Sie erzählt die Genesis rückwärts

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Die Künstlerin Ulrike Polifke präsentiert das Bild „Geschöpfe des sechsten Tages" aus der Werkfamilie „Genesis – alles wird gut“.Filina Rieker
Die Künstlerin Ulrike Polifke präsentiert das Bild „Geschöpfe des sechsten Tages" aus der Werkfamilie „Genesis – alles wird gut“.Filina Rieker

Künstlerin Ulrike Polifke nähert sich einem besonderen Thema auf ungewöhnliche Weise

Was war am Anfang? Licht und Schatten, Wasser und Erde, Pflanzen, Tiere – und schließlich der Mensch. Die Schöpfungsgeschichte gehört zu den ältesten Erzählungen der Menschheit. In Mühlhausen nähert sich die Künstlerin Ulrike Polifke diesem großen Thema auf ungewöhnliche Weise: Sie erzählt die Genesis rückwärts.

Im Mittelpunkt steht der Zyklus „Genesis – alles wird gut“, der in Mühlhausen während der Kerwa ausgestellt wird. Entstanden sind die Arbeiten in Öl und Acryl und sind Teil eines noch nicht abgeschlossenen künstlerischen Prozesses.

Idee kam im Bamberger Dom

Der Ausgangspunkt für die Serie liegt überraschenderweise im Bamberger Dom. Dort begegnete die Künstlerin den Darstellungen von Adam und Eva an der Adamspforte – und war sofort fasziniert. „Ich habe mich in die ersten Menschen verguckt“, beschreibt Polifke selbst den Beginn ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema.

Von dort aus ging es rückwärts: von Adam und Eva zurück durch die Schöpfungstage – bis hin zum Licht. „Jedes Bild ist eine Art Urknall“, sagt sie. Ein Impuls, ein Funke, bringt etwas in Bewegung. Die biblischen Texte sind dabei eine Inspiration, jedoch keine direkte Vorlage. „Wo sich der überlieferte Text mit meiner eigenen inneren Vorstellung verbindet, entsteht ein neues Bild“, erläutert die Künstlerin .

Widersprüche aushalten

Es geht um weit mehr als um die Darstellung einer alten Geschichte. Die Bilder beschäftigen sich mit einem Thema, das aktueller kaum sein könnte: der Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten.

Seit es die Welt gibt, gibt es Gegensätze. Licht braucht den Schatten. Leben steht neben Vergänglichkeit. Nähe kann in Enge umschlagen, während die Vertreibung aus dem Paradies nicht zwangsläufig als Verdammnis verstanden werden muss – sondern auch als Aufbruch in die Weite.

Schöpfung birgt Konflikte

Gerade diese Ambivalenz interessiert die Künstlerin . „Ich glaube, dass uns das heute ein Stück weit abgeht: Ambivalenzen auszuhalten.“ Die Schöpfung ist für sie kein harmonisches Bild ohne Brüche. Sie birgt bereits Konflikt und Spannung.

Besonders deutlich wird das bei den Geschöpfen des sechsten Tages. Kuh und Löwe stehen sich gegenüber – und plötzlich ist da Eskalationspotenzial: Entweder frisst der Löwe die Kuh oder beide verhungern. Die Schöpfung erscheint damit nicht als idyllischer Zustand, sondern als ein komplexes Gefüge, in dem Leben immer auch mit Widersprüchen verbunden ist.

Malen: auch Schattenarbeit

Auch das zentrale Motiv des Lichts erhält eine zweite Seite. Wer sagt: „Es werde Licht“, sagt damit gleichzeitig: Es gibt Schatten. Für die Künstlerin ist diese Dualität wesentlich. Beides gehört zusammen.

„Malen ist immer auch Schattenarbeit“, lautet eine ihrer Überzeugungen. Wer nur das Helle sehen und nur schöne, harmonische Bilder malen wolle, blende einen wichtigen Teil der Wirklichkeit aus. Erst durch Kontraste entsteht Tiefe.

Pusteblume als Motiv

Diese Gegensätze finden sich auch in anderen Motiven des Zyklus. So erzählen die Bilder von Vergänglichkeit und Ewigkeit zugleich. Besonders die Pusteblume hat es der Künstlerin angetan.

„Pusteblumen beschäftigen mich gerade sehr und tauchen in vielen meiner Bilder auf. Sie erinnern an Kindheit, gehen in ihrer Bedeutung aber darüber hinaus. Anders als eine Seifenblase, die einfach zerplatzt, tragen sie bereits den Gedanken an neues Leben in sich“, erzählt Ulrike Polifke.

Eine besondere Rolle spielt auch eine Pforte, die in eines der Bilder integriert ist. Sie verweist zurück auf den Ausgangspunkt der gesamten Werkfamilie – die Adamspforte des Bamberger Doms – und zugleich auf die Frage, was hinter einer Tür liegen könnte: das Vertraute oder die Weite, das Paradies oder der Aufbruch.

Bewusste Doppeldeutigkeit

Der Titel „Genesis – alles wird gut“ ist dabei bewusst doppeldeutig. Er ist keine theologische Aussage und auch keine einfache Behauptung, dass am Ende alles problemlos werden wird. Vielmehr greift er den biblischen Satz auf: „Gott sah, dass es gut war.“

Vielleicht liegt genau darin die besondere Aktualität dieser alten Geschichte: Alles ist noch im Werden. Die Schöpfung ist nicht abgeschlossen. Und deshalb ist auch der Zyklus „Genesis“ noch nicht vollendet.