Der Streik der Postmitarbeiter hat im Landkreis Forchheim inzwischen Auswirkungen auf alle Bereiche des täglichen Lebens. Oft trifft es auch Menschen, die auf jeden Euro zum Leben angewiesen sind wie die Langzeitarbeitslosen. "Etliche Leistungsbezieher werden bedingt durch den Poststreik ihre Barschecks nicht zeitnah zum 30. Juni erhalten", schreibt Roland Dauer in diesem Zusammenhang. Er ist Geschäftsführer des Jobcenters in Forchheim.

Auch die Sparkasse Forchheim leidet inzwischen unter den Folgen des Poststreiks. Das Geldhaus hatte für den 11. Juli eigentlich einen Ausflug geplant. Ostdeutschlands größter Freizeitpark Belantis sollte das Ziel sein.
Bislang liegen nur fünf Anmeldungen vor, weshalb der Ausflug storniert wird. Die Verantwortlichen führen das in erster Linie auf den Poststreik zurück: "Wir befinden uns gerade in der Planungsphase. Die Masse der Kinder hat die Einladungen wohl nicht erhalten", klagt Jacqueline Krempe, Teamleiterin von der Sparkasse.

Weniger Kinder als sonst

In der Vergangenheit seien bei derlei Ausflügen bis zu 500 Kinder mit bis zu zehn Bussen dabei gewesen. Bei der Post zum Austragen abgegeben wurden die Einladungen bereits am 8. Juni; das war der erste Tag, an dem Briefträger ihrer Arbeit niedergelegt hatten.

Dann ist da noch die Frau, die Sandalen für ihr Kind ersteigert hat und sich fragt, ob es die Schuhe im Sommer noch tragen kann. Und auch Familie Schmitt aus Schlammersdorf wartet seit Tagen auf einen Erbschein. Nicht nur sie fragen sich, wie weit die Verhandlungen inzwischen sind; ob überhaupt verhandelt wird, worum es bei dem Streik eigentlich noch geht, wo man sich beschweren kann und wo überhaupt im Landkreis noch Post zugestellt wird.

80 Prozent im Durchschnitt

Denn von den verlautbarten 80 Prozent Postsendungen, die zugestellt werden, könne hier nicht mehr die Rede sein.
"Die 80 Prozent ist die Bundesdurchschnittszahl", sagt Erwin Nier, Pressesprecher der Deutschen Post in München. Denn tatsächlich gebe es viele Gemeinden, in denen nicht gestreikt werde. Für den Landkreis Forchheim sehe es aber schlechter aus. "Alle Orte sind involviert. Der eine mehr, der andere weniger", sagt der Pressesprecher.

Im Schnitt werden in den Bezirken des Landkreises Forchheim 60 Prozent der Briefe und Pakete nicht zugestellt. Die Mitarbeiter, die nicht streiken, und die wenigen Beamten arbeiten ihre erlaubten zehn Stunden pro Tag, um die Sendungen zuzustellen. Nur können selbst 40 Prozent keine 60 Prozent auffangen. Dass der Streik in den verschiedenen Bezirken und Gemeinden derart gravierende Unterschiede aufweist, hat mehrere Gründe und ist eher eine Mixtur aus allem.

So komme es teils darauf an, wie viele Beamte in den Zustellstützpunkten arbeiten. In manchen gibt es gar keinen Beamten mehr. Aber auch wie hoch der Organisationstand von Verdi ist, spielt eine Rolle. Nur Mitglieder der Gewerkschaft können streiken, wenn auch nicht alle Mitglieder am Streik beteiligt sind.

Verträge mit Großkunden

Die Post versuche jedenfalls alles, um die Briefe und Pakete zu verteilen. Zu Beginn der Semesterferien wurden Studenten eingestellt und auch Mitarbeiterinnen, die wegen ihrer Kinder zu Hause sind, helfen mit.

Selbst aus der Verwaltung legen Abteilungsleiter Pakete mit auf, um die 80 Prozent erreichen zu können, erklärt Nier. Mit den Großkunden seien langfristige Verträge geschlossen worden, in denen solche Szenarien geregelt worden seien. Kunden, die auf ihre Pakete oder Briefsendungen warten, sind in diesem Streik die Leidtragenden. In den AGB der Post stehe, dass es aufgrund von Streik keinerlei Regressmöglichkeiten gebe.

Wege für Beschwerden

Beschwerden können schriftlich auf der Homepage reklamiert werden. Informationen über den Streik sind laut Post am Kundentelefon unter Tel. 0228/76367650 erhältlich.

Letztendlich kann die Post außer den Bemühungen, alle verfügbaren Beamten, Angestellte, Mitarbeiter und Ersatzkräfte einzusetzen, wenig weiterhelfen. "Wir wissen nicht, wann Verdi den Streik beendet", bedauert Nier.
Tatsächlich ist derzeit außer wachsendem Unmut auf die Post nichts von Verhandlungserfolgen oder gar konstruktiven Gesprächsrunden zu hören. Stillstand nicht nur in vielen Briefkästen.


Worum geht es und wie weit sind die Verhandlungen?
Mehrere Gespräche gingen dem Generalstreik voraus. In der sechsten Verhandlungsrunde hat Ver.di die Post ultimativ aufgefordert, der Forderung Ver.dis innerhalb von 48 Stunden zuzustimmen. "Das war für die Post nicht verifizierbar", informiert Nier, weshalb Ver.di damals die Gespräche abgebrochen hat. Die Frage, die Gespräche am 16.6.2015 fortzuführen, betrachtete Ver.di als sinnlos, da deren Vorschlag nicht angenommen wurden, wie Renate Birkel, Betriebsratsvorsitzende der Niederlassung Brief Nürnberg für Mittelfranken und den Landkreis Forchheim, bestätigt.

Kaum jemand blickt hinter die wirklichen Gründe für den Streik, von einer Lohnerhöhung ist die Rede und viele Bürger denken mit gemischten Gefühlen an die Post, hätten einerseits Verständnis für die streikenden Posterer, die für weniger Geld in einer der 49 Tochtergesellschaften, den Delivery GmbHs dieselbe Arbeit machen sollen. Zunächst kündigte Ver.di die bestehenden Tarifverträge bei der Mutter Post oder ließ die bestehenden Verträge auslaufen. Nur so konnte überhaupt gestreikt werden, erklärt Nier.

Das Ultimatum, das der Post gesetzt wurde, war zunächst eine Lohnerhöhung von 5,5 Prozent und zugleich eine Reduzierung der 38,5 Arbeitsstunden pro Woche auf 36 Wochenstunden. Dem sollte die Post binnen 48 Stunden zustimmen. Die Post hat in Deutschland 180 000 Mitarbeiter. 140 000 davon sind Tarifkräfte, die den Haustarif der Mutter Post erhalten. Nur 6 000 dieser Mitarbeiter sind bereits in den Tochter GmbHs untergebracht, ebenfalls zum Haustarif. Eine Annahme dieser Forderung, hochgerechnet auf 180 000 Mitarbeiter, bei den 40 000 Beamten wäre dann irgendwann nachgezogen worden, würde einer Lohnerhöhung von 12,5 Prozent entsprechen oder 300 Millionen Euro bedeuten. "Das kann kein Arbeitgeber machen", sagt Nier. Deshalb lief unisono dazu die Forderung, für die Delivery Mitarbeiter bessere Bedingungen auszuhandeln. Dargestellt ist es so, als würden alle 140 000 Mitarbeiter zum Logistiktarif bezahlt. Das stimme aber so nicht.

Den befristet angestellten Mitarbeitern der Mutter Post wurde eine unbefristete Anstellung bei einer der Delivery Tochter angeboten. Hier meint Birkel, das Wort "unbefristet" sei in der Logistikbranche Augenwischerei. Denn in den Anfangswochen könne am Arbeitsbeginn zu Ende des Arbeitstages gekündigt werden, später dann innerhalb von zwei Wochen zum Monatsende. Ein Mitarbeiter hätte neben diesen Unsicherheiten zudem als lediger mit 1900 Euro Brutto zu wenig zum Leben. Mitarbeiter, die zur Delivery GmbH wechselten, wechselten aber zum Haustarif, also dem Tarif der Post in die Tochterfirma.

Der Haustarif der Post beträgt 12,73 Euro. Nur Neueingestellte bei einer Tochter werden nach den Tarifverträgen der Logistikbranche bezahlt. Diese Logistikverträge sind Ländersache, daher differenziert der Stundenlohn. In Bayern beträgt er 11 Euro, in Baden-Württemberg erhalten die Mitarbeiter der Post Tochterfirmen 18 Euro Stundenlohn. Im Osten verdienen sie weniger als der bayerische Mitarbeiter. Die erste Forderung der Gewerkschaft, die parallel zur Lohnerhöhung lief, lautete, die Arbeiter, die nach Logistiktarif angestellt sind, dem Haustarif anzupassen.

Da aber nur neu eingestellte Mitarbeiter den niedrigeren Lohn erhalten, streiken die Gewerkschaftsmitglieder, also die Mitarbeiter der Mutter Post für die künftig neu Angestellten bei Delivery, also der Tochterfirma. Denn: "Mitarbeiter der Tochtergesellschaften können nicht streiken, denn die Firmen sind zu jung, es gibt noch keine Betriebsräte", erklärt Nier, was Birkel bestätigt. Abgesehen davon, dass sowohl der Haustarif der Mutter Post als auch die Logistiktarifverträge von der Gewerkschaft ausgehandelt wurden - Ver.di bestreikt derzeit wohl die eigens ausgehandelten Verträge - wurde dann klar, dass die 49 Tochtergesellschaften weg sollen. Das will Birkel nur teilweise so nicht sehen. Sie vergleicht die Flächentarifverträge der Logistikbranche mit den Flächenverträgen der IG Metall. Aber Audi beispielsweise habe auch Hausverträge. "Der Logistikvertrag ist für Speditionen tragbar, aber nicht für die Post", sagt Birkel und nennt die Gewinne der Post als einen der Gründe. "Die Post hat eine Umsatzrendite von 8,6 Prozent, Hermes nur 2,6 Prozent", erklärt Birkel. Aber viele Mitarbeiter anderer privater Anbieter wechselten schon zu den Posttöchtern, da dort trotz Logistiktarifvertrag doppelt so viel bezahlt werde, wie bei den Alternativen, weiß Nier. Zudem sieht Ver.di die Gefahr, dass nach den Paketen auch die Briefzustellung in Deliverys ausgelagert wird.