Eine Tischtennis-Weltmeisterschaft ohne Timo Boll oder irgendeinen Chinesen? Ein internationaler Wettkampf im Tennis ohne Novak Djokovic und Angelique Kerber? Bei der Racketlon-WM im "Sportpark" in Fürth trafen sich nicht die Besten im Tennis, Tischtennis, Badminotn und Squash, sondern die Vielseitigsten über alle vier Sportarten hinweg. Denn die Teilnehmer an der 15. Einzelweltmeisterschaft des Internationalen Racketlon-Verbands FIR (Fédération Internationale de Racketlon) mussten sich in der Summe der vier Duelle durchsetzen, um eine Runde weiterzukommen und schließlich den Titel zu gewinnen.


Däne ist Weltmeister 2016

Der Weltmeister 2016, Jesper Ratzer, kommt aus Dänemark, wohin er mit 800 Euro Preisgeld zurückkehrte. "Das Prinzip entstand Ende der 80er Jahre in Skandinavien", erzählt Michael Eubel, der das Turnier organisiert und vor knapp neun Jahren den deutschen Racketlon-Verband (DRaV) ins Leben rief. "Genau an diesem Ort haben wir uns gegründet", erinnert sich der 47-Jährige, während er einen aufgrund des Pilotenstreiks bei der Lufthansa verspäteten Schweden auf Englisch beruhigt, er könne trotzdem noch ins Turnier einsteigen.

"Der Streik hat mich zwei Nächte gekostet", schimpft Eubel, der für 20 Akteure andere Matchpläne anfertigen musste. Bei 290 Spielern aus 32 Ländern sind die vier WM-Tage straff durchgetaktet. In 19 Klassen - von den U13-Junioren bis zu den Senioren über 65, von den Anfängern bis zur Elite - trat die "internationale Schlägerbande" gegeneinander an. Zunächst stehen sich zwei Kontrahenten im Tischtennis gegenüber. "Das Prinzip lautet vom kleinsten zum größten Schläger", erläutert Eubel. Zur besseren Vergleichbarkeit wird jeweils ein Durchgang bis 21 Punkte gespielt. Für die älteren "Plattensportler" also ein Sprung in die Vergangenheit, als ein Satz im Tischtennis offiziell noch bis 21 statt elf Zähler ging.

Nach fünf Minuten Verschnaufpause wechseln die Teilnehmer aufs Badminton-Feld nebenan. Zuzana Severinovás Schwachstelle. "Deswegen habe ich diese Sportart am meisten trainiert", sagt die Tschechin. Im kleinen Feld der U21-Frauen zahlt sich ihr Aufwand nicht aus. Unter fünf Starterinnen wird sie Dritte, nur ein Mal verließ die Prager Studentin den Badminton-Court als Siegerin. Doch die 18-Jährige ging zusätzlich in der Klasse B ins Rennen - und gewann. Nicht nur den Titel der "Amateur"-Weltmeisterin, sondern auch alle vier Badminton-Begegnungen.

Im Endspiel gegen die Niederländerin Anouk Dols durfte sie bereits nach dem Squashduell in der oberen Etage des "Sportparks" in Fürth (Am Schallerseck 35) feiern, da sie uneinholbar mit 3:0 führte. Das A-Finale der 16 besten Damen entschied die Österreicherin Christine Seehofer, die Severinová bei der U21 lediglich im Tennis unterlag, gegen die Deutsche Amke Fischer für sich. Immerhin 88 Teilnehmer waren weiblich. Insgesamt fanden von Donnerstag bis Sonntag 880 Begegnungen, also 3560 Spiele statt.


Einsteiger neben Spitzenspielern

Um Racketlon populärer zu machen, werden bei jeder WM Einsteiger-Klassen angeboten. Nach Eubels Wunsch sollen die "First Timer" irgendwann zu den 10 000 Sportlern gehören, die in Racketlon-Verbänden auf der Welt gemeldet sind. In Fürth machten von dieser Option lediglich die Männer Gebrauch. Im Endspiel behielt der Deutsche Andreas Mrazek gegen den Schweden Jörgen Ström die Oberhand.


Michael Eubel kommt vom Squash

Wie kommt man eigentlich dazu, an einer WM in vier Sportarten gleichzeitig teilzunehmen? "Die besten Racketlon-Spieler sind nie in einer Disziplin ganz gut", sagt Eubel, der mit Squash und Badminton groß wurde und sich erst später Fähigkeiten im Tennis und dessen Tischvariante aneignete. "Damals war ich 20 Jahre jünger und 20 Kilo leichter", sagt der 47-Jährige schmunzelnd, während er einem WM-Teilnehmer den Weg zu dessen Hotel beschreibt.

Den Briten Fred Perry, der 1929 die Tischtennis-WM und fünf Jahre später drei Mal in Folge Wimbledon gewann, als Vorreiter des Racketlons zu bezeichnen, hält Eubel für etwas weit hergeholt. Vielmehr gab es Anfang der 90er Jahre in Finnland und Schweden die ersten Wettkämpfe. 2003 ging der Sport zum ersten Mal auf "World Tour". Inzwischen gibt es auch in Ghana, Neuseeland und Kanada Anhänger des jungen Trendsports.

Seit seiner Teilnahme an den Austrian Open im selben Jahr in Wien sei der gebürtige Kasseler vom Racketlon infiziert. Nach gut zehn Jahren Pionierarbeit will der zweifache Vater kürzer treten und sein Amt als Kassenwart im Deutschen Racketlon-Verband abgeben. Die Weltmeisterschaft in Fürth ist sozusagen sein Abschiedsgeschenk. "Das Feedback ist überwältigend gut", sagt Eubel, der etwa 100 Nachrichten von Teilnehmern erhielt und finanziell - wie geplant - eine Schwarze Null schrieb.


Nur noch Spieler und Zuschauer

"Natürlich bleibe ich dem Racketlon erhalten. Was anderes geht auch nicht, wenn einem dieser Sport ans Herz gewachsen ist. Nur nicht mehr als Funktionär, sondern als Zuschauer und Spieler", erklärt der Wahlfranke, der somit durchaus noch einige aktive Jahre vor sich haben könnte, schließlich war der älteste Starter in Fürth stolze 72 Jahre alt.

Rackelton startet durch



Erst die Skandinavier, dann die Österreicher

Wer hat's erfunden? Es waren Finnen und Schweden, die die vier in Europa am meisten verbreiteten Rückschlagsportarten vor etwa 30 Jahren kombinierten. Wie bei großen Marathon-Veranstaltungen sollen Spitzenathleten und Hobbysportler gemeinsam teilnehmen. Der Österreicher Marcel Weigl brachte Racketlon 2003 von einem Auslandssemester in Stockholm in seine Heimat, wo der "Schlägervierkampf" seitdem in Turnierform ausgetragen wird. Heute ist Weigl Präsident des österreichischen sowie Vizepräsident des Welt-Racketlon-Verbands "Fédération Internationale de Racketlon" (FIR). Aktuell gibt es Racketlon-Verbände in 42 Ländern.


Wiege des deutschen Racketlons in Franken

Der Deutsche Racketlon-Verband (DRaV) wurde am 24. Januar 2008 beim Amtsgericht Fürth ins Vereinsregister eingetragen. Gründungsmitglied war der gebürtige Hesse und Wahlfranke Michael Eubel. Seit 2009 veranstaltet die Deutsche Racketlon-Liga jährliche Wettkämpfe in vier Bundesligen à acht Teams. Jede Mannschaft besteht aus mindestens drei Männern und einer Frau. Die Kontrahenten treffen sich zu Hin- und Rückspielen an zwei Wochenenden pro Jahr. Ebenfalls seit sieben Jahren werden deutsche Meisterschaften im Einzel und Doppel ausgetragen. Amtierende Titelträger sind Elmar Schaub und Nathalie Vogel (ehemalige Zeoli).


Zu wenig für den Deutschen Sportbund

Der DRaV hat im Moment 450 Mitglieder. Zu wenig, um vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) als Verband anerkannt zu werden. "Die Grenze liegt bei 10 000", sagt Michael Eubel. Daher ist der DRaV dem Squashverband Nordrhein-Westfalen angeschlossen. Gleichwohl zählte der DOSB Racketlon im Oktober 2010 zu den Tipps des Monats. Der internationale Verband Sports Accord akzeptiert Racketlon als Sportart. Hoffnungen, schon bald ins Programm der Olympischen Spiele aufgenommen zu werden, macht sich aber selbst DRaV-Präsident Frank Kleiber nicht. "Seit 2015 stagnieren die Zahlen", sagt der 54-Jährige.


Fürth war 2016 zum zweiten Mal Gastgeber

Die Weltmeisterschaften im Racketlon werden seit 2001 ausgetragen. Die ersten drei Auflagen fanden im schwedischen Göteborg satt, 2004 und 2005 war Wien Gastgeber. 2006 gab es in Oudenaarde (Belgien) zum ersten Mal Welttitelkämpfe auch im Doppel. 2008 maßen sich die Einzelspieler in Fürth, das auch heuer Austragungsort der 15. Single-Wettbewerbe war. Im vergangenen Jahr fand keine WM statt, sondern eine Europameisterschaft in Prag. rup