Die deutsche Polstermöbelindustrie zeigt sich trotz widriger Rahmenbedingungen im bisherigen Jahresverlauf überaus robust. Von Januar bis Juli 2022 steigerten die Hersteller ihren Umsatz laut amtlicher Statistik um 16 Prozent auf 665 Millionen Euro, wie Leo Lübke, Vorsitzender des Verbands der Deutschen Polstermöbelindustrie (VdDP) auf der Jahrespressekonferenz in Herford berichtete. Wie die Situation vor Ort bei der für die Region wichtigen Branche aussieht, das wollten Landrat Sebastian Straubel und Martin Schmitz als Wirtschaftsförderer des Landkreises bei den Firmen direkt erfahren, die gerade ihre Hausmessen haben.

Dabei bestätigte sich, was auch VdDP-Geschäftsführer Jan Kurth bereits feststellte. Seit Juni schwächt sich die Nachfrage spürbar ab. Im Juli verzeichnete die Polstermöbelindustrie laut Kurth erstmals in diesem Jahr einen Umsatzrückgang (minus 0,77 Prozent) gegenüber dem Vorjahresmonat. Die Branche stehe angesichts des schwächeren Konsumklimas und der weiter steigenden Kosten für Rohstoffe, Vormaterialien, Logistik und Energie vor sehr herausfordernden Monaten, sagte Kurth.

Wenig Nachfrage bei günstigen Möbeln

Torsten Nagat, Geschäftsführer der Firma F&S Polstermöbel in Weidhausen, sieht vor allem Probleme für Hersteller, die im niedrigeren Preissegment produzieren. „Vor allem Kunden, die Garnituren im Preis bis etwa 2000 Euro nachfragen, halten sich jetzt zurück“, sagt er. Die Haushalte seien angesichts angekündigter weiterer Preissteigerungen bei Energie und Lebenshaltung verunsichert und hielten daher ihr Geld zurück. Im mittleren Preisbereich sei die Nachfrage noch vorhanden. Teure Möbel werden von einer Käuferschicht nachgefragt, die offenbar bisher noch nicht auf den Euro schauen muss. Doch Sofas für 10.000 Euro und mehr sind von je her nicht die Masse des Angebots.

Torsten Nagat bedauert, dass Endkunden nie die Vielfalt der Möbel vorgeführt bekommen können, die bei den Herstellern möglich ist. „Wir haben für eine Garnitur rund 1000 Bezüge und allein etwa 100 verschiedene Formen von Armlehnen. Kunden würden oft nicht glauben, dass es sich im Grunde um die gleiche Garnitur handelt.“

Quer über alle Hersteller geht der Trend zu flexibel veränderbaren Möbeln weiter. Dabei aber vor allem zu motorgetriebenen Verstellungen. Rein manuelle Mechaniken etwa für Liegefunktion oder ausfahrbare Beinauflagen werden kaum noch gekauft.

Die Nachfrage des ersten Halbjahres füllt die Auftragsbücher noch für die kommenden Monate. Doch: „Wie das nächste Jahr aussehen wird, wissen wir nicht“, sagt Axel Faber, Geschäftsführer der Firma Ponsel. Gestiegene Kosten für Energie und Material einerseits und Kaufzurückhaltung bei den Kunden andererseits lassen die Zukunft ungewiss erscheinen. Für Weidhausens Bürgermeister Markus Mönch ist die Polstermöbelindustrie der wichtigste Erwerbszweig in der Gemeinde. Mit Blick in Richtung Bundesregierung sagt er daher: „Wir brauchen dringend Lösungen. Gas- und Strompreise müssen gedeckelt werden. Aber wir Kommunalpolitiker fühlen uns da als Rufer in der Wüste.“

Innovationspreis für Arco

Um im Markt Kaufargumente zu bieten, gehen die Firmen unterschiedliche Wege. So setzt Ponsel etwa auf Klimafreundlichkeit und Regionalität. Das Unternehmen hat sich dem Klimapakt der Möbelindustrie angeschlossen und kann von sich behaupten, klimaneutral zu produzieren, was bilanziell und durch CO2-Zertifikate erreicht wird. Alle Zulieferer sitzen in der Region.

Bei Arco, ebenfalls in Weidhausen, steht Ergonomie im Vordergrund. Gesundes Sitzen durch angepasste Formen ist eine wichtige Leitlinie beim Design der Möbel. Das brachte dem Hersteller eine Auszeichnung ein, die während der Hausmessen überreicht wurde. Der Innovationspreis Ergonomie wird seit fünf Jahren vom Institut für Gesundheit und Ergonomie (IGR) in Nürnberg verliehen. „Wir beobachten das Unternehmen Arco schon länger“, sagt Ralf Eisele von IGR. Ergonomie dürfe kein kurzfristiges Werbeargument sein, wenn ein Unternehmen von der Jury ausgesucht und mit dem Preis bedacht werden soll. Die konsequente Umsetzung ergonomischer Prinzipien und Schulungen der Mitarbeiter zum Thema überzeugten die Juroren, sagte Eisele.