"Bäume leuchtend, Bäume blendend, / Überall das Süße spendend": Johann Wolfgang von Goethes an Weihnachten 1822 seinem Gönner Herzog Karl August in Weimar zugeeignete Verse veranschaulichen den ewig jungen Zauber des Weihnachtsbaums. Sie führen gleich-zeitig zur Begegnung mit einem Phänomen, das in dunkler Jahreszeit nicht nur zum Symbol deutscher Weihnacht wurde.

In Franken, zumal im Hochstift Bamberg, hat der Weihnachtsbaum als protestantischer Brauch verhältnismäßig spät Eingang gefunden. Hier wie auch in der Oberpfalz wurden junge Stämme von Kastanien, Kirschen, Ulmen oder Birken, sogenannte "Barbara-Bäume" aufgestellt, die pünktlich zu Weihnachten zartgrüne Blätter und Blüten austrieben. Da die Zimmer alter Häuser recht niedrig waren, reichte die Spitze eines solchen Barbarabaumes oft vom Herrgottswinkel bis in die Mitte der Stubendecke.

Der oberfränkische Dichter Jean Paul (1763-1825) berichtet aus den Kindheitstagen in Joditz bei Hof, wo vom Vater in der Vorweihnachtszeit eine Birke ins Zimmer gestellt wurde und bis zum Weihnachtsabend Blätter trieb. Diese Birke, nach Jean Pauls Worten "keine Trauer-, sondern eine Jubelbirke", hatte "das Eigne an sich, dass sie den dunkeln Dezemberweg bis zum Christfest mit Freudenblumen bestreute, nämlich mit ihren hervorgenöthigten Blättchen, wovon jedes neue wie ein Uhrzeiger auf einen zurückgelegten Tag hinwies, und dass jedes Kind unter diesem Maienbaum des Winters sein Laubhüttenfest der Phantasie feiern konnte."

Schlagen verboten

Für die Verbreitung des Brauches spricht, dass in Bamberg 1807 ein Verbot des Schlagens von Christ-, Weihnachts- oder Barbarabäumen erlassen wurde. Vorangegangen war schon die Bayreuther Markgrafschaft, wo 1796 "das Einschleppen der sogenannten Barbara- oder Christkindleinsbäume" verboten worden war. Das Verbot schien nicht zu fruchten, wie der Mitteilung im "Fränkischen Merkur" genannten Jahres zu entnehmen ist: "Da aber Weihnachten doch einmal Weihnachten bleibt, und die großen Kinder bey einem mit Äpfeln und Nüssen behangenem Baum oft noch mehr zappeln, als die kleinen: so sucht man jenes Verboth noch immer zu hintergehen ... auf daß beim Christfeste sein Recht geschehe."

1838 gab es bereits einer Anzeige im "Bamberger Tagblatt" zufolge im Haus des Seifensie-ders Thomas "nächst der obern Brücke" eine "große Auswahl der so beliebten Weihnachs-bäumchen mit Wachsengeln, welche Rosenguirlanden halten, nebst mehreren Verzierungen ... um sehr billigen Preis" zu kaufen. Immerhin erst 1864 dokumentiert die für das Königreich Bayern erstellte Landes- und Volkskunde "Bavaria" für Oberfranken, dass "das flunkernde Tannenbäumlein, das jetzt auch in den katholischen Bezirken Eingang gefunden, (...) den Bar-barabaum vielfach verdrängt hat."

Währenddessen wurden im Elsass und in anderen westli-chen Gebieten Deutschlands schon seit dem frühen 17. Jahrhundert Fichten und Tannen geschmückt, während man etwa im Nürnberger Land noch Kressensamen in ausgehöhlte Rüben als Christbaumersatz säte oder den "Raffa", einen Reifenbaum, an die Decke hängte. In ärmeren Familien war es sogar nur ein einziger Fassreif, der mit Krepppapier umwunden wurde und an den man die bemalten Zuckerstückchen hing. In vornehmeren Familien befestigte man nicht nur einen einzigen Reif an der Decke. Da mussten es drei oder gar fünf sein, die nach oben immer kleiner wurden und kegelförmig angeordnet waren.

Bäume an der Decke

Immerhin gab es Ende des 19. Jahrhunderts in waldreicherem Gebiet des Bamberger Raumes schon kleine Bäume, die in den Bauernstuben an die Decke gehängt wurden. Hierüber berichtet der Würzburger Lehrer Karl Spiegel, der auf seiner Suche nach Sagen und Märchen die Orte des Steigerwalds aufsuchte: In den 1880er Jahren und "auch jetzt noch", schreibt er 1913, wird "der kleine Christbaum an die Wand gehängt" ... "Der Gipfel ist folglich an der niederen Stubendecke. Wo viele Kinder im Hause sind, gibt es sogar zwei und drei Bäumchen. Das Bäumchen wurde und wird mit Zuckerstücken (Schlotfeger, Docken, Reiter, Herz usw.) und mit weißen Nüssen behängt. Die Nüsse tauchte man in Wasser und zog sie dann durch Mehl, das war die Färbung."

Über weihnachtliches Essen und Kinderglauben erfahren wir: "Die Kinder meinten, das Christkind brächte das Bäumchen und färbe die Nüsse. Am hl. Abend gab es als ständiges oder herkömmliches Essen einen "Tiegelkuchen" (Gugelhupf) und dazu gekochte (Zwetschgen-)Hutzel. Vom Kuchen wurde ein Stück und daneben ein Büschelchen Heu zum Fenster hinausgelegt, den Kuchen fürs Christkind und das Heu für sein Eselchen. Früh mußten die Sachen fort sein, sonst war es den Kindern nicht recht, daß ihr Kuchen vom Christkind verschmäht wurde."

