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as darf Satire? Alles. Was ist das Schlimmste für einen Satiriker? Wenn sich nicht mal wer darüber aufregt, was sich der Satiriker alles erlaubt. Insofern hat Jan Böhmermann Glück gehabt. Als er in der ersten Folge seines ZDF-Magazins Royale behauptete, die Unternehmerfamilie Stoschek habe die Stadt Coburg erpresst, eine Straße nach dem Stoschek-Vorfahren und Firmengründer Max Brose zu benennen, der Nazi gewesen sei, gab es tatsächlich einige Reaktionen: Die hiesigen Medien haben über die Sendung berichtet - das Tageblatt aktuell, aber eher zurückgenommen. Man musste nicht gut oder gerechtfertigt finden, was Böhmermann da losließ. Satire darf alles.

Man hätte es beschweigen können. Doch ein Pressesprecher muss reden, wenn er gefragt wird. Louay Yassin, der Pressesprecher der Stadt, wird in diesem Zusammenhang vom Bayerischen Rundfunk wiedergegeben: "Satire dürfe alles. Sie dürfe auch zuspitzen und es mit den Fakten mal nicht so genau nehmen." Für Böhmermann ein Aufhänger, um in seiner Sendung vergangenen Freitag Coburg gut drei Minuten zu widmen. Erst lässt er sich vor der Kamera für das "Fakten nicht genau nehmen" von einem Typ in Bomberjacke einen Nackenschlag verpassen, dann schreibt Böhmermann wegen seiner "satirischen Zuspitzung beim Thema ,der Nazi Max Brose" einen "Entschuldigungsbrief" an die Stadt Coburg.

"Max Brose war kein Nazi, sondern ein ,early adopter", deklamiert Böhmermann, unterlegt mit Zitaten aus der "Süddeutschen Zeitung", dass Brose eine der ersten Hitlerbüsten besessen habe und 1933 in die NSDAP eintrat. Und Böhmermann schwört auf das "ganz und gar unproblematische und sehr zeitgemäße Wappen der Stadt Coburg: Coburg ist cool, Coburg ist vogue, Coburg weiß, wie man es macht im Jahr 2020".

"Fakten nicht so genau nehmen" dürfte sich jedoch auf den Erpressungsvorwurf bezogen haben. Aber der lässt sich nicht so leicht belegen wie Nazi-Fakten über Max Brose und die Tatsache, dass die Stadt Coburg einen sehr stereotypen und altertümlichen Kopf eines Schwarzen im Wappen führt. Satire darf die billige Pointe suchen, indem sie Faktenfitzel zusammenträgt und draufhaut, aber die Hintergründe weglässt, die es kompliziert machen würden. Wäre Max Brose wirklich ein "early adopter" gewesen, wäre er in Coburg der NSPAP schon 1922 beigetreten. Aber die waren ihm, dem Deutschnationalen, vermutlich zu krawallig. Es waren die Nazis, die das Mohrenwappen abschafften; es waren die Coburger, die es nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufnahmen, um an ihre andere, ihre bessere Vergangenheit zu erinnern (und die zwischen 1922 bis 1945 möglichst zu verdrängen).

Um das auszusprechen, muss man sich in Coburg nicht das Satiremäntelchen umhängen. Der Stadtrat hat erkannt, dass es der Aufklärung bedarf, wie Coburg nach dem Ersten Weltkrieg so schnell dem Nationalsozialismus anheimfallen konnte. Die Stadt finanziert ein groß angelegtes Forschungsprojekt des Instituts für Zeitgeschichte, begleitet von namhaften Historikern. So gesehen ist Coburg cool und vogue.

Zum Schluss der drei Minuten packt Böhmermann ein "Max-Brose-did-nothing-wrong"-Straßenschild zu seinem Entschuldigungsbrief an Coburg.

Denn das Schild Max-Brose-Straße sei ja geklaut worden, zehn Tage nach seiner Sendung vor vier Wochen. Satire darf sich auch anmaßen, so etwas ausgelöst zu haben. Denn Satire darf alles. Wir sind gespannt, ob das Schild von Böhmermann tatsächlich in Coburg ankommt. Oder ob das nur ein Witz war.