Auf der Suche nach Menschen, die in unserer Sommerserie "Zwei Stühle - eine Stunde" ein bisschen aus ihrem Leben erzählen möchten, trafen wir am Reutwegweiher in Adelsdorf Liza Stepina mit ihrer Tochter Marie-Luise, die sich gerade vom Üben mit den neuen Inlineskatern ausruhte.

Geboren wurde Elizaveta "Liza" Stepina in Abakan, einer kleinen Stadt im Süden Sibiriens in Russland, damals UdSSR. Kurz nach ihrer Geburt ist ihre Familie nach Norilsk im Norden Sibiriens, mitten in der Tundra, umgezogen. Hier sind schon ihre Eltern aufgewachsen. "Ich bin in Norilsk groß geworden, der nördlichsten Großstadt der Erde. Sie ist durch Metallindustrie geprägt und vor kurzem wurde sie durch eine Umweltkatastrophe bekannt. Erst zum Studium habe ich Norilsk verlassen, in meiner Erinnerung eine schöne Stadt. Die Menschen hatten dort trotz der Kälte sehr viel Wärme in sich und waren immer hilfsbereit."

Als Kind spielte sie sehr viel draußen mit den Freunden. "Im Winter bauten wir Schneeburgen, sind mit Schlitten die riesigen Schneeberge hinunter gesaust und veranstalteten tolle Schneeballschlachten. Schnee gibt es dort ja genug und kalt ist es auch." Besonders in der Grundschule haben sich die Kinder über die "Aktirovka" - kältefreie Tage bei unter -40 Grad - oder über Schneesturm-schulfrei gefreut. "Im Sommer sind viele von uns zum Festland - Norilsk liegt auf der Taimyrhalbinsel - geflogen, um die Ferien in einem Pionierlager oder bei den Verwanden zu verbringen. In den fast dreimonatigen Sommerferien habe ich sehr viel Zeit bei meiner Oma in Südsibirien verbracht. Sie besaß eine Kuh, Schafe, Hühner und ein großes Kartoffelfeld. Um all das hat sie sich bis ins hohe Alter gekümmert. Großmutter hat mir sehr viel beigebracht und für meinen Lebensweg mitgegeben", erzählt Liza Stepina. Ihre Mutter und zwei Schwestern leben immer noch in Südsibirien.

Ein Kind mit vielen Fragen

Die gesamte Schulzeit verbrachte sie in Norilsk. Eine Schultüte wie in Deutschland gibt es in Russland nicht. "Dafür haben wir am ersten Schultag der Klassenlehrerin den obligatorischen Blumenstrauß mitgebracht." Die Schüler mussten eine Uniform tragen - ein braunes Kleid mit schwarzer oder bei besonderen Anlässen mit weißer Schürze. Als Kind hat sie das als sehr schick gefunden. "In der Kindheit war das Wort ,warum‘ mein Lieblingswort. Meine Tante erinnert sich immer noch an Situationen, wo sie sogar als Erwachsene meine Fragen nicht immer beantworten konnte."

Mit sechs Jahren - ein Jahr früher als in Russland üblich - wurde sie eingeschult. "Da konnte ich bereits lesen und schreiben, deshalb war es mir im Kindergarten langweilig und ich hatte meinen Vater angebettelt, mich ein Jahr früher in der Schule anzumelden, was er auch zu meiner großen Freude tat." In der fünften Klasse erfuhr Liza, dass in Norilsk eine besondere Schule mit mehr Mathematik- und Physik-Unterrichtsstunden als üblich und sogar mit einem PC-Unterricht neu eröffnet wird. "Da bat ich wieder meinen Vater, mich dort anzumelden, was er zum Glück auch gemacht hat. Es war eine schöne Zeit." Dank Internet steht sie immer noch im Kontakt zu vielen ihrer Mitschüler.

Liza durfte wie ihre Schwestern die höhere Schule besuchen, "weil ich einfach Spaß daran habe, zu lernen. Die Eltern haben schon ab der ersten Klasse aufgehört, meine Hausaufgaben zu prüfen, da ich einfach mit Begeisterung gelernt habe." Mit der Hochschulreife in der Tasche begann sie als einzige der Schwestern 1994 ihr Studium an der Obninsker TU für Atomenergie. "Ich hatte mich für den Studiengang im Bereich medizinischer Physik angemeldet, da ich dieses Fachgebiet als sehr spannend empfand." Obwohl ihre Familie nicht wohlhabend ist, wurde Liza immer nach Kräften unterstützt. "Dafür bin ich meinen Eltern sehr dankbar."

Nach dem erfolgreichen Studienabschluss begann sie an der gleichen Universität mit dem Promotionsstudium, und in dieser Zeit absolvierte sie ein zehnmonatiges Praktikum im Rahmen eines Stipendiums des Bildungsministeriums der Russischen Föderation an der Uniklinik für Nuklearmedizin in Innsbruck. "Nach diesem Praktikum konnte ich Anfang 2003 am Institut für medizinische Physik der FAU in Erlangen mit dem Promotionsstudium in Bereich hochauflösender 3-D-Röntgenbildgebung beginnen und schloss es mit dem Titel als Dr.rer.biol.hum. im August 2006 ab."

Nach dem Promotionsstudium war sie zwei Jahre als Post-Doktorandin in Berlin bei Bayer Schering Pharma tätig. Im September 2008 bekam sie eine Stelle bei Siemens Healthineers in Forchheim. "Als Kooperationsmanagerin habe ich einen anspruchsvollen, aber auch sehr interessanten und abwechslungsreichen Job. Es ist ein gutes und befriedigendes Gefühl, sich am richtigen Platz zu fühlen und ein Teil eines großen Unternehmens zu sein", sagt Liza Stepina stolz.

Glücklich in der neuen Heimat

Kurz vor dem Start bei Siemens heiratete sie ihren Manfred, den sie in Erlangen kennengelernt hatte. Tochter Marie-Luise erblickte im Dezember 2013 das Licht der Welt. "Sie ist unser absolutes Wunschkind, das uns genauso wie ich als Kind ein Loch in den Bauch fragt." Nach Adelsdorf ist die Familie vor drei Jahren von Fürth aus gezogen. "Mein Mann kannte die Gegend um Adelsdorf gut und er hat mich überzeugt, dass es für uns und vor allem für unsere Tochter eine gute Entscheidung sei, hierher zu ziehen."

Dies hat die Familie nicht bereut, und alle fühlen sich im Häuschen im Baugebiet "SeeSide" sehr wohl. "Der Umzug war eine absolute Aufwertung unserer Wohnraumsituation, was sich besonderes während des Lockdowns sehr gut bewährt hat." Im "SeeSide" wohnen Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, was Liza Stepina sehr gefällt. "Nachbarschaftshilfe wird hier tatsächlich gelebt." In Adelsdorf werde sehr viel für Kinder, aber auch für Erwachsene geboten. "Wir fanden schnell Anschluss. Unsere Tochter lernt Violine in der Musikschule hier, mein Mann ist einigen Vereinen beigetreten und so konnte er viele schöne Kontakte knüpfen. Und wenn es an etwas fehlen sollte - mit ein wenig Mut kann man versuchen, etwas selbst auf die Beine zu stellen." In der Gemeinde erhalte man große Unterstützung und hilfreiche Vorschläge, zum Beispiel bei einer Anfrage nach Russisch-Unterricht für Kleinkinder, der letztendlich mithilfe der VHS Adelsdorf organisiert wurde.

Liza Stepinas Schlusswort: "Ich kann mich wirklich als einen glücklichen Menschen bezeichnen. Ich lebe in einem Land ohne Krieg und in einer funktionierenden Demokratie, liebe meinen Beruf, habe viele nette Mitmenschen und meine Familie, die mich unterstützt. Wichtig ist aber auch, dass ich in meinem bisherigen Leben bis heute um mich herum die Menschen hatte, ob in der Uni, während meiner Promotion, bei der Arbeit oder im privaten Leben, zu denen ich aufschauen und von welchen ich viel lernen konnte. Das Wort ,warum‘ ist immer noch ein Leitmotiv meines Lebens geblieben - es macht einfach unglaublich viel Spaß, Neues zu lernen und zu erforschen."