Emely hat es nicht geschafft. Ich hab's vermasselt, ja. Da fehlte es an der nötigen Erfahrung. Ein falscher Knopf, oder der richtige zu spät, keine Ahnung. Jedenfalls hatte das Monster sie plötzlich am Fuß. Ende von Emely. Ein Horrorfilm kommt kaum ohne Opfer aus. Emely ist eins. Aber anders als in einem Film, hätte ich sie retten können, es ist ein Film zum Mitmachen, ein Video Spiel und es heißt Until Dawn - und in dieser Szene bin ich gerade Emely. Also ich war Emely. Jetzt bin ich Chris. Mal sehen wie weit ich als er komme.

Solche Spiele sind doch etwas für junge Leute, nicht? Ach, und warum sollte jemand in Sichtweite der 60er das nicht spielen. Vor allem warum nicht, wenn gerade alle im Hausarrest sitzen, weil draußen Corona umgeht? Und wenn schon diese Gelegenheit genutzt wird, um sich mal ins Video-Abenteuer aus dem Regal der jungen Generation zu stürzen - dann doch passend zur aktuellen Lage wenigstens ein Horror-Szenario.

Das Interesse der nicht mehr ganz jungen Generation an dieser Art der Unterhaltung ist so neu nicht. Schon am 17. Juni 2009 gab es den ersten parlamentarischen Spieleabend im Bayerischen Landtag. Zugegeben, der Zweck war damals, den Abgeordneten zu zeigen, dass vieles was an verschwurbelten Vorstellungen über solche Spiele existierte, einfach Unfug war. Aber unabhängig davon trainieren Senioren ihre Verkehrskompetenz am Computer, oder lassen sich von einem Programm beim Sport anleiten. Unter dem Namen "Senioren Zocken" existiert ein Youtubekanal, auf dem Rentner Videospiele testen. Selbst der Seniorenbeauftragte des Landkreises, Dr. Wolfgang Hasselkus, setzt bei der Betreuung seiner Zielgruppe auf moderne Medien und informiert beispielsweise über das richtige Verhalten bei der aktuellen Hitzewelle auf seinem extra dafür geschaffenen Youtubekanal.

Und es hat unbedingt seinen Reiz, in diese Welt einzutauchen, um sich in Situationen wiederzufinden, die in der Realität niemand erleben möchte. Virtuell geht das, wie eben mit Until Dawn (Bis zum Morgengrauen), einem schon nicht mehr ganz neuen Videospiel. Die Entwickler bedienen sich bei den Stilmitteln einschlägiger Filme, um Stimmung und Spannung zu erzeugen. Junge Leute, einsame Hütte, mysteriöse Bedrohung, kein Weg zurück in die Zivilisation, eine Schema, das immer geht. Wer hat nicht schon als Filmzuschauer gerufen: "Geh da doch nicht hin, du Depp, renn weg!" Okay, im Spiel kann das jeder selbst entscheiden. Schlimmer noch: er muss es selbst entscheiden. War die Entscheidung falsch, kann es das Ende sein. Wer gut aufpasst, Hinweise erkennt und beachtet, entscheidet besser. Wenn er dann noch schnell ist, und sicher am Controller - das ist das Ding, mit dem abwechselnd jede Spielfigur gesteuert werden muss - der kann, heißt es, alle Jugendlichen heil aus der Sache raus bringen. Echt?

Ohne zu viel verraten zu wollen - nicht alles ist so, wie es zuerst scheint. Oft ist es aber eben genau so. Das ist dann meistens schlimm.

Dabei kommt es auch auf Kleinigkeiten an. Etwas scheint eher unbedeutend. Trotzdem tauchen links oben im Bildschirm etliche Schmetterlinge auf. Das heißt in Anlehnung an den berühmten Schmetterlingseffekt: Was du gerade getan hast, hat später mal irgendwo Einfluss auf den Spielverlauf. Du könntest auf das Eichhörnchen schießen, das plötzlich beim Übungsballern zwischen den Zielen herum hopst. Machs ruhig - Schmetterlinge links oben - und du wirst schon sehen, was du davon hast. Ein andermal sind es keine Eichhörnchen. Mir ist nichts passiert, aber ich hab das Hörnchen ja auch in Ruhe gelassen.

Es verschlägt einen in die Stollen einer aufgelassenen Mine, in denen vor vielen Jahren etwas Schreckliches geschehen ist. In einem ebenso lange leer stehenden Sanatorium, wurde wohl Menschen übel mitgespielt. Ausgerechnet da drin gibt es auch allerhand zu tun. Die Geschichte ist klug ausgedacht, hat Überraschungen parat und nimmt Wendungen, mit denen man oft nicht gerechnet hat, auch wenn es Anlass zu Ahnungen gab.

Wenn einem die Personen, die möglichst alle gerettet werden sollen, bekannt vorkommen, hat das seinen Grund. Stars wie Hayden Panettiere, Brett Dalton, Dirk Hardegen oder Nichole Bloom liehen den Figuren ihr Gesicht. Nichole Bloom übrigens ist Emely, die ich gerade eben nicht retten konnte, als ich sie war. Mist.

Es ist schon nach ein paar Spielstunden leicht verständlich, warum viele, und nicht mehr nur ganz junge, Spieler von solchen Spielen fasziniert sind. Da läuft ein Spielfilm. Und plötzlich schaust du nicht nur zu und knabberst Chips. Nein, du bist mitten drin dabei, und entschiedest die Handlung aktiv mit. Wie toll ist das denn?

Anders als im Spielfilm ist das Spiel nicht nach eineinhalb oder zwei Stunden vorbei. Gute Spieler sind in neun Stunden durch, schreiben sie im Internet. Was heißt da gut? Es gibt ja immer viel zu erkunden und auszuprobieren. Das würde ich jetzt mal nicht als zielloses Herumirren bezeichnen. Andere vielleicht schon. Aber es spielt eben jeder anders. Und immerhin saßen bei mir am Ende doch mehr als die Hälfte der jungen Leute im Hubschrauber der Bergwacht, als die uns herausholte.

Gerne mal wieder

Wenn es Opfer gab, dann teils wegen falscher Entscheidungen (werde ich bei einem neuen Durchgang besser machen), teils wegen fehlendem Geschick an den Tasten (ärgerlich - kann aber geübt werden). Und Übung wird es geben. Denn Video-Spiele werden ihren Platz in der Freizeitgestaltung behalten. Sie bekommen ihn immer dann, wenn alles wegfällt, was draußen so geht, sei es wegen des Wetters, der Pandemiebekämpfung oder einer Zombie-Apokalypse.

Apropos Zombies, da gibt es doch bestimmt auch ganz interessante Spiele...