Anhaltende Müdigkeit: Zwei Ärzte sprechen über die Ursachen

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ThoraxzentrumMaximilian Gahr Ärztl.Direktor
ThoraxzentrumBernd Seese Chefarzt

Schlechter Schlaf, ständige Erschöpfung und Tagesmüdigkeit gehören für viele Menschen inzwischen zum Alltag. Doch wann wird aus schlechtem Schlaf ein gesundheitliches Problem? Und welche Ursachen können dahinterstecken? Anlässlich des Tags des Schlafes am 21. Juni sprechen Dr. Bernd Seese, Ärztlicher Direktor und Chefarzt Pneumologie am Thoraxzentrum Bezirk Unterfranken in Münnerstadt, sowie Prof. Dr. Maximilian Gahr, M.A., Ärztlicher Direktor des Krankenhauses für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin Schloss Werneck, über körperliche und psychische Ursachen von Schlafstörungen.

Dr. Seese, viele Menschen fühlen sich dauerhaft müde oder erschöpft. Wann sollte man Beschwerden ernst nehmen?

Seese: Müdigkeit wird häufig unterschätzt. Viele Betroffene führen ihre Beschwerden zunächst auf Stress, berufliche Belastung oder das Älterwerden zurück. Wenn jemand jedoch trotz ausreichender Schlafdauer dauerhaft erschöpft ist, Konzentrationsprobleme hat oder tagsüber sogar zu Sekundenschlaf neigt, sollte das medizinisch abgeklärt werden. Dauerhafte Tagesmüdigkeit ist kein Zustand, den man einfach hinnehmen sollte.

Welche körperlichen Ursachen spielen dabei besonders häufig eine Rolle?

Seese: Ein häufiges Problem sind schlafbezogene Atmungsstörungen, insbesondere die sogenannte Schlafapnoe. Dabei kommt es während des Schlafes immer wieder zu Atemaussetzern. Entscheidend ist, dass der Körper durch diese Atemaussetzer immer wieder in Alarmbereitschaft versetzt wird. Dadurch werden die wichtigen Tief- und Traumschlafphasen unterbrochen. Obwohl viele Menschen ausreichend lange schlafen, fehlt die notwendige Erholung im Schlaf. Das erklärt, warum sich Betroffene morgens wie gerädert fühlen und tagsüber unter Müdigkeit, Leistungsabfall und Konzentrationsstörungen leiden.

Welche Folgen kann das haben?

Seese: Schlafstörungen beeinflussen nicht nur das persönliche Wohlbefinden, sondern können langfristig ernsthafte gesundheitliche Folgen haben. Unbehandelte schwere Schlafapnoe erhöht unter anderem das Risiko für Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkt oder Schlaganfall. Gleichzeitig steigt das Unfallrisiko im Alltag und Straßenverkehr durch Konzentrationsstörungen und Sekundenschlaf erheblich. Deshalb ist es wichtig, die Beschwerden ernst zu nehmen.

Prof. Gahr, nicht jede Schlafstörung hat eine körperliche Ursache. Welche Rolle spielt die psychische Gesundheit?

Gahr: Schlaf und psychische Gesundheit bedingen sich gegenseitig – und das stärker, als viele Menschen vermuten. Psychische Belastungen führen zu einer Stressreaktion, die Herzfrequenz steigt, der Geist bleibt wach, wir sind „alert“. Das ist evolutionär sinnvoll. Das Problem ist, dass unser Nervensystem zwischen einem Säbelzahntiger und einem Konflikt im Büro nicht unterscheidet. Chronischer psychischer Stress hält den Körper dauerhaft in diesem Alarmzustand.

Welche psychischen Erkrankungen gehen besonders häufig mit Schlafproblemen einher?

Gahr: Schlafstörungen sind bei einer Vielzahl psychischer Erkrankungen ein zentrales Symptom – bei Depressionen, Angststörungen, Traumafolgestörungen und stressassoziierten Erkrankungen. Dabei sind die Muster sehr verschieden: Menschen mit Depression wachen oft früh morgens auf und können nicht mehr einschlafen – das ist kein Zufall, sondern hängt mit dem veränderten Cortisolspiegel zusammen, der bei Depression typischerweise früher ansteigt als bei Gesunden. Bei Angststörungen hingegen ist es oft das Einschlafen, das nicht gelingt. Wichtig ist: Schlafstörungen sind nicht nur Begleitsymptom – sie können eine psychische Erkrankung verschlechtern oder aufrechterhalten und in Ausnahmefällen auch zu ihrem ersten Auftreten führen. Das macht ihre Behandlung so wichtig.

Hat sich der Schlaf in der Gesellschaft generell verändert?

Gahr: Ja, und das ist gut belegt. Studien zeigen, dass Menschen heute im Schnitt kürzer und schlechter schlafen als noch vor einigen Jahrzehnten. Ein wesentlicher Faktor ist die Entgrenzung – von Arbeitszeit, Erreichbarkeit und medialem Konsum. Unser Gehirn braucht zum Einschlafen einen graduellen Rückzug von Reizen. Was wir stattdessen tun: Wir konsumieren bis kurz vor dem Schlafengehen Inhalte, die uns emotional aktivieren – Nachrichten, soziale Medien, Serien. Das Licht der Bildschirme hemmt zusätzlich die Ausschüttung von Melatonin, dem körpereigenen Schlafhormon. Der Körper weiß schlicht nicht mehr, wann der Tag endet.

Was raten Sie Menschen, die dauerhaft schlecht schlafen?

Gahr: Man sollte sich bewusst machen, dass Schlafstörungen behandelbar sind. Je früher Ursachen erkannt werden, desto besser können Betroffene unterstützt werden.

Dr. Seese, welchen konkreten Tipp geben Sie aus pneumologischer Sicht für besseren Schlaf?

Seese: Regelmäßige Schlafzeiten und möglichst kein Alkohol und keine schweren Mahlzeiten am späten Abend helfen, die Schlafqualität zu verbessern. Regelmäßige sportliche Aktivität ist ein probates Mittel den Nachtschlaf zu verbessern.

Prof. Gahr, welchen Tipp geben Sie aus psychiatrischer Sicht?

Gahr: Wer abends vermehrt Bildschirmmedien konsumiert, setzt sein Nervensystem unter Stress – auch wenn es sich nicht so anfühlt. In wenigen Minuten begegnen uns dort Hunderte von emotionalen Reizen. Mein konkreter Tipp: Schaffen Sie sich eine feste Pufferzone vor dem Schlafengehen – ein bis zwei Stunden – ohne Bildschirm, ohne Nachrichten, ohne soziale Medien. red