Karl Theiler (1926-2003), Erster Bürgermeister von Ebermannstadt, lieferte in der Heimatchronik des Ortes (1973) eine detailliertere Beschreibung der Anbringung der Christbäume in der Fränkischen Schweiz aus seinen Kindheitserinnerungen. Da es um Ebermannstadt nicht viele Nadelwälder gab, wurde auf dem Land meist "ein großer Fichtenast als Christbaum benutzt. Dieser wurde auf eigentümliche Weise befestigt. In fast allen Wohnhäusern waren damals in den Zimmern Luftlöcher, die nach außen führten. Durch das Luftloch, das der Zimmerecke am nächsten war, wurde ein Strick gezogen. Innen im Zimmer wurde der Ast befes-tigt, außen wurde ein Stecken durchgebunden. Dadurch konnten Äste angebracht werden, die oft über das halbe Zimmer hingen. Daran wurden Äpfel, Nüsse, Marzipanfiguren und Zu-ckerstücke, dazwischen auch einige Kugeln aufgehängt. Seit etwa dreißig Jahren hat sich langsam und stetig der Fichten- oder Tannenbaum durchgesetzt."

Gegenüber dieser Art der Baumanbringung gab es die einfache Hängung des Baumes an der Decke, wie sich etwa Rettl Motschenbacher in ihrem Buch über Bamberger "Häcker, Heilige und Holamöffl" (1997) an Erzählungen ihrer Mutter erinnert: "Der (Christbaum) stand auf einem Tischchen und hing nicht mehr, wie bei den Häckern der vorigen Generation, an einem Haken von der Decke. Neben Kerzen und Äpfeln war er mit farbig glasierten Figuren aus Wassermarzipan behängt, unter denen auch Adam und Eva nicht fehlten." Der 24. Dezember, gewidmet Adam und Eva, erhebt den Christbaum zum Paradiesbaum, dekoriert mit Äpfeln.

Wesentlich üppiger waren die weihnachtlichen Wohnstuben der Bessergestellten in der Stadt Bamberg geschmückt, wie aus einer Notiz der "Bamberger Neuesten Nachrichten" von 1920 zu entnehmen ist, wo ein Abonnent zunächst die Brauchabnahme beklagt: "Indessen ist die Christbescherung in Alt-Bamberg so weit als möglich von alters her eine üppigere als heute gewesen. Das Dienstpersonal wurde wie Familienmitglieder behandelt und bekam nicht bloß Obst, sondern auch Schuhe oder Leinwand zu Hemden oder Mütze und Schürze, auch Pan-toffel und Strümpfe, dann Tuch zu einer Hose" geschenkt. "Namentlich das Bamberger Mar-zipan und Lebkuchen, besonders braune, fehlten nicht. Da und dort ladet noch der Pate sei-nen Patling am zweiten Weihnachtstage zu Tisch - früher war das im Bamberger Grund so ziemlich allgemeine Sitte. Oder der Pate (Patin) gab jährlich einen Silberlöffel bis zur Firmung, von wo ab dann der Firmpate generös sein konnte. Dagegen war in Bamberg immer die Bescherung am Heiligen Abend üblich im Gegensatz zu anderen Teilen Frankens, wo das Christkind mehr am Weihnachtsmorgen besuchte."

Die Prinzessin und der Baum

Besonders glanzvoll gestaltete sich die Weihnachtsfeier 1901 in der Bamberger Neuen Resi-denz, als Erbprinz Rupprecht und seine Familie als letzte wittelsbachische Bewohner dort ih-ren Wohnsitz seit 1900 hatten. Als Repräsentationsräume dienten dem jungen Paar, zugleich den Hoffnungsträgern der Bamberger Bevölkerung auf eine erneute dynastische Mittelpunkt-stellung in Bayern, die Kaiserzimmer. 1808 war Herzog Max, der Vater von Sisi, in Bamberg geboren worden und nach 1863 hatte die Residenz dem ein Jahr zuvor abgedankten König Otto von Griechenland, Sohn König Ludwigs I. von Bayern, als Exilstätte gedient. Am 8. Mai 1901 war dem Prinzen Rupprecht von Bayern und seiner Gattin Prinzessin Marie Gabriele der Sohn Luitpold geboren worden - damit eine wiederbelebte Hoffnung Bambergs auf Profilierung als zentrale Regierungsstadt Bayerns.

Für das Weihnachtsfest 1901 biografisch vermerkt - zugleich ein Blick in höfische Weihnachtsbräuche der Zeit - ist, dass die Prinzessin "den Schmuck des Baumes, die Herrichtung der Geschenke, die auf kleinen und großen Tischen im Thronsaal aufgestapelt waren", persönlich gestaltete und unter Mitwirkung ihres Gatten "die einzelnen Mitglieder ihres Hofstaates und das gesamte Personal" bescherte. Ihrer Kammerfrau, die ihr zu Weihnachten besonders zur Hand gehen musste, "schmückte sie persönlich in ihrem Zimmer ein Bäumchen". Zu ergänzen ist, dass das in Neigungsehe verbundene Paar nur ein Jahr in Bamberg verweilte, die Prinzessin mit gerade 34 Jahren - geschwächt durch mehrere Schicksalsschläge - 1912 versterben sollte, zwei Jahre später gefolgt von ihrem ältesten, in Bamberg geborenen Sohn Luitpold.

"Gott gibt die Nüsse", schrieb Goethe in Weimar 1811, "aber er beißt sie nicht auf." Daran hat sich nichts geändert. Doch der Mensch braucht seine Sterne, braucht sein glückverheißendes Licht. Es gibt so viele Dunkelheiten, die uns sonst überwältigen würden.