bürgerbeteiligung ist in der Denkmalpflege unabdingbar, weil die Zuneigung der Bürger die beste Lebensversicherung für unser kulturelles Erbe ist. Sie wird in mehreren Bereichen - etwa in der städtebaulichen Denkmalpflege - auch bereits praktiziert, wenn auch andere Länder hier viel weiter sind. Ein viel genanntes Beispiel ist England, wo die Fachämter nur ein Akteur unter vielen sind und private Organisationen durch ihr Engagement viel bewirken können. Dort sind sie sogar an Gutachterverfahren beteiligt.

Braucht es für den Erhalt von Kulturdenkmälern nicht Sachverstand und Kompetenz, die der "normale" Bürger gar nicht haben kann?
Vinken: Es geht nicht um ein Ausspielen von Fachleuten gegen "einfache" Bürger, deren Kompetenz wir allerdings nicht unterschätzen dürfen. Unbestritten bleibt, dass die Qualität der Denkmalpflege von der Ausbildung und der Ausstattung der einschlägigen Fachleute abhängt, aber eben auch davon, in welchem Ausmaß andere Akteure in die komplexen Aufgaben einbezogen werden, unser kulturelles Erbe für die Zukunft zu sichern. Diese zentrale Aufgabe lässt sich nicht einfach an das Amt oder die Wissenschaft delegieren.

Hat das traditionelle Handwerk in Zeiten von Automatisierung und Digitalisierung überhaupt noch eine Überlebenschance?
Rainer Drewello: Automatisierte Abläufe hat es im Handwerk seit Anbeginn gegeben. Damit kann das Handwerk auch in Zukunft gut umgehen. Was die Digitalisierung betrifft, sollte man sie als Chance begreifen und ihre Vorzüge herausstreichen. Jederzeit auf digitale Daten, Pläne oder Schriftquellen zurückgreifen zu können, ist ein unschätzbarer Vorteil, den es bis vor kurzer Zeit entweder nicht gab oder der durch kleinliche Blockaden verhindert wurde.

Europa ist reich an historischen Kulturgütern, Denkmälern, Altstadtensembles. Welchen Stellenwert muss deren Schutz und Erhalt in Politik und Gesellschaft einnehmen?
Drewello: Aus der Sicht eines Akteurs natürlich einen sehr hohen. Im Ernst: Den Wert mitteleuropäischer Kultur und ihrer Eigenart lernt man erst schätzen, wenn man für längere Zeit im Ausland war. Dann fällt einem wie Schuppen von den Augen der unschätzbare Reichtum an Geschichte, Ideen, Vielfalt und an Sprach- und Essenskultur auf, den die alte Dame Europa zu bieten hat - wenn man sie denn nur lässt, wie sie ist, und sie nicht dem Shareholder value opfert. Man verliert nämlich schnell die Lust auf Europa, wenn historische Innenstädte zu Touristen-Malls umfunktioniert werden.

Ist diese Sichtweise in Bamberg zufriedenstellend gegeben?
Drewello: Aber ja doch. Solange es noch Bürger und Verwaltungen gibt, die nicht ausschließlich Dollarzeichen und Verordnungen vor Augen haben und so etwas Altmodisches wie echte Zuneigung zu ihrer Stadt empfinden, lautet die Antwort uneingeschränkt: ja. Letztlich entscheiden die Bürger über das Aussehen und den Charakter einer Stadt und keine abstrakte Institution im Irgendwo. Solange man bereit ist, ein buckeliges Kopfsteinpflaster ein buckliges Kopfsteinpflaster sein zu lassen und den Menschen, die hier gerne leben, studieren und arbeiten Raum zur Entwicklung einräumt, bleibt Bamberg Bamberg.

Die Fragen stellte
Marion Krüger-Hundrup.