In der dezentralen Unterkunft in der Weingasse 6 waren die Flüchtlinge seit Mai 2015 bestens aufgehoben. Dhurata Koburja, Ehemann Xhevan und die drei Kinder, fünf, 14 und 15 Jahre alt - im Mai 2016 wurde die Familie aus dem Kosovo plötzlich in das sogenannte Balkan-Zentrum nach Bamberg verlegt. Und mit noch größerer Plötzlichkeit drei Wochen später abgeschoben. "Die Vorgehensweise hat bei uns einen Schock ausgelöst", sagt Anita Brütting, die mit Elke Hanstein zu den vielen rührigen Helfern gehört, die in Neunkirchen am Brand Flüchtlingen beistehen.

Ein Jahr nach der Ankunft sprachen die Kinder fließend Deutsch. Die Familie war "gut integriert", sagt der evangelische Pfarrer Axel Bertholdt, der den Helferkreis WiN (Willkommen in Neunkirchen) mitgegründet hat. Die Helfer erzählen von der Familie Koburja, weil sie überzeugt sind, dass der Fall all jenes offenbart, was in der Flüchtlingspolitik schief läuft.


15 000 Euro Spenden gesammelt

Der Deutschland-Aufenthalt wurde für Dhurata Koburja zu einer großen Irrfahrt. Die 44-Jährige war durch ein Hüftleiden stark gehandicapt. Ein Arzt stellte eine Operation in Aussicht - aber erst nach der Anerkennung. "Sie saß zu Hause auf dem Bett und konnte sich kaum bewegen", erzählt Elke Hanstein. Die Helfer organisierten ehrenamtliche Physiotherapie für die 44-Jährige und sammelten Spenden für eine Hüft-OP.
15 000 Euro kamen zusammen. Nach Ablehnungen in vielen Kliniken hatte sich endlich eine Operateurin gefunden - doch da begann die Odyssee erst.

Denn mittlerweile lebte die Familie in Bamberg. Um etwa Dhurata Koburja eine Voruntersuchung zu ermöglichen, musste Elke Hanstein nach Bamberg fahren und "viele Genehmigungen einholen", bis sie die Patientin zur Untersuchung nach Nürnberg bringen durfte.

Als OP-Termin stand der 12. Juli fest. "Der Termin war den Behörden bekannt", betont Elke Hanstein. Trotzdem verschickten die Bürokraten in der ersten Juni-Woche den Rückführungsbescheid. Innerhalb einer Woche sollte die Familie ausreisen. Dhurata und Xhevan Koburja klagten vor dem Ombudsteam der Stadt Bamberg (siehe Artikel unten). Ein Eilrechtsantrag wurde gestellt.

Vergebens. Ohne Vorwarnung stand am 14. Juni um 5 Uhr früh die Polizei vor dem Zimmer der Familie Koburja in Bamberg. Von der Toilette aus schickte ein Kind per SMS einen Hilferuf an Elke Hanstein. Die schlug sofort Alarm. "Ist denn das Verfahren abgeschlossen?", fragte sie bei der Regierung in Bayreuth nach. Antwort: "Nein!" "Warum wird dann abgeschoben?" "Wissen wir auch nicht."


Verriegelte Fenster

Verstehen werde sie das nie, sagt Elke Hanstein. Noch ein Viertel Jahr nach der "Rückführung" ist Anita Brütting aufgebracht, wenn sie erzählt, wie so eine Abschiebungen organisiert wird: Die Polizei komme überraschend in den Morgenstunden. Die Räume seien ja nicht absperrbar; dafür seien die Fenster verriegelt, damit niemand fliehen könne. Die Betroffenen würden aufgefordert, einen Koffer zu packen und den Rest ihrer Habe zurückzulassen. "Sie müssen ihr Handy vor den Augen der Polizei in die Koffer packen, damit sie unterwegs bis zum Flughafen niemanden mehr anrufen können. Ich war unter Schock, als ich die Not-SMS erhielt", erinnert sich Anita Brütting.

Sie und Elke Hanstein sagen, das Balkan-Zentrum wirke "wie ein Gefängnis". Von Neunkirchen am Brand aus habe man die Familie Koburja mit Lebensmitteln und Bettzeug versorgt, denn offiziell gab es nur Laken aus Papier und ein dünnes Fleece zum Zudecken. Die Flüchtlingspolitik empört Anita Brütting: "Warum schaut niemand genauer hin, wer sich integrieren kann und wer nicht." Die Familie Koburja jedenfalls habe es verdient zu bleiben: "Sie war sprachlich fit und alle hatten Arbeitsmöglichkeiten in Aussicht."

Pfarrer Axel Bertholdt hat den Eindruck: "Die Ämter sind nicht untereinander informiert. Und es weiß keiner genau, wie es geht, es kennt sich keiner genau aus in diesem Rechtssystem." Die Familie Koburja sei nicht mal über ihre Abschiebung informiert gewesen, "bis die Polizei vor der Tür stand".


Rückkehr und Operation geglückt

Immerhin: Der Fall Koburja hat ein kleines Happy End. Mit immensem Aufwand (auch finanzieller Art durch die Helfer) gelang es, für Dhurata Koburja eine "vorzeitige Betretungserlaubnis" zu erwirken. Daher kam sie am 8. Juli zurück nach Deutschland, um am 11. Juli in der Klinik Hallerwiese in Nürnberg erfolgreich operiert zu werden. "Als einzelner Mensch kann ich nur Einzelnen helfen", sagt die 76-jährige Elke Hanstein. Sie sei "erfüllt, dass es in diesem Fall gelungen ist". Auch Anita Brütting betont das befreiende Gefühl, helfen zu können: "Für uns sind es keine Asylanten gewesen." Und die Geschichte zwischen den Flüchtlingen und ihren Helfern ist auch nicht zu Ende: Dieser Tage sind Elke Hanstein und Anita Brütting auf dem Weg nach Albanien, um die Abgeschobenen in ihrem Bergdorf zu besuchen.