Es ist nicht zu übersehen. "Glückwunsch - Tobias ist süddeutscher Meister" prangt auf einem großen Betttuch, das an einer Scheunenwand angebracht ist. Verantwortlich dafür sind Sandra und Julia Schmitt, die damit ihrem Bruder Tobias zu dessen Titel im Fahrrad-Trial gratulieren wollen. Sein erster Sieg ist es nicht. Bereits im Alter von fünf Jahren fuhr der inzwischen 15-Jährige über Hindernisse und nahm an seinem ersten Pokalwettbewerb teil. So holte er sich auch den Titel des norddeutschen Meisters und bei vielen anderen Wettkämpfen. Nicht nur einmal.

Auf der gesamten Länge der Garagenwand reiht sich deshalb Pokal an Pokal, darunter baumeln Medaillen in allen Formen. Während Mutter Andrea das kleine rote Trikot mit der farblich passenden Hose zeigt - seine erste Ausrüstung - düst der Sohn auf dem Rad über den Hof zu einer Wiese, springt aus dem Stand heraus über einen großen Baumstumpf, balanciert zwischen anderen Hindernissen herum, weiß exakt, wann er mit dem Rad stehen bleiben muss, ohne mit den Füßen die Wiese zu berühren, und springt mit dem Rad erneut aus dem Stand heraus auf eine Mauer. Dort dreht er auf minimalem Platz das Rad herum und fährt die Mauer entlang. Das Rad und er - sie scheinen zusammen zu gehören.


In luftiger Höhe

Beobachtern kann durchaus manchmal der Atem stocken. Seiner Mutter geht es nicht anders. "Wenn ich dabei bin, muss ich manchmal schon die Luft anhalten", sagt sie. Denn oft befinden sich die Hindernisse nicht in Bodennähe, sondern in knapp zwei Metern Höhe. Franz-Josef Schmitt ergeht es ähnlich. "Ich kann manchmal nicht fotografieren, weil ich zuschauen muss", erklärt er. Beim Zuschauen muss er sich allerdings oft auf die Zunge beißen, um nicht dazwischen zu rufen, dass Tobias den Reifen anders stellen oder anders auf das Hindernis anders springen soll. Schließlich ist er nicht nur Tobias' Vater, sondern auch dessen Trainer.

Regen erschwert diesen Sport, der Kraft, Ausdauer, Körperbeherrschung, Konzentration, Balancegefühl und eine gehörige Portion Mut erfordert. Aber: "Er ist echt gut. Es macht richtig Spaß, ihm zuzuschauen", lobt Franz-Josef Schmitt mit einem anerkennenden Nicken. Tobias hingegen schaltet beim Start des Durchgangs jeden Gedanken aus. "Ich schaue mir die Sektion vorher an und habe da schon die Punkte im Kopf, an denen ich absetzen muss", erklärt er. Das Einzige, wonach er ab und zu einen Wettkampfrichter fragt, ist die Zeit. 2:30 Minuten sind in Tobias' Altersklasse angesetzt, zwei Minuten braucht er in der Regel für eine Sektion.

Wirkliche Angst vor einem Hindernis hat er nicht. Das wäre eher kontraproduktiv. Lediglich die Wand in Aywaille in Belgien, die bei den World Youth Games im August als Veranstaltungsort diente, hat bei ihm Eindruck hinterlassen. Die besten Trial-Fahrer aus Japan, Frankreich und der Schweiz traten dort gegeneinander an. Im Rennen gelang es dem 15-Jährigen aber nicht, die rund zwei Meter hohe Mauer zu überwinden. Die Folge: Er übte danach weiter. "Ich wollte es schaffen", sagt er. Und er schaffte es.


Ein eigener Trainingsplatz

Das Interesse an den Trials hat der Dormitzer wohl von seinem Vater geerbt, der aber die motorisierte Version bevorzugte. Schon kurz nachdem er auf einem normalen Rad das Fahren erlent hatte, reichte dem kleinen Steppke der Bauernhof seiner Eltern nicht mehr aus und eine Palette als Hindernis kam ihm gerade recht. Während andere Mütter in solchen Situationen nervös werden, blieb Andrea Schmitt ruhig - immerhin kannte sie die Kunststücke bereits von ihrem Mann. Der bastelte dem Sohn ein Trial-Rad, mit dem dieser beim Jurapokal antrat. Die Paletten im Hof wurden mit den Jahren immer höher. Sieben Stück befanden sich übereinander und waren nur eines von gleich mehreren Hindernissen.

Geübt wird nicht nur auf dem eigenen Trainingsplatz, sondern auch jeden zweiten Tag auf einem in Erlangen. Das regelmäßige Training ist unerlässlich, um punktgenau auf einem Hindernis zu landen, ohne beim Sprung mit dem Rad abzurutschen. Außerdem übt Schmitt, an welcher Stelle angehalten werden muss, um das Vorderrad nach oben zu ziehen und wie weit der Oberkörper nach hinten gebeugt werden muss und darf.

Im Prinzip beginnt jeder Tag für Tobias mit einem seiner Räder: dem Trial-Rad oder dem Mountain Bike. "Er fährt damit zur Schule und anschließend zum Hof, um abzuschalten", erzählen die Eltern. Dann folgt das Training mit dem Rad, aber auch Sit-ups, Hantel- und Beintraining, Liegestütze sowie Übungen im Fitness-Studio, um für Wettbewerbe, Vorführungen und Meisterschaften fit zu sein. Was noch fehlt? "Eine oberfränkische Meisterschaft", wünschen sich die Schmitts. Denn die Sportart ist hier noch nicht bekannt - das solle sich ändern.

Strenge Regeln Weder Streckenbegrenzungen noch Markierungen dürfen berührt werden. Die Füße dürfen nicht den Boden berühren. Man darf nicht mit beiden Beinen über der Fahrradachse sein. Zudem muss jede Sektion in 2:30 Minuten bewältigt werden. Für jede zehn weitere Sekunden gibt es Strafpunkte.

Sektion Ein Durchgang besteht aus fünf Sektionen, die jeweils 24 Metern lang sind. Bei fünf Strafpunkten muss die Sektion beendet und mit der nächsten begonnen werden. Drei Durchgänge müssen die Fahrer absolvieren.

Das Rad Schmitts Trial-Rad hat 20-Zoll-Räder und Scheibenbremsen, jedoch weder einen Sitz noch eine Schaltung. Es wiegt 7,9 Kilogramm. pm