Der Wirecard-Skandal beschäftigt Hans Michelbach schon länger: Mit dem Thema befasst sich der Finanzausschuss des Bundestages, dem der Abgeordnete Michelbach (CSU) schon seit Jahren angehört. Nun wurde außerdem ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss eingesetzt, der sich damit befassen soll, "inwiefern die Bundesregierung und ihre Geschäftsbereichsbehörden jeweils über die Vorkommnisse beim insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard informiert gewesen sind", wie es auf der Homepage des Bundestags heißt.

Außerdem soll der Untersuchungsausschuss klären, inwiefern Politik und Behörden "ihren Pflichten zur Finanz-, Geldwäsche- und Steueraufsicht im Hinblick auf den Konzern nachkamen. Untersucht werden soll auch, ob und wie sich die Bundesregierung für Belange des Wirecard-Konzerns im In- und Ausland eingesetzt hat. Zum Untersuchungsauftrag gehört auch, ob die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) etwaiges strafbares und/oder manipulatives Handeln erkannt hat oder früher hätte erkennen müssen".

Für Schlagzeilen sorgte der Ausschuss schon, bevor er überhaupt das erste Mal zusammentrat. Zum einen, weil er nur neun Mitglieder hat, das ist die Mindestgröße. Üblich sind 18. Zum zweiten, weil nach den Gepflogenheiten des Bundestags die AfD als drittgrößte Fraktion den Ausschussvorsitzenden stellen darf. Zwar wurde geheim gewählt, aber Kay Gottschalk (AfD) erhielt nur fünf Stimmen bei vier Gegenstimmen. Die Große Koalition von CDU/CSU und SPD hatte vereinbart, Gottschalk zu wählen, um keinen zusätzlichen Ärger zu provozieren. Die Vertreter von Grünen, FDP und Linke haben erklärt, dass sie Gottschalk nicht gewählt haben. Die "Süddeutsche Zeitung" spekulierte am Dienstag, dass die vierte Gegenstimme von Hans Michelbach gekommen sein könnte. Doch der schweigt sich aus. Geheime Wahl sei geheime Wahl, sagt er am Telefon.

Laut "Süddeutscher" ist Michelbach "zuletzt durch ernsthaftes Aufklärerinteresse und eine gewisse Eigenständigkeit gegenüber der Fraktionsführung aufgefallen". Dennoch sei er als stellvertretender Vorsitzender nominiert und auch gewählt worden. Die "Süddeutsche" mutmaßt, dass Union und SPD verhindern wollten, dass Michelbach die Ausschuss-Sitzungen leitet, was der Fall wäre, wenn es keinen Vorsitzenden gäbe. Aber das, sagt Michelbach, habe für ihn keine Rolle gespielt. "Dazu bin ich zu lange dabei. Mir ging es darum, dass die Deal-Maker aus der Koalition sich zurückhalten." Ihm gehe es um Aufklärung, darum, "dass man die benennt, die den einfachen Anlegern, die viel Geld verloren haben, schweren Schaden zugefügt haben".

Kontrollmechanismen versagten

Wirecard war das erste deutsche Finanzunternehmen, das im Dax gelistet war. Namhafte Politiker setzten sich für den in Aschheim bei München ansässige Konzern ein, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel. Das Unternehmen wies stets Gewinne und Rücklagen aus, doch die Staatsanwaltschaft München geht davon aus, dass es ab 2015 Verluste machte. Kontrollmechanismen versagten. Deshalb stehen Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und sein Staatssekretär Jörg Kukies in der Kritik. Die staatliche Bankenaufsicht Bafin untersteht dem Finanzministerium.

Auch die bayerische Staatsregierung sei betroffen, sagt Michelbach. Hier gibt es den Verdacht, dass staatsanwaltliche Ermittlungen zu schnell eingestellt wurden.

Insofern könnten die Regierungsparteien ein Jahr vor der Wahl ein Interesse daran haben, ihre Leute zu schützen. Er werde sich jedoch "nicht einbinden lassen für irgendwelche Deals", betont Michelbach. "Wenn die Leute kein Vertrauen mehr haben in den Staat, wird es schlimm. Wir beschließen Gesetze und Regulierungen, und keine Sau hält sich dran", wird er deutlich.

Seinen Worten zufolge sollen bei der ersten Sitzung des Untersuchungsausschusses die Wirtschaftsprüfungsunternehmen aussagen, die die Wirecard-Bilanzen prüften und denen offenbar nie etwas auffiel. Wenn es nach Michelbach geht, kommen in den Sitzungen danach die Vertreter von Börse und Bafin an die Reihe, anschließend die Politiker. "Wir müssen erst einmal ermitteln, welche kriminelle Energie zu diesem Konstrukt mit 56 Tochtergesellschaften geführt hat, mit Scheinunternehmen und Verbindungen zu internationalen Nachrichtendiensten." Wirecard-Chef Markus Braun sitzt in Untersuchungshaft; sein Vize Jan Marsalek ist seit Juni, als die Wirecard-Pleite offenkundig wurde, auf der Flucht.

Aktie nur noch 63 Cent wert

Im September 2018 war eine Wircard-Aktie noch 193,55 Euro wert, derzeit steht der Kurs bei 63 Cent. Geschädigt sind vor allem viele Kleinanleger, die in Wirecard-Aktien investiert hatten. Er kenne viele Fälle aus ganz Deutschland, zum Beispiel einen aus Berchtesgaden, "wo ein 74-Jähriger jetzt ohne Altersvorsorge dasteht", sagt Michelbach. Deshalb wolle er Aufklärungsarbeit leisten. "Das wird intensiv werden, aber einer muss es machen, und als Obmann im Finanzausschuss kann ich mich dem nicht entziehen."

Wenn er so seine Unabhängigkeit beteuert und die Vorgänge ohne Rücksicht auf Verluste aufklären will - könnte das ein Indiz sein, dass er gar nicht mehr zur Bundestagswahl antreten will? Michelbach lacht: Ob er noch einmal antrete, "werde ich erst mit meinen Gremien besprechen", sagt der 71-Jährige. "Alles zu seiner Zeit."