Der CSU-Abgeordnete Hans Michelbach (71) hat sich über viele Jahre zum Gesicht des Wahlkreises Coburg-Kronach im Bundestag entwickelt. Dort hat er Weichen für die Republik, aber vor allem auch für die Entwicklung der heimischen Region gestellt. 2021 wird er nicht mehr kandidieren. Vor seinem Abgeordneten-Endspurt blickt er im Interview mit dem FT auf fast drei Jahrzehnte zurück. Herr Michelbach, was war die größte Herausforderung, der sie in 27 Jahren Bundestag gegenüberstanden?

Hans Michelbach: Es gab in all diesen Jahren viele größte Herausforderungen. Angefangen von der Umgestaltung der DDR-Planwirtschaft zu einer freien sozialen Marktwirtschaft über die Einführung des Euro als Gemeinschaftswährung zur stärkeren Integration in Europa, die Umsetzung des Stabilitäts- und Wachstumspakts, die Bewältigung der Wirtschaftskrise mit hoher Arbeitslosigkeit an der Jahrtausendwende, die Überwindung der Finanzkrise mit der Rettung der Sparkonten bis hin zur Einführung der Schuldenbremse für die öffentlichen Haushalte, um die Neuverschuldung zum Schaden der jungen Generation zu verhindern.

Stark habe ich mich auch der Steuerpolitik gewidmet, die ich insbesondere mit der Freistellung weiter Teile der Bevölkerung von der Erbschaftssteuer und dem faktischen Aus der kalten Progression gestalten konnte. Die Verteidigung der sozialen Marktwirtschaft gegenüber Tendenzen zu staatswirtschaftlichen Abwegen und der Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit unserer Betriebe waren meine Dauerherausforderungen.

Worin sehen Sie Ihren größten Erfolg in dieser Zeit?

Ich möchte da eher von der Genugtuung sprechen, dass ich nicht nur in Bonn und Berlin, sondern insbesondere bei den Menschen im Wahlkreis Unterstützung und Mitwirkungsbereitschaft gefunden habe. Der Wahlkreis war mir in all den Jahren das Wichtigste. Der Kontakt vor Ort zu unseren Bürgerinnen und Bürgern in Vereinen, Organisationen und Kommunen hat mir große Freude bereitet. Darüber hinaus waren mir die Wirtschaftsförderung, die Verbesserung der Infrastruktur, die Bildungs- und Hochschulförderung, die Stärkung der Kommunalfinanzen, der demografische Wandel und ein moderner Weg zur Digitalisierung wichtig. Ich habe immer daran gedacht, wie wir unserer jungen Generation gute Chancen für die Zukunft bieten können.

Gibt es ein Vorhaben, das Sie nicht mehr werden umsetzen können?

Ich verabschiede mich ja nicht schon jetzt vom Mandat. Der jetzige Bundestag ist noch etwa ein Jahr im Amt. Ich bin auf allen politischen Feldern nach wie vor in Berlin und im Wahlkreis aktiv. Abgerechnet wird zum Schluss. Es ist ein großes Ziel im Wahlkreis, wenn ich noch den Baubeginn des vierspurigen Ausbaus der B 173 von Kronach nach Lichtenfels erreichen könnte.

Auch verschiedene Fördermaßnahmen, wie die Sanierung der Freibäder und der Mehrzweckhallen im Wahlkreis, sind mir noch wichtig. Die Planungsaufgabe für die B-85-Ortsumgehungen im Bereich Pressig habe ich ebenfalls noch nicht aufgegeben. Die neue Fördererkulisse für die Landwirtschaft und die Waldbauern muss vorankommen, und unsere energieintensive Industrie benötigt wettbewerbsfähige Strompreise.

Welcher Abgeordnete hat Ihnen in den vergangenen Jahrzehnten am meisten imponiert und warum?

Da brauche ich keine lange Überlegung. Die langjährige Zusammenarbeit im Finanzausschuss mit den Finanzministern Theo Waigel und Wolfgang Schäuble wollte ich nicht missen. Was Theo Waigel mit der Wiedervereinigung und insbesondere mit der Rückführung der russischen Soldaten von deutschem Boden verhandelt hat, hat mir immer großen Respekt abverlangt. Es gibt auch keinen klügeren Politiker als unseren heutigen Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble. Ich denke sehr gern daran, wie hart die Auseinandersetzungen mit unserem Koalitionspartner für das Erreichen der Entschuldung waren und wie er die Ordnungspolitik der sozialen Marktwirtschaft bei vielen Verhandlungen durchgesetzt hat. Mit beiden Ministern habe ich viele Reisen, beispielsweise zu Tagungen des Internationalen Währungsfonds, unternommen.

Wann haben Sie sich endgültig dazu entschieden, 2021 nicht mehr zu kandidieren?

Ich habe seit 1978 politische Mandate aktiv ausgefüllt und meiner Familie viel zugemutet. Deshalb ist die Entscheidung jetzt auch mit meiner Familie in vielen Gesprächen gefallen.

Was war für Ihren Entschluss ausschlaggebend?

Nach 27 Jahren im Deutschen Bundestag und zwölf Jahren als Erster Bürgermeister ist es einfach an der Zeit, den Weg für Jüngere freizumachen und sich persönlich zurückzunehmen. Alles hat seine Zeit.

Wie wird das Leben des Abgeordneten Hans Michelbach nach der Bundestagskarriere aussehen?

Natürlich hoffe ich, dass ich vor allem mehr Zeit für meine Frau, meine drei Töchter und meine zwei Enkelinnen haben werde. Und ich werde mich auch wieder mehr in meinem Familienunternehmen sehen lassen, was meine Geschäftsführer vielleicht gar nicht so toll finden. Alles Weitere wird sich finden. Ich denke, es gibt auch ehrenamtlich noch viel zu tun. Die Fragen stellte Marco Meißner.