Die Corona-Pandemie fordert unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben. Wie gehen Jugendliche damit um und welche Rolle spielt die Jugendarbeit dabei? Das sind Fragen, die nicht unbedingt im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Die bundesweite Studie "JuCo" eines Forschungsteams der Universitäten Frankfurt und Hildesheim hat anhand einer Befragung von 6000 Jugendlichen herausgefunden, dass "Jugendliche gehört werden wollen" und dass "ihr veränderter Lebensalltag und ihre Sorgen kaum wahrgenommen werden".

Neben Familie und Schule sind es die Vereine und Verbände, aber auch Jugendtreffs und Jugendzentren, bei denen viele Kinder und Jugendliche ihre Zeit verbringen, sich engagieren und die vielfältigsten sozialen Kontakte zu Gleichaltrigen pflegen.

Sandra Ender, Bereichsleiterin der städtischen Sozialarbeit und stellvertretende Geschäftsführerin bei Iso e.V., erinnert sich noch gut an die Zeit des ersten Lockdowns, denn da standen die Verantwortlichen vor der Frage: "Was nun?" und "Was können wir tun, um mit den Jugendlichen in Kontakt zu treten und die aufgebauten Beziehungen zu erhalten?" Darüber hinaus stand die Frage im Raum, wie man die Situationen der Familien zu Hause unterstützen könne. Damals gab es nur einen Weg: Die komplette Arbeit wurde innerhalb von zwei Wochen auf digitale Formate umgestellt.

"Der erneute Lockdown trifft uns nicht so hart", sagt Sandra Ender, "da wir diesmal zwar die offenen Treffzeiten nicht anbieten dürfen, aber Angebote im Rahmen der Jugendhilfe und außerschulischen Bildung sind in festen Kleingruppen weiterhin möglich." Der Umstieg von Angeboten im digitalen Bereich sei im November leicht gefallen. So wisse man, was man nicht mehr anbieten braucht und was gut ankommt. Auch die Jugendlichen seien noch immer vertraut mit den Medien und den Portalen, wo sie sich treffen können und teilten fast selbstverständlich mit, was sie für Anliegen haben. Bei Iso stellt man sich darauf ein, dass in Zukunft sowohl analoge als auch digitale Angebote konzipiert werden müssen. Sandra Ender ist der Meinung, dass digital viel geht, aber real doch irgendwie "näher und wärmer" sei.

Auch eine Chance

Robert Scheuring, Dipl.-Pädagoge und seit 2015 gemeindlicher Jugendpfleger von Iso e.V. in Strullendorf, sieht in der Corona-Pandemie auch eine Chance, die ausstehende Digitalisierung der gemeindlichen Jugendarbeit voranzubringen. "Durch die notwendigen Kontaktbeschränkungen wird soziale Arbeit quasi gezwungen, die eigene Angebotsstruktur neu zu überdenken und innovative und digitale Wege zu gehen", so Scheuring. Aus seiner praktischen Arbeit in Strullendorf konnten bereits konkrete positive Erfahrungen gemacht werden. Im ersten Lockdown haben sich vor allem "Challenges" (Aufgaben/Wettbewerbe, bei denen Jugendliche sich gegenseitig zum Mitmachen nominieren können), Fotowettbewerbe, Online-Spiele und Online-Treffzeiten sowie Mitmachaktionen und Schnitzeljagden in den verschiedenen Ortsteilen bewährt. Darüber hinaus entstanden verschiedene Videotutorials zu unterschiedlichen Themen, die insbesondere die Bereiche Kunst, Kochen, Basteln und naturbezogene Lernerfahrungen und Outdooraktivitäten umfassten.

Die Phase zwischen den Lockdowns konnte dank durchdachter Hygienekonzepte, begrenzter Teilnehmerzahl und Voranmeldung sehr gut gemeistert werden. In Strullendorf war eine enorme Nachfrage im Bereich des Kindertreffs und der offenen Jugendtreffs zu verzeichnen. Digitale Aspekte wurden auch im "Alltagsgeschäft" stets mitgedacht, sei es bei der Bewerbung der Angebote über verschiedene Social-Media-Kanäle, der digitalen Erfassung der Teilnehmer über die App "iSo go" oder beim Live-Stream von Aktionen. Aufgrund des erneuten "Teil-Lockdowns" mussten einige geplante Aktionen und Tagesfahrten abgesagt werden. Die Jugendarbeit wurde wieder in den digitalen Raum verlagert. Aktuell besteht bereits großes Interesse der Eltern, dass der Kindertreff online weitergeht. So können die Jugendlichen weiter miteinander und mit dem Jugendpfleger in Kontakt bleiben. Eltern erhalten eine entsprechende Materialliste für Koch- und Bastelaktionen bereits im Vorfeld.

Robert Scheuring und seine Kollegen werden jetzt wieder verstärkt den öffentlichen Raum aufsuchen. Dabei verfolgt man "keine ordnungspolitischen Ziele, sondern sucht vielmehr erste Kontakte und den Dialog auf Augenhöhe", erläutert der Jugendpfleger. Außerdem will man als Vermittler beziehungsweise "Dolmetscher" zwischen jugendlichen und erwachsenen Lebenswelten und Interessen agieren.

Ähnliche Erfahrungen hat auch der Oberhaider Jugendpfleger Olli Schulz in der Zeit des Lockdowns im Frühjahr gemacht. Hier hat man sich sehr schnell Gedanken gemacht, wie der Jugendtreff wieder geöffnet werden könnte. In Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Jugendring und mit der Unterstützung durch den Kreisjugendring wurde ein Hygienekonzept erarbeitet, so dass man als einer der ersten Jugendtreffs im Landkreis wieder öffnen konnte. Die Kids haben sich vorbildlich an die Masken- und Abstandspflicht vor und im Jugendtreff gehalten, so Schulz, denn "sie wollten einfach wieder live vor Ort sein".

"Einfach etwas tun"

Mit den erneuten Beschränkungen seit Anfang September mussten einige Aktionen abgesagt werden, doch der Jugendtreff kann geöffnet bleiben, da er als Ort der außerschulischen Bildungsarbeit anerkannt ist. Die Regeln wurden zwar noch einmal verschärft und die Teilnehmerzahlen an den Veranstaltungen reduziert, doch auch dieses Mal halten sich die Besucher strikt an die Regeln, denn die Jugendlich wollen "einfach etwas tun und sich gemeinsam mit ihren Freunden treffen".

Oberhaids Bürgermeister Carsten Joneitis, selbst jahrelang Jugendtrainer beim 1. FC Oberhaid, sieht aber auch, dass manche Jugendliche in dieser Zeit auf der Strecke bleiben. Zwischenmenschliche Beziehungen gingen schnell verloren, wenn sie sich auf das "gemeinsame Spielen im Netz reduzieren und der einzige Sport aus E-Sport am PC besteht".

Die Aktivitäten ins Netz verlegen, das geht auch nicht bei den mittlerweile neun Trainerinnen der Tanzsportabteilung der RMV Concordia Strullendorf. Regelmäßig ist man in den letzten Jahren mit großen Erfolgen von bayerischen, deutschen und Europameisterschaften nach Hause gekommen und die Prunksitzung der Gaaskeeser ist ohne die spektakulären Auftritte der verschiedenen Garden nicht vorstellbar. Doch seit dem letzten Fasching hat Corona dem ein Ende gesetzt. Das Training, zu normalen Zeiten zwei Mal die Woche, musste sehr schnell eingestellt werden und Turniere fanden auch keine mehr statt. Gabi Baumgärtner, seit 2014 Abteilungsleiterin der Tanzsportabteilung, weiß, wie schwer es den Mädels fällt und dass manche schon auch traurig sind, denn "sie wollen ja eigentlich nur tanzen". Mit den anderen Trainerinnen ist sie im Rahmen einer Whatsapp-Gruppe in enger Verbindung, und die halten dann entsprechend Kontakt mit ihren Schützlingen. "Wir sind beim Tanzsport wie eine große Familie", viele Freundschaften seien dabei entstanden, so Baumgärtner, und da fehlten jetzt einfach neben dem Sport auch die zwischenmenschlichen Beziehungen.

Das Training wurde bereits Anfang Oktober wieder eingestellt und wann es weitergeht, das kann keiner vorhersehen. Die Abteilungsleiterin plant jetzt erst einmal ein Tanzfestival für Anfang September 2021 in der eigenen Halle. Das hätte eigentlich schon heuer zum 100. Gründungsjubiläum der Concordia stattfinden sollen, doch auch diese Veranstaltungen mussten abgesagt werden.