Der InFranken-Kick aus der Kreisklasse 1 ER/PEG endete mit dem knappen 1:0-Derbysieg zwischen der DJK-SC Oesdorf und der DJK Wimmelbach. Mehr als traurig über die Last-Minute-Niederlage war Jim Lutumba in Reihen der Gäste, hatte er doch kurz nach der Pause die wohl größte Möglichkeit zur Führung für den Tabellenletzten auf dem Fuß. Der Trainer des Kongolesen, Reinhard Marsching, grollt ihm dennoch nicht und ist vom offenen und herzlichen Wesen seines Stürmers angetan: "Der Jim ist ein Pfundskerl, von ihm könnten sich manche eine Scheibe abschneiden." Vor knapp einem Monat feierte der ehemalige Bezirksoberliga-Spieler, der in den vergangenen neun Saisons mit 145 Toren in 199 Spielen ohne Platzverweis oder Ampelkarte blieb, seinen 37. Geburtstag. Vor 25 Jahren verließen er und seine Familie die zentralafrikanische Republik Zaire, aus der 1997 die Demokratische Republik Kongo hervorging.
Die Gründe für die Ausreise erfuhr der damals 12-Jährige von seinen Eltern nicht, erste Station in Deutschland war Nürnberg. Durch Fußball fasste der talentierte Sprössling im gesellschaftlichen Leben schnell Fuß, spätere Stationen waren ATSV und BSC Erlangen, wo er höherklassig kickte. Inzwischen lebt er im Wachenrother Ortsteil Weingartsgreuth und kam über die DJK Pinzberg, wo er den Spitznamen "Löwe" trug, nach Wimmelbach.

"Ebony and Ivory" ist ein Song von Paul McCartney und Stevie Wonder, der 1982 veröffentlicht wurde und den auch Lutumba schätzt. Inhaltlich basierend auf den Materialien, aus denen ursprünglich Klaviertasten gefertigt wurden, steht Ebony (Ebenholz) für Schwarz und Ivory (Elfenbein) für Weiß. Das Lied handelt vom friedlichen Zusammenleben aller Menschen, egal welche Hautfarbe sie haben. McCartney, der Weiße, schrieb das Lied, und sang es als Duett mit Wonder, dem Dunkelhäutigen, um die Bedeutung des Textes hervorzuheben.


Herr Lutumba, das Derby endete 0:1, Ihre Mannschaft schrammte knapp an einem Punkt vorbei. Wie fühlen Sie sich?
Jim Lutumba: Es ist jammerschade, dass wir das 0:0 nicht über die Zeit brachten. Vor allem, weil wir uns so viel vorgenommen hatten und auch gut mithielten. Phasenweise hat man heute von außen bestimmt keinen großen Unterschied bemerkt, dass Oesdorf ganz oben und wir ganz unten stehen. Besonders bitter ist, dass das Tor erst kurz vor Schluss passierte.

Sie saßen lange nach Spielschluss noch alleine auf dem Rasen und haben ihren Kopf zwischen den Knien vergraben. Erst Ihr Trainer konnte Sie trösten...
Ja, irgendwie fühle ich mich in der Verantwortung für meine Mannschaft. Ich hatte unsere beste Möglichkeit und brachte sie nicht unter. Das ist kein gutes Gefühl und ich habe mich über mich selbst geärgert. Kämpferisch haben wir uns auf jeden Fall nichts vorzuwerfen, auch wenn wir phasenweise schwer gegenhalten konnten. Vor allem zu Beginn waren wir zu nervös, aber es ist normal, dass man in unserer Situation nicht mit breiter Brust aufläuft.

Sie kamen vor vielen Jahren selbst in ein für Sie fremdes Land, die Flüchtlingsthematik beherrscht seit Monaten die Nachrichten. Welche Gedanken bewegen Sie?
Es ist keine einfache Situation für die Menschen, die hierher kommen wollen. Aber auch nicht für die Deutschen. Viele haben schlicht Angst aus Ungewissheit. Als meine Familie nach Deutschland kam, gab es keine derartigen Massen, weshalb es auch kein Thema war. Wir haben uns relativ schnell und gut einleben können, der Fußball half mir persönlich, akzeptiert zu werden. Wobei ich auch immer mal wieder wegen meiner Hautfarbe provoziert werde, vor allem auf dem Platz und von den Rängen aus. Viele vergessen dabei: Fußball ist nur ein Spiel.

Waren Sie selbst schon einmal Anfeindungen ausgesetzt, auf dem Feld oder in Schule oder Beruf?
Nein, nicht wirklich. Krasse Fremdenfeindlichkeit haben wir eigentlich nie spüren müssen. Klar gibt es hier und da Sprüche, teils auch Beleidigungen. In der Schulzeit war es eigentlich auch präsent, aber im Kindesalter ist das nicht ungewöhnlich. Jedoch hört man im Laufe der Jahre gar nicht mehr alles und sieht es gelassener. Früher kam es in fast jedem zweiten Spiel vor, dass mein Gegenspieler mit "Schwarzer" oder ähnlichen Ausdrücken versuchte, mich aus der Ruhe zu bringen. Die haben sich dann oft mehr geärgert, dass ich sie habe reden lassen - oder mit Toren geantwortet habe.

Heißt das, man begegnet Ausländerfeindlichkeit mit Gelassenheit?
Es gibt sicher Gegenden in Deutschland, wo die Leute anders denken und eingestellt sind. Auch hier gibt es Zwischenfälle, die anders motiviert sind, aber inzwischen wurde das deutlich weniger. Zum einen, weil viele Leute aufgeklärter mit der Situation umgehen und die Hilfsbereitschaft vieler Menschen gegen das Leid wächst. Auf den Sport übertragen ist das sicher auch ein Verdienst des Verbands, dessen Regeln inzwischen greifen, bei Verstößen gegen Rassismus wird durchgegriffen.

Wie sähe die Welt in den Augen des Jim Lutumba aus, wenn er sich die Zukunft in 50 Jahren so bauen könnte, wie er möchte?
Man darf die Hoffnung nicht aufgeben. Jeder von uns könnte seinen Teil dazu beitragen, im Umgang miteinander zu zeigen, dass es auch ohne Gewalt geht. Gewalt erzeugt Hass und Hass erzeugt Krieg. Wir haben alle noch die schrecklichen Bilder aus Paris im Kopf. In meinem Freundeskreis gibt es zahlreiche Moslems, die Derartiges verurteilen, aber genauso hilflos sind wie wir alle. Ich bin evangelischer Christ und bin auch schon in Moscheen gewesen, genauso wie ich auch schon in katholischen Kirchen war. Letztlich gibt es keinen Unterschied. Wir alle sind Menschen und glauben an ein höheres Wesen, jeder auf seine Weise und am Ende ist es wohl der gleiche Gott. Egal ob schwarz oder weiß. Meine Wunsch-Zukunft wäre, wenn die Menschen das verinnerlichen und so miteinander in Frieden leben.