Im kleinsten der 16 WM-Stadien fehlte bei akustischem Heimvorteil zuvor nicht viel - und Nagelsmann hätte nur kurz nach seinem 1000-Tage-Jubiläum selbst über die frühere Führung jubeln können. Nach schöner Flanke von Kapitän Joshua Kimmich hätte Vizekapitän Kai Havertz fast per Kopf getroffen. Torhüter Yahia Fofana kratzte den Ball aber noch so gerade von der Linie. Auch die Distanzschüsse von Jamal Musiala (18.) und Felix Nmecha (21.) kamen dem Tor gefährlich nahe. Eine Minute nach dem Nmecha-Versuch lag der Ball dann zum überschwänglichen Jubel der deutschen Delegation im gegnerischen Tor. Aleksandar Pavlovic war nach einer Kimmich-Flanke energisch zum Ball gesprungen - hatte aber nicht das Spielgerät, sondern nur Torhüter Fofana getroffen. Schiedsrichter Juan Gabriel Benitez aus Paraguay wertete das als nicht regelkonform.
Schiedsrichter-Entscheidung erzürnt Nagelsmann – Diomande zündet den Turbo
Einen noch härteren Stimmungsdämpfer kassierte das deutsche WM-Ensemble gleich nach der ersten Trinkpause durch das 0:1. Diomande zündete den Turbo auf links, Kimmich konnte das Geschwindigkeitsdefizit nicht mit seiner sonstigen Klasse ausgleichen. Nach dem Querpass von Diomande rettete Nathaniel Brown beim ersten Schuss von Amad noch sensationell, beim zweiten Versuch von Kapitän Kessié waren er und Manuel Neuer im deutschen Tor am Ende einer Fehlerkette der deutschen Hintermannschaft machtlos.
Dass Neuer bei seinem 21. WM-Einsatz, der ihn vor dem Franzosen Hugo Lloris zum alleinigen Rekordtorhüter machte, wieder nicht zu null spielte, wurmte ihn. Dass sich wieder nach einer Trinkpause das Spiel-Momentum veränderte, dürfte für Diskussionsstoff sorgen. Als hätten es die deutschen Fans geahnt: Beim Start der Trinkpause gab es Buh-Rufe und Pfiffe. Angetrieben vom sehr energischen Bayern-Regisseur Jamal Musiala brauchte die DFB-Elf einige Zeit, um sich nach dem Wirkungstreffer wieder zu straffen. Musiala leitete den nächsten deutschen Treffer durch Havertz ein. Doch wegen eines vorangegangen Fouls von Musiala am früheren Leverkusener Odilon Kossounou zählte auch dieses Tor nicht.
Als dann nach einem Einsteigen gegen Musiala der Pfiff des Referees aus Paraguay ausblieb, wütete Nagelsmann an der Seitenlinie. Der 38-Jährige war offensichtlich erbost ob der Entscheidungen von Benitez. Aber auch der Auftritt seiner eigenen Mannschaft konnte ihn nicht zufrieden stimmen. Immerhin stimmte der Einsatz - auch bei Sané, an dem Nagelsmann trotz viel Kritik festgehalten hatte. Der Flügelspieler von Galatasaray Istanbul arbeitete fleißig mit nach hinten. Offensive Pluspunkte sammelte der frühere Münchner aber keine.
Nagelsmann mit Dreifachwechsel – Schlotterbeck raus
Gegen die Highspeed-Offensivkräfte aus Westafrika durchkreuzte die Verletzung von Dortmunds Schlotterbeck Nagelsmanns Personalplanungen. Der 26-Jährige, der schon während der ersten Hälfte behandelt werden musste, kehrte nach dem Seitenwechsel wegen Knieproblemen nicht mehr auf den Rasen zurück. Real-Kraft Rüdiger kam für ihn. Aber auch der 33-Jährige, der seinen Vertrag in Madrid verlängert hat, bekam eine Kostprobe der Angriffsstärke der Ivorer. Der viermalige WM-Teilnehmer, der zuvor noch nie eine K-.o.-Runde erreicht hatte, übernahm jetzt das Kommando.
Nach einer Stunde setzte Nagelsmann mit einem Dreifachwechsel einen erfolgreichen Impuls. Undav sowie überraschenderweise auch Jamie Leweling und Amiri kamen für Pavlovic, Musiala und Sané. Gegen die in der gesamten WM-Qualifikation und beim 1:0 zum Auftakt gegen Ecuador ohne Gegentreffer gebliebenen Westafrikaner verfehlte ein Kopfball von Havertz nach einem Fofana-Fehlgriff nur knapp das Tor (64.).
Dann endlich konnte Nagelsmann jubelnd die Faust ballen, als eine Co-Produktion seiner Joker für den umjubelten Ausgleich sorgte. Amiris Flanke verwandelte Undav eiskalt zum 1:1 und erzielte in der Nachspielzeit sogar noch den Siegtreffer. Der Stuttgarter baute seine Topquote als Super-Joker auf neun Tore in elf Länderspielen aus. Der 29-Jährige bewarb sich damit um die Beförderung in die Startelf gegen Ecuador.