Die Autorin Wiltrud Weltzer und die Lektorin Helga Blum nutzen das Erzählen nicht nur, um Menschen zu unterhalten. Hinter ihrem gemeinsamen Buch "Schwesternliebe rostet nicht" steckt ein tiefgehendes Konzept: Die Geschichten sollen das wechselseitige Verständnis zwischen Vorlesenden und Zuhörern anregen.
Wiltrud Weltzer ist gerade dabei, das Konzept zu erproben: Nachdem sie sich ein halbes Jahr für das Schreiben Zeit genommen hat, macht sie sich nun auf den Weg in die Seniorenheime der Region und sucht über ihre Texte das Gespräch. Dabei hat die 74-Jährige die Erfahrung gemacht, dass die Senioren nicht nur "Geschichtchen" loswerden wollen: "Die alten Menschen sind aktiv und man darf sie herausfordern."
Der Ton der "Schwesternliebe" ist heiter und leicht. Aber die Geschichten von Johanna und Rosemarie bleiben deshalb nicht an der Oberfläche. Und auch wer glaubt, das Älterwerden wäre (noch) nicht sein Thema, könnte schnell eingefangen werden von diesen 13 Erzählstücken. Darin schildert die in Bammersdorf (Gemeinde Eggolsheim) lebende Wiltrud Weltzer ein spannungsreiches halbes Jahr aus dem späten Leben eines Geschwisterpaares. Johanna und Rosemarie, die sich gegenseitig Hanna und Rosi nennen, scheinen in einem rivalisierenden, familiär erlernten Rollenmuster festzuhängen: Rosemarie, die Ältere, glaubt für die Belange von Johanna zuständig zu sein, was die Jüngere reichlich nervt.
Als nun Johanna, eine energiegeladene Unternehmerin, nach einem Sturz in jene Seniorenresidenz (Lindenhof) zieht, in der ihre große Schwester zu Hause ist, kommt die Familiendynamik vergangener Tage wieder in Gang.
"Das Konzept stammt von mir", sagt die 64-Jährige Lektorin Helga Blum. Als vor einigen Jahren per Gesetz Betreuungsassistenten in die Pflegeheime geholt wurden, hatte sie diesen Einfall: Wenn ein Betreuungsassistent in nur einer Stunde mit einem alten Menschen ins Gespräch kommen soll, dann könnte das am besten über das Vorlesen solcher Geschichten gelingen. "Ich habe großen Respekt vor dem Alter", sagt Blum. "Wir knüpfen an Lebenserfahrungen anderer an."
"Sie ist meine Lehrerin", sagt Wiltrud Weltzer über Helga Blum, die sie während einer Schreibblockade kennenlernte. Wiltrud Weltzer betont, dass sie zwar eine Schwester habe; dennoch seien die Inhalte des Buches nicht ihrer Familiengeschichte, sondern ihrem Einfallsreichtum zu verdanken. "Ich fantasiere sehr gern."


Raus aus dem "Altengefängnis"

Die Erzählungen über Johanna und Rosemarie fügen sich zu einer Geschichte zusammen; zugleich kann jede für sich stehen. Weil die Beziehung der Schwestern zwar gespannt, aber nicht eingerostet ist, wird ein Wandel möglich: Anfangs empfindet Johanna den Lindenhof als "Altengefängnis". Doch allmählich entwickelt sich ein neues Miteinander: Rosemarie muss ihre kleine Schwester nicht mehr um jeden Preis bemuttern; Johanna muss nicht mehr ausschließlich für ihre Freiheit leben.
Weltzer und Blum haben einen Blick auf die eigenen Lebensgeschichten geworfen, um Ideen zu finden. Ein halbes Jahr Schreibzeit hat sich Wiltrud Weltzer dann gegeben. Manches, was ihr zum Thema einfiel, habe ihre Lektorin wieder rausgestrichen. Kriegserinnerungen der Protagonistinnen zum Beispiel. Sie würden nicht zum Konzept passen.
Die Zeit zum Austausch nach den Lesungen sei oft nur begrenzt, weiß Helga Blum. "Ich habe Sorge, dass alte Menschen in was reinrutschen". Stattdessen wolle sie zu einem "heiteren Austausch" anregen.
Schon arbeiten Wiltrud Weltzer und Helga Blum am nächsten Buch für dieselbe Reihe. Der Verlag habe darum gebeten, freut sich die Lektorin. Neues Personal, neues Thema. Diesmal, verrät Wiltrud Weltzer, werde es um eine Frau gehen, die sich nach einem Unfall mit Hilfe einer Freundin ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden ermöglicht.
Zielgruppe seien Leser und Zuhörer ab 70 Jahren, sagt Helga Blum. Was aber andere Gruppen nicht ausschließe: Wiltrud Weltzer zumindest hat ihrem fünfjährigen Enkel aus der "Schwesternliebe" vorgelesen. "Er hat sich gekugelt vor Lachen".