Für diesen Artikel macht Jennifer Mattle genau das, was auch ihr Beruf ist. Sie dolmetscht, Corona geschuldet, die per E-Mail geschickten Fragen in einem Video-Anruf an eine ihrer Kundinnen und sendet diese wieder verschriftlicht zurück.

Mattle ist Gebärdensprachdolmetscherin aus dem Landkreis Forchheim. In der Region ist sie in allen Bereichen zuständig, "in denen eine reibungslose Kommunikation nötig ist", sagt sie. Das umfasse Arztbesuche ebenso wie den privaten Bereich: Hochzeiten, eine Taufe oder den Besuch von Gottesdiensten zum Beispiel.

Um beruflich zu dolmetschen, gibt es mehrere Möglichkeiten. Aufträge bekommt sie über eine zentrale Vermittlungsstelle, in deren Liste man sich als Dolmetscherin eintragen lassen könne. Über diese werden dann Aufträge und Anfragen Gehörloser koordiniert. Oder Kunden kontaktieren Mattle direkt, entweder, weil sie durch eigene Suche auf ihren Namen gestoßen sind oder es sich aus bisheriger Zusammenarbeit ergibt.

Die 22-jährige Lisa Tresch aus Lisberg ist eine ihrer Kundinnen. Sie ist gelernte Schreinerin, momentan aber in Elternzeit. Ihr Alltag beschränke sich deshalb aktuell größtenteils auf ihre Töchter.

Abgesehen davon beginne die Problematik, sich zu verständigen, durch die Maskenpflicht bedingt schon beim Einkaufen. "Aber durch Zeigen oder Aufschreiben geht es mit dem Verständigen schon irgendwie", macht sie deutlich. Viel laufe dann auf das Zeigen hinaus.

Dadurch fühle sie sich schnell ausgeschlossen, "da ich dann nämlich nichts, also wirklich gar nichts mitbekomme und das trifft mich schon sehr", so Lisa Tresch. Sie versuche dann ihrem Gegenüber zu erklären, dass sie gehörlos ist und ob er die Informationen für sie aufschreiben könne.

Dolmetscherin Jennifer Mattle ergänzt: "Wichtig ist hier, sich auf das Wesentliche zu beschränken, durch die andere Grammatik ist es für viele Menschen mit einem Hörschaden schwierig, die Hauptinformation herauszufiltern."

Mehr als die Hände

Die Gebärdensprache funktioniere nicht nur durch eine bestimmte Stellung und Bewegung der Hände, sagt Dolmetscherin Mattle. "Die Mimik ist sehr wichtig, weil man darüber die Grammatik regelt." Hochgezogene Augenbrauen beispielsweise und ein leicht nach vorne gebeugter Oberkörper bedeuten eine Frage. Wut wiederum drücke man durch schnelleres und abgehackteres Gebärden aus.

Ein allgemeiner Irrglaube bestehe darin, dass Gehörlose alles von den Lippen ablesen können. "Es ist aber nur rund 30 Prozent von den Lippen ablesbar", sagt Mattle. Die Worte Mutter oder Butter zum Beispiel seien im Lippenbild gleich und deshalb nicht durch die Mundform zu unterscheiden.

Trotzdem macht es gerade das Maskentragen aktuell schwieriger für die Gehörlosen, wenn es bei der Unterscheidung zweier Wörter doch auf Lippen und Mimik ankommt, beispielsweise weil die Handform gleich ist und sich nur durch das Mundbild unterscheiden.

Die 31-Jährige hat Gebärdensprachdolmetschen in Zwickau studiert. "Es schadet nicht, wenn man ein Talent für Sprachen hat, aber letztendlich ist es wie jede andere Sprache auch", sagt sie über den Lernprozess als Hörene. Es sei zwar eine visuelle Sprache, aber vom Erlernen her ähnlich wie andere Lautsprachen.

Jedes Land habe darüber hinaus seine eigenen Gebärden. Und nicht nur das, es gibt auch unterschiedliche Dialekte, an Regionen gebunden, so Jennifer Mattle. Während des Studiums in Zwickau habe sie den sächsischen Dialekt gelernt. Zurück in der Heimat habe sie sich einen bayerischen angeeignet.

Jennifer Mattle schätzt als Hörende Kleinigkeiten an der Sprache. Teilweise dauern Sätze nicht so lang, "weil man den Raum vor sich wie eine Bühne nutzen kann." Man müsse nicht erst die Blumenvase auf dem Tisch in der Ecke verbalisieren, sondern könne diese direkt mit einbeziehen, nennt sie ein Beispiel.

Tägliche Fülle an Geräuschen

"Wenn man sich einfach mal einen ganz normalen Tag lang darauf konzentriert, wie viele Informationen man als Hörender so ,nebenbei' aufschnappt, wird einem erst bewusst, wie viele Inhalte für Gehörlose zu großen Teilen verloren gehen", sagt Mattle.

Lisa Tresch würde es begrüßen, wenn alle die Gebärdensprache können würden. Auch als Unterrichtsfach könne sie sich das gut vorstellen. "Es wäre wirklich schön, wenn im allgemeinen Umfeld nachgerüstet werden würde, oder Menschen für die Thematik sensibler wären. Zum Beispiel beim Arzt aufgerufen werden, das geht immer an mir vorbei", so die 22-Jährige. Auch Zugansagen werden meistens nur über Lautsprecher kommuniziert, ebenso sehe es mit Bekanntmachungen im Radio aus. Gut klappe eine Kommunikation hingegen beispielsweise im Bus, wenn Bildschirme die jeweiligen Stationen anzeigen.