Auf was der Mensch in virusgesättigten Zeiten so alles kommen kann! Zum Beispiel Corona als Alibi nehmen, um einmal aus der eigenen Blase heraus und in eine Gegenwelt zu treten, die einem bislang eher fremd war.

Fernsehabende von jener gnadenlosen Länge, die von den Statistikern als Durchschnittskonsum beziffert wird, könnten dazu taugen – es muss ja nicht gleich RTL & Co. sein. Auch die unter der charmanten Bezeichnung „öffentlich-rechtlich“ rubrizierten Sender bieten allabendliche Krimi-Endlosschleifen inklusive der aufgrund der opulenten TV-Finanzierung völlig überflüssigen Werbespots .

Scharfsinnige Analysen

Gerhard Stadelmaier, als langjähriger Theaterkritiker der FAZ fast schon eine journalistische Legende, hat die Covid-Auszeit genutzt, um sich der Marter langer Fernsehabende auszusetzen.

„Deutschlandglotzen“ ( Verlag zu Klampen, 200 Seiten, 20 Euro) ist sein Buch überschrieben. Wie nebenbei flicht der Autor daher allerlei Episoden aus dem Schauspielrepertoire ein, um die dramaturgischen Techniken und Tricks der TV-Formate zu entlarven.

Die metastasierenden Talkshows haben es ihm besonders angetan, jene „Stuhlkreislagerfeuer“, in denen gegenseitige Bestätigungen des jeweils Vorgefassten abgesondert werden, also das verkündet wird, was eh“ schon alle wissen. Stadelmaier kommentiert das mit Scharfsinn und brilliert auch stilistisch als jener Wortfindungsakrobat, als den man ihn jahrzehntelang in der Rolle des Kolumnisten kannte.

Seine Affinität zum Krimigenre kommt der bayerischen Leserschaft besonders zugute, denn die pfiffigen Analysen von „Rosenheim Cops“ (Motto: „Es gabat a Leich“) oder „Hubert und Staller“ sind ein wahres Lesevergnügen.