Es geht um weit mehr als um die Darstellung einer alten Geschichte. Die Bilder beschäftigen sich mit einem Thema, das aktueller kaum sein könnte: der Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten.
Seit es die Welt gibt, gibt es Gegensätze. Licht braucht den Schatten. Leben steht neben Vergänglichkeit. Nähe kann in Enge umschlagen, während die Vertreibung aus dem Paradies nicht zwangsläufig als Verdammnis verstanden werden muss – sondern auch als Aufbruch in die Weite.
Schöpfung birgt Konflikte
Gerade diese Ambivalenz interessiert die Künstlerin . „Ich glaube, dass uns das heute ein Stück weit abgeht: Ambivalenzen auszuhalten.“ Die Schöpfung ist für sie kein harmonisches Bild ohne Brüche. Sie birgt bereits Konflikt und Spannung.
Besonders deutlich wird das bei den Geschöpfen des sechsten Tages. Kuh und Löwe stehen sich gegenüber – und plötzlich ist da Eskalationspotenzial: Entweder frisst der Löwe die Kuh oder beide verhungern. Die Schöpfung erscheint damit nicht als idyllischer Zustand, sondern als ein komplexes Gefüge, in dem Leben immer auch mit Widersprüchen verbunden ist.
Malen: auch Schattenarbeit
Auch das zentrale Motiv des Lichts erhält eine zweite Seite. Wer sagt: „Es werde Licht“, sagt damit gleichzeitig: Es gibt Schatten. Für die Künstlerin ist diese Dualität wesentlich. Beides gehört zusammen.
„Malen ist immer auch Schattenarbeit“, lautet eine ihrer Überzeugungen. Wer nur das Helle sehen und nur schöne, harmonische Bilder malen wolle, blende einen wichtigen Teil der Wirklichkeit aus. Erst durch Kontraste entsteht Tiefe.
Pusteblume als Motiv
Diese Gegensätze finden sich auch in anderen Motiven des Zyklus. So erzählen die Bilder von Vergänglichkeit und Ewigkeit zugleich. Besonders die Pusteblume hat es der Künstlerin angetan.
„Pusteblumen beschäftigen mich gerade sehr und tauchen in vielen meiner Bilder auf. Sie erinnern an Kindheit, gehen in ihrer Bedeutung aber darüber hinaus. Anders als eine Seifenblase, die einfach zerplatzt, tragen sie bereits den Gedanken an neues Leben in sich“, erzählt Ulrike Polifke.
Eine besondere Rolle spielt auch eine Pforte, die in eines der Bilder integriert ist. Sie verweist zurück auf den Ausgangspunkt der gesamten Werkfamilie – die Adamspforte des Bamberger Doms – und zugleich auf die Frage, was hinter einer Tür liegen könnte: das Vertraute oder die Weite, das Paradies oder der Aufbruch.
Bewusste Doppeldeutigkeit
Der Titel „Genesis – alles wird gut“ ist dabei bewusst doppeldeutig. Er ist keine theologische Aussage und auch keine einfache Behauptung, dass am Ende alles problemlos werden wird. Vielmehr greift er den biblischen Satz auf: „Gott sah, dass es gut war.“
Vielleicht liegt genau darin die besondere Aktualität dieser alten Geschichte: Alles ist noch im Werden. Die Schöpfung ist nicht abgeschlossen. Und deshalb ist auch der Zyklus „Genesis“ noch nicht vollendet.