Ob sie es je bereut hat? Ob sie bereut hat, nicht als Industriekauffrau einer geregelten Arbeit nachzugehen, gutes Geld zu verdienen und abends Freizeit zu haben? Jessica Sebald hält beim Heuschaufeln kurz inne: "Ich bereu' es jeden Tag zehntausend Mal, aber nie generell."

Die 38-Jährige hat ein Motto in die Tat umgesetzt, das sich andere Menschen gegenseitig als Postkarte schicken: "Träume nicht dein Leben - lebe deinen Traum". Das tut die Fränkin, mit allen Konsequenzen. Das sind: kein geregelter Feierabend, kaum ein freies Wochenende, so gut wie nie Urlaub, ständige Überraschungen, Krankheiten, Tod, viel Mist und Sorgen. Aber es sind auch: tierische Freude, Freiheit und bedingungslose Liebe.

Schon als die Gößweinsteinerin klein war, spielten Tiere in ihrem Leben eine zentrale Rolle. Ihre Eltern züchteten Hunde, sie selbst durfte Kleintiere halten. Mit fünf Jahren lernte Jessi reiten und entdeckte die Welt auf dem Rücken ihrer Haflingerstute Fee. "Ich habe dieses Immenhof-Gefühl geliebt!" Noch heute kennt Jessi alle Teile der TV-Pferdeserie Immenhof auswendig. "Es war mein Traum, auch so einen Hof für Tiere zu haben."

Der erste Schritt dorthin: Als Jessi volljährig war, kaufte sie eine Wiese am Gößweinsteiner Ortsrand und baute ein Heulager darauf. Über Nacht bekam es unerwartet Besuch: drei Ziegen. Jemand hatte sie wohl loswerden wollen und heimlich auf Jessis Grund angebunden.

Auf die Ziegen folgten Kaninchen, Katzen, Hühner und auch immer mehr Pferde, vor allem alte und kranke. Jessi Sebald schickte niemanden weg. Sie zog Waschbärbabys, deren Mutter gestorben war, mit der Flasche auf. Und sie vergrößerte ihr Areal, indem sie die Kletterfelsen hinter ihrer Wiese dazukaufte. Rasch wuchs der Tierbestand. Neben Kleintieren und Pferden erhielten auch "überzählige" oder für den Metzger vorgesehene Schweine, Schafe, Rinder, Esel und Lamas sowie einige Exoten - Emus, Nandus, Kängurus - ein Zuhause. Über den Tierschutz und von Jagdpächtern kamen wilde Findelkinder dazu: Streifen- und Eichhörnchen, Fuchsbabys.

Im Frühjahr 2017 wurde es besonders viel: 27 verwaiste Rehkitze, etliche junge Marder, Waschbärbabys und jede Menge andere Sorgenkinder wurden ihr gebracht. "Ich hab' teilweise nicht mehr gewusst, wie ich heiße, so stressig war die Zeit." Zum Glück hatten 15 Tierfreunde bereits im Vorjahr den gemeinnützigen Verein "Arche Sternenhof Gößweinstein" gegründet. Nach 16 Jahren ausschließlich privater Tierhilfe und der Dauerfrage "Wie sollen wir das alles weiter finanzieren?" steht den Sebalds seitdem ein Verein zur Seite, dessen Zweck es ist, ein finanzielles Fundament für Pflegetiere zu schaffen - etwa durch Tierpatenschaften. "Außerdem entlasten uns Vereinsmitglieder wie die stellvertretende Vorsitzende auch personell: Sabine Bähr übernimmt zum Beispiel Sonntagsdienste, so dass ich mal Zeit für meine Familie habe, für meinen Mann Dani, der bei der Post arbeitet, aber trotzdem noch oft auf dem Sternenhof hilft, und für die drei Kinder Jonas, Rafael und Emilia."

Auch die "Reitermädels", wie Jessi ihre Reitbeteiligungsgruppe nennt, packen mit an: beim Füttern, Misten, Pflegen und Bewegen der 33 Pensions- und Reitpferde. "Ohne die tolle Stallgemeinschaft und überhaupt mein Helfer-Team könnte ich die Arbeit auf dem Hof, die ständig angewachsen ist, längst nicht mehr stemmen." Jessi ist froh, dass sie heuer für verwaiste Wildtierbabys private Pflegemütter gefunden hat: "Daniela und Renate ziehen die Kitze groß, Steffi hat die Eichhörnchen und Nicole die Fuchsbabys aufgepäppelt."

Auf dem Sternenhof gibt es auch ohne "Säuglingsstationen" jede Menge Sorgenkinder: Aktuell muss Jessi zum Beispiel herausfinden, warum der spanische Hengst Legionario so dünn ist, warum "Drama-Lama" Freddy sich nicht mit Artgenossen versteht und inwieweit eine Klauenfehlstellung Schafbock Bubi beeinträchtigt. Dazwischen müssen Ställe, Volieren und Freigehege gesäubert werden, Zäune repariert, Futter herbei- und Mist weggeschafft werden. "Langweilig wird es bei uns nie", sagt die 38-Jährige. "Immer, wenn du denkst, jetzt haben wir aber alles durch, kommt was Neues!"

Ein Alptraum? Jessi schüttelt den Kopf. "Ein Traum - mein Traum. Wenn Tiere sterben, ist es zwar immer schlimm für mich. Aber dann weiß ich zumindest: Ihr Leben war schön." Kontakt/Tierpatenschaften:Aktuell ist der Reit- und Tiererlebnishof Sternenhof Corona-bedingt geschlossen. Nur Reitstunden finden statt. Wer ein Sternenhof-Patentier haben möchte, vereinbart einen Termin: Tel. 0171/ 4712902, sternenhof2000@gmx.de, www.pferdehof-goessweinstein.de.tl