Der Biologe Gerhard Hübner öffnet das Gitter vor einem Kellereingang in Ketschendorf und krabbelt hinein. Frank Reißenweber, ebenfalls Biologe, folgt ihm - mit einem Holzträger voller Bierflaschen. Es gäbe gemütlichere Orte, sich ein Seidla zu genehmigen. Das Bier ist auch nicht (nur) für sie. Es ist ein Geschenk für einen Kellerbewohner, der es sich nicht selbst holen kann, obwohl er es zum Leben braucht. Die Biologen vom Landesbund für Vogelschutz haben ihm hier eine Heimat gegeben. Jetzt müssen sie auch für den Bierschnegel sorgen, um den es hier geht.

Er betrachtet Keller als sein Biotop und er liebt Bier - wie der gemeine Franke auch. Vielleicht liegt der Bierschnegel fränkischen Biologen gerade deswegen besonders am Herzen. Früher waren diese Schnecken in vielen Kellern der Region zu Hause. Mit der Vorratshaltung und vor allem dem gelagerten Bier verschwand alles, was der Schnegel so braucht. Schließlich verschwand der Schnegel selbst. "Es ging natürlich nicht nur um Bier, die Art fand sich auch in Kellern, in denen Rüben oder Kartoffeln und andere Vorräte gelagert wurden", erklärt Frank Reißenweber, während die Biologen immer tiefer in die verzweigten Kellergänge eindringen.

Ganz hinten, wo ständig Wasser über die Steine des Gewölbes rinnt und die Temperatur ganzjährig um die zehn bis zwölf Grad schwankt, finden sie die ersten dieser etwa sieben bis zehn Zentimeter langen Schnecken. Mit ihrer rötlichen Färbung könnte ein Laie sie für die häufigen Wegschnecken halten. Doch mit denen haben Bierschnegel nichts zu tun. Sie sind selten. So selten, dass sie auf der Roten Liste unter den vom Aussterben bedrohten Arten geführt werden.

Hier, im feuchten Teil des Kellers, werden sie gefüttert. Es gibt nicht nur Bier. Mehl wird ausgestreut. "Die Tiere, die hier ausgesetzt wurden, stammen von einer Population, die im Abluftschacht einer Bäckerei gefunden wurde", erklärt Frank Reißenweber. LBV-Mitglied Irmgard Schuster entdeckte sie dort.

Ehe sie aber in einigen Kellern in Bad Rodach, Bertelsdorf und eben hier in Ketschendorf eine neue Heimat finden konnten bedurfte es eines Genehmigungsverfahrens bei der Naturschutzbehörde der Regierung von Oberfranken. "Ehe Tiere ausgewildert werden dürfen, muss geklärt sein, dass es die Art früher in dem entsprechenden Lebensraum gab. Die Ursache für ihr Aussterben muss beseitigt sein, die neu angesiedelten Tiere sollen möglichst autochthon, also aus der Region, sein und einige weitere Punkte", sagt Frank Reißenweber. Solche Auswilderungen seien dann halt nicht nur etwas für spektakuläre Arten wie Luchs, Biber oder Bartgeier. "Auch Weichtiere haben eine Funktion im Ökosystem. Wir versuchen alle Arten zu erhalten."

Vor eineinhalb Jahren war es dann so weit. Die Schnegel zogen in drei Kellern ein. In Bad Rodach und Ketschendorf findet sie Gerhard Hübner noch immer. Er kommt nicht nur regelmäßig, um nach den Schnegeln zu schauen und sie ab und an auch mit Bier, Mehl oder Champignons zu füttern. Die Keller sind auch Wohn- und Rückzugsorte für Fledermäuse. Auch nach ihnen sieht der Biologe regelmäßig. "In Bertelsdorf ist der Keller wohl nicht feucht genug. Dort klappte die Auswilderung nicht", sagt er.