Daniel Ruppert

Der Funkspruch war nicht an Maximilian Kummer und seine Kollegin gerichtet, doch ihre Streife war am im September zufällig nur ein paar Straßen entfernt: Ein Nachbar hatte beobachtet, wie ein junger Mann an der Fassade eines 14-stöckigen Hauses im Erlanger Stadtgebiet herumkletterte, und die 110 gewählt.
"Als wir ankamen, hatte der Mann ein Seil um den Hals und befand sich auf Höhe des 13. Stocks", erinnert sich der Forchheimer. Der mutmaßliche Selbstmörder habe auf einem sogenannten Laubengang balanciert, durch den die beiden Häuserhälften in allen Etagen verbunden sind.
Als er sich fallen lässt, gehen die Polizisten zum Haupteingang des Gebäudes, wo sie auf ihre für diesen Abschnitt zuständigen Kollegen treffen. Zu viert machen sie sich auf den Weg nach oben, teilweise im Aufzug, teilweise übers Treppenhaus. "In so einem Moment ist man voller Adrenalin und deshalb leistungsfähiger", erklärt Kummer, der die Stufen hinaufsprintet.
Von seinen regelmäßigen Fitnesseinheiten sowie vom Fußballtraining bei der SpVgg Reuth profitiere der 26-Jährige trotzdem: "Man ist belastbarer und hält zum Beispiel den Schichtdienst besser aus."


"Erhebliche Leistung"

Die Beamten finden den Lebensmüden regungslos vor. Mit vereinten Kräften ziehen sie ihn ins Innere.
"Das war eine erhebliche sportliche Leistung", lobte der Verantwortliche für den Erlanger Notarztdienst, Jürgen Schüttler. Der 21-Jährige atmet nicht. Mit einem Kollegen nimmt Kummer die Wiederbelebung vor - mit Erfolg. Der Notarzt übernimmt den Patienten in der stabilen Seitenlage.
"Die Mitarbeiter vom Rettungsdienst und von der Feuerwehr erleben solche Fälle ständig und leisten in der Regel die Hauptarbeit. Ihnen gebührt der Dank", sagt Kummer, der diesen Einsatz deshalb nicht an die große Glocke hängen will.
Die Klinik für Anästhesie in Erlangen und das Rote Kreuz des Landkreises Erlangen-Höchstadt ehrten den Polizeiobermeister und seine drei Kollegen dennoch und schlugen das Quartett für die bayerische Rettungsmedaille vor. "Für die Zukunft ist sind das Lob und die Anerkennung motivierend", erklärt Kummer, der seit August 2013 in Erlangen im Dienst ist. Mit der Einlieferung des Patienten ins Krankenhaus war der Fall für den Forchheimer - nicht nur mental - aber noch nicht erledigt. "Für die Sachbearbeitung hatte ich anschließend Kontakt zu seiner Mutter", erzählt der 26-Jährige.
Diese bedankte sich im Namen ihrer Familie in einem Brief an die Polizeidienststelle Erlangen-Stadt beim Nachbarn, der den Notruf abgesetzt hatte, und allen Rettern. Maximilian Kummer attestierte sie im Umgang mit der Situation "Mitgefühl und Menschlichkeit".
Den 21-Jährigen traf Kummer persönlich. "Das Wichtigste ist, dass er überlebt hat", sagt er. Die Lebensrettung war Kummers Pflicht, doch hat er einem Menschen, der sterben wollte, nicht dessen Wunsch verwehrt? "Er hat mich umarmt und mir gedankt", widerspricht der Beamte. "Zudem habe ich gelesen, dass die meisten Suizidüberlebenden ihre Tat bereuen. Etliche sogar schon während des Versuchs, wenn es zu spät ist."
Und schließlich gebe es ja Familie und Freunde, die einen Tag wie Heiligabend ohne den 21-Jährigen verbringen müssten. Auch Kummer wird dieser Tage sicher wieder an den 22. September denken: "Es war mein bisher nervenaufreibendster Einsatz